7
Mrz
2009

Das Milgram-Experiment

Das aufsehenerregende Experiment wurde Anfang der 60er Jahre von Stanley Milgram durchgeführt, um aufzuzeigen, wie sich Menschen unter Einfluss von Autorität verhalten, einer Autorität, die keine Gewalt ausübt. Es stellt gewissermaßen eine Fortsetzung des Konformitäts-Experiments des amerikanischen Psychologen Asch dar. Aus der Ausgangsfrage erwuchs ein komplexes Gebilde weiterführender Fragen, die dazu führten, dass das ursprüngliche Experiment 18-mal variiert wurde. Die Motivation für diese Experimentalreihe lieferten die Ereignisse des 2. Weltkrieges. Warum waren unter der Naziherrschaft so viele Menschen bereit, sich in den Dienst einer Tötungsmaschinerie zu stellen? Lag es an einem Charakterfehler dieser Menschen oder gibt es Situationen, in denen möglicherweise jeder in der Lage wäre, andere Menschen zu quälen und zu töten?

Das Milgram-Experiment ist eines der bekanntesten, aber auch umstrittensten Experimente der Psychologie und verursachte seinerzeit große Aufregung. 1970 wurde das Experiment in Deutschland wiederholt. Dabei entstand der Film "ABRAHAM - Ein Versuch".

Der Grundaufbau

Das Experiment wurde an der Yale Universität in New Haven, USA durchgeführt. Die Versuchspersonen (im Folgenden Vpn), die sich auf eine Zeitungsannonce meldeten, stammten aus allen sozialen Schichten und Berufsfeldern. Zunächst handelte es sich um Männer zwischen 20 und 50 Jahren. Die Teilnahme am Experiment wurde mit vier Dollar bezahlt. Bei der Ankunft im Labor lernte jeder Teilnehmer den „wissenschaftlichen Versuchsleiter“ (im Folgenden Vl) kennen und traf einen weiteren Teilnehmer, den „Schüler“, der in seine Rolle eingeweiht war. Nachdem der Vl das „Lernexperiment“, bei dem es sich angeblich um die Auswirkung von Bestrafung auf die Lernfähigkeit handelte, erklärt hatte, wurden die Rollen durch ein manipuliertes Losverfahren festgelegt. Die echte Vp wurde zum Lehrer. Der Schüler nahm in einem Nebenraum auf einer Art „elektrischem Stuhl“ Platz und wurde dort festgebunden, um angeblich starke Bewegungen während des Schocks zu vermeiden.

Milgram-Setting

Stanley Milgram und sein Schockgenerator
Schockgenerator1

Nachdem die Vp (Lehrer) einen Probeschock von 45 V bekommen hatte, setzt sie sich in dem anderen Raum vor den Schockgenerator, an dem sich 30 Schalter mit einer Skala von 15 V bis 450 V befanden. Zusätzlich befand sich dort noch eine Einteilung von "leichtem Schock" bis "Gefahr: Bedrohlicher Schock".

schockgenerator-Skala

Der Schüler sollte nun Wortpaare lernen und für jeden Fehler mit Stromschlägen bestraft werden, wobei nach jeder falschen Antwort die Voltzahl um 15 V erhöht werden sollte. Gab der Schüler keine Antwort, sollte dies als falsche Antwort gewertet werden. Der Vl erklärte, dass die Schocks zwar äußerst schmerzhaft sein können, jedoch keine bleibenden Gewebsschäden hinterlassen würden.

Im Spielfilm „I wie Ikarus“ (F, 1979) von Henri Verneuil wird das Experiment in einer längeren Szene nachgestellt:




Der Lehrer wusste nicht, dass das Opfer natürlich keine Schocks erhielt und die Schmerzensschreie und Proteste, die nach den ersten Versuchen (ohne Rückkopplung) zum Standard wurden, nur gespielt waren. Der Versuch wurde als beendet betrachtet, wenn die Vp das Experiment frühzeitig abbrach (erst nachdem vier verschiedene, festgelegte Aufforderungen des Vls, die Vpn zum Fortsetzen des Experiments zu bewegen, scheiterten), oder wenn sie dem Schüler drei mal die höchste Schockstufe zugefügt hatte. Nach Beendigung des Versuchs fand jeweils eine Nachbesprechung statt.

Ergebnis des Grundexperiments

Das Ergebnis der ersten Versuche war schockierend. Fast 2/3 der Vpn waren gehorsam und gingen bis zur höchsten Schockstufe. Keine Person endete vor 300 V. Allerdings waren die Proteste des Opfers kaum wahrnehmbar, es beschwerte sich erst bei 300 V durch Schläge gegen die Wand.

Varianten des Grundexperiments und deren Ergebnisse

Für Milgram stellte sich die Frage, ab welchem Punkt die Vpn „ungehorsam“ werden würden, welche Bedingungen geschaffen werden müssten, damit eine Person den Befehlen des Vls nicht mehr Folge leisten würde. Er begann, den Versuchsablauf zu variieren, wobei das Ergebnis eines jeden Experiments neue Fragen aufwarf, denen Milgram nachzugehen versuchte.

So veränderte Milgram beispielsweise die Distanz zwischen der Vp und dem Opfer, wobei sich herausstellte, dass bei größerer Nähe die Gehorsamsverweigerung signifikant zunahm. Bei akustischer Rückkopplung waren 62,5%, bei Raumnähe 40% und in Berührungsnähe 30% gehorsam.

Des weiteren wurden die Proteste des Schülers vehementer, er beklagte sich sogar über einen Herzfehler (65%) und ging nur unter Vorbedingungen in das Experiment (40%). Auch wurde das Personal gewechselt (50%).

Um einen institutionellen Zusammenhang zu überprüfen, wurde das Experiment in ein etwas verwahrlostes Bürohaus einer „unbekannten Institution“ verlegt, doch auch hier veränderte sich wenig am Ergebnis. Allerdings verweigerten die einzigen zwei Personen den Gehorsam schon zu Beginn (47,5%)

Teilweise signifikante Veränderungen wurden bei weiteren Versuchen festgestellt. Verließ z.B. der Vl den Raum und gab seine Anweisungen nur über Telefon, sank die Gehorsamsbereitschaft erheblich, und viele Vpn verabreichten wesentlich niedrigere Schocks als sie vorgaben (20,5%). Bei einem anderen Versuch wurde ihnen die zu verabreichende Schockhöhe freigestellt (2,5%). Dabei hat sich gezeigt, dass die Vpn nicht grundsätzlich aggressiv oder sadistisch waren. Nur zwei Personen vergaben mehr als 150 V, die meisten verabreichten noch geringere Schocks (ab 150 V wurden die Proteste des Schülers stark, er bat jeweils darum, aus dem Experiment entlassen zu werden.)

Es gab eine Reihe von Experimenten, in der die Grundstruktur der Versuche geändert wurde. Hier ging es um die Elemente Position, Status und Aktion. Die Position beinhaltet, ob eine Person den Schock anordnet, verabreicht oder empfängt. Der Status bezieht sich darauf, ob eine Person als Autorität oder als gewöhnlicher Mensch präsentiert wird. Die Aktion bezieht sich besonders darauf, ob die Person die Verabreichung von Schocks befürwortet oder sich ihr widersetzt. In einem Versuch bat der Schüler um Fortführung der Schocks (0%), in einem anderen spielte der Vl das Opfer (0%). Sobald der Vl die Beendigung forderte, hörten ausnahmslos alle Vpn auf. Beim Auftreten von zwei widersprüchlichen Autoritäten, verweigerten die Vpn dem Vl den Gehorsam, der eine Weiterführung forderte (0%). Aus den zuletzt geschilderten Versuchen geht eindeutig hervor, dass der Status der Autorität selbst den Gehorsam bewirkt, unabhängig von den Inhalten der Befehle oder der Position der Autorität.

Schließlich gab es noch zwei Experimente, die sich mit der Auswirkung von Gruppen befassen. Wurde der Ungehorsam von anderen „Versuchsteilnehmern“ vorgespielt, fiel es den Vpn wesentlich leichter, selbst auch den Gehorsam zu verweigern. Keine Variation beschnitt die Macht der Autorität wirksamer: nur noch 10% waren dazu bereit, die höchste Schockstufe zu geben. Doch ebenso leicht ist es auch, Mitläufer bei „negativen“ Aktionen zu sein. Im entsprechenden Versuch war die Vp nur „Handlanger“, sie las z.B. nur Begriffe vor, bestrafte aber nicht selbst (92,5%).

Frauen im Milgram-Experiment
In einem einzigen Experiment wurden Frauen als Vpn einbezogen. Das Verhalten der Frauen ist besonders interessant hinsichtlich zweier Tendenzen, die in komplexen Studien auf dem Gebiet der Sozialpsychologie dokumentiert sind. Erstens haben Nachgiebigkeitstests erwiesen, dass Frauen stärker nachgiebig sind als Männer (WEISS, 1969). Daraus folgt, dass man bei den Experimenten mit einer erhöhten Gehorsamsbereitschaft rechnen müsste. Andererseits hält man Frauen aber für einfühlsamer und weniger aggressiv als Männer, so dass ihre Abneigung und somit der Widerstand gegen das Verabreichen von Schocks höher sein müsste.
Die Gehorsamsbereitschaft der Frauen war fast identisch mit der der Männer. 65% waren gehorsam. Dennoch waren die erlebten Konflikte der Frauen stärker als die der Männer, wie sich in den nachfolgenden Gesprächen zeigte.

Milgram hätte es ebenfalls interessant gefunden, Frauen in der Rollenfunktion als Opfer oder auch Vl einzusetzen. Als Opfer hätten sie seiner Vermutung nach zu einer höheren Gehorsamsverweigerung auf Seiten der männlichen Vpn geführt.

Replikation des Experiments in Deutschland
Für die Wiederholung des Experiments in München (1970) wurden 101 Vpn (19 – 49 Jahre) in Privatunternehmen und Regierungsstellen gewonnen. Es wurde im Zentrum in einem Gebäude als Sitz des „Max-Planck-Institut: Forschungsstelle für Lernverhalten“ in drei Variationen durchgeführt. Im Grundaufbau (Film - ABRAHAM - Ein Versuch) waren 85% gehorsam. Bei der fingierten Entlarvung des Vl als gewöhnlichem Studenten blieben 52% gehorsam und bei Selbstentscheidungsbedingungen (ob, und wie weit) immerhin noch 7%.

Milgrams Erklärungsansatz - Kybernetisches Modell und Agens-Zustand
Evolutionärer Ansatz
Milgram versucht, die Gehorsamsbereitschaft der Vpn evolutionär zu erklären. Die kybernetische Theorie geht davon aus, dass menschliche Individuen nach und nach verbesserte Überlebensstrukturen entwickelt haben, indem sie einerseits Mechanismen entwickelten, die sie davon abhalten, sich gegenseitig als "Nahrung" anzusehen und umzubringen. Darüber hinaus schlossen sich die Individuen in Verbindungen zusammen und lernten so, gemeinsame Interessen besser durchsetzen zu können. Das System funktioniert nur, wenn der Einzelne seine eigenen Herrschaftsinteressen zugunsten eines übergeordneten Systems unterdrückt. Wenn ein Individuum sich in diesem Zustand befindet, ist es bereit, Autoritäten zu gehorchen. Der Zustand wird als "Agens-Zustand" bezeichnet.

Voraussetzungen für den Agens-Zustand

Die Voraussetzungen für den Agens-Zustand werden uns laut Milgram schon anerzogen. Der Mensch lernt früh, dass er für Gehorsam belohnt, für Ungehorsam bestraft wird. Er lernt zu erkennen, in welchen Situationen man auf Autoritäten hört und woran man die Autoritäten erkennt. Im Fall des Experiments stellt der Vl im Kittel in seinem Labor eine Autorität dar, die die Wissenschaft vertritt (legitime Autorität). Er ist befugt, das Experiment betreffende Befehle zu erteilen. Die Vp ist Teil des Systems, da sie sich zu dem Experiment bereit erklärt hat und der Wissenschaft dienen möchte (Anerkennung des ideologischen Rahmens). Die Macht wird dem Vl zu einem großen Teil von der Vp gegeben. Sobald eine Zustimmung zur Autorität da ist, kann sie nur schwer wieder entzogen werden.

Folgen

Die Person fühlt sich nicht mehr verantwortlich für die Auswirkungen ihrer Taten, sondern nur dem Vl gegenüber. Der Ursprung der Handlungen wird im Vl gesehen, nicht in der Person selber.

Bindungsfaktoren
Was hält so viele Vpn im Agens-Zustand, obwohl die Handlungen, die die Autorität anordnet, unmoralisch sind? Wieso machten die Personen entgegen ihrer Überzeugung weiter?
  • Konsequenter Charakter des Handlungsablaufs: Durch den schleichenden Anstieg der Schockhöhen rutscht die Vp in den Handlungsablauf hinein. Am Anfang besteht noch wenig Grund zum Ungehorsam, doch später müsste die Vp sich eingestehen, dass sie bisher falsch gehandelt hat. Das Fortführen des Experiments rechtfertigt die vorigen Handlungen.
  • Situationsbedingte Verpflichtungen: Ein Abbruch des Experiments stellt in den Augen der Vp auch zugleich einen "Vertragsbruch" dar, da sie zu Beginn darin eingewilligt hat, an dem Experiment teilzunehmen. Außerdem untersteht die Vp einer gewissen Etikette und hält es für sozial unerwünscht und unhöflich, respektlos das Selbstbild des Vls in Frage zu stellen.
  • Angstzustände: Wenn eine Vp darüber nachdenkt, das Experiment abzubrechen und der Autorität den Gehorsam zu verweigern (dass sie das tut, sieht man an vielen Spannungsmerkmalen wie Zittern), überkommt sie Angst vor den Folgen, vor der Bestrafung dieses sozialen Regelverstoßes.
Entstehung von Ungehorsam
Die Vpn stehen unter großer Spannung, die durch verschiedene Ursachen (z.B. das Zufügen von Schmerzen, die Schreie des Opfers, Angst vor Rache etc.) hervorgerufen werden. Die Spannungen werden durch größere Entfernung zwischen Vp und Opfer gemindert. Darüber hinaus haben die Vpn unterschiedliche Mechanismen, Spannungen abzubauen:
  • Abwenden vom Opfer und Konzentration auf die Aufgabe.
  • Physische Reaktionen wie Zittern, nervöses Lachen oder Schwitzen.
  • Leugnung der Tatsache, dass dem Schüler wirklich Schocks verabreicht werden.
  • Leugnung der eigenen Verantwortlichkeit und Übertragung dieser auf den Vl oder das Opfer (es hat sich ja freiwillig gemeldet).
  • "Minimalgehorsam": Überdeutliches Sprechen bei der richtigen Antwort, nur kurzes Antippen der Schocktasten.
  • Diskussion mit dem Vl und dadurch Äußern des Unbehagens.
Das maximale Mittel, um Spannungen abzubauen, ist der Ungehorsam. D.h., dass die oben genannten Möglichkeiten eigentlich dem Ungehorsam entgegenwirken, da sie die Spannung abbauen. Ist die erlebte Spannung aber so groß, dass diese Verhaltensweisen nicht ausreichen, tritt der Ungehorsam ein.

Abschließende Betrachtung, Kritik und Anmerkungen

Was auch immer an Milgrams Experiment zu kritisieren ist, es zeigt auf jeden Fall die Bedingungen von Gehorsamsbereitschaft gegenüber einer Autorität und ist in der psychologischen Forschung ein Vorbild an methodischer Sorgfalt.

Die Problematik des Gehorsams gegenüber Autoritäten besteht in jeder Gesellschaft. Bisher funktioniert keine Gesellschaft ohne Hierarchien. Diese sind sinnvoll, wenn sie Überlebensvorteile bringen. Für ein Individuum ist es jedoch schwierig, sich als autonom handelndes Wesen zu begreifen, hat es sich erst einmal in eine Hierarchie eingegliedert.

Die Gefahr, unmenschliche Anweisungen zu befolgen, ist in einer fortgeschrittenen Bürokratie deshalb größer, weil das Individuum i.d.R. von den Konsequenzen seiner Handlungen getrennt ist. So ist es z.B. recht einfach, bei der Bearbeitung von Akten die Folgen für andere zu verdrängen. (Beispiel: A. Eichmann, den Milgram mehrmals in seinem Buch erwähnte. {„Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive. ... Er hatte sich nur ... niemals vorgestellt, was er eigentlich anstellte.“ (aus H. Arendt 1964 Eichmann in Jerusalem – Von der Banalität des Bösen S.16)}

Umfragen nach dem Motto "Wie weit würden Sie in einer Milgram-Situation gehen?" ergeben völlig konträre Werte. Kaum jemand glaubt, dass er sich in einer solchen Situation der Autorität beugen würde. Prognosen, die 40 Psychiater vorab über den Ausgang dieses Experiments abgaben, erwiesen sich ebenfalls als großer Irrtum. Sie waren der Meinung, dass die Mehrheit nicht über 150 V gehen würde und weniger als 4% bei 300 V noch gehorchen würden. Nur etwa 0,1% sollten wirklich bis 450 V gehen. Auch diese Experten überschätzten offensichtlich die Rolle der Persönlichkeit ganz erheblich, während sie die Macht der Situation unterschätzten. [Ein fundamentaler Attributionsfehler! Sie glaubten, dass Handlungen eines Menschen aus ihm selbst entspringen und keine anderen Ursachen haben, als die Entscheidung, etwas zu tun oder zu lassen. Das Verhalten im Experiment wurde vorhergesagt, ohne die Situation zu bedenken, in der sich diese Menschen befinden, und die größeren Einfluss hatte als die Überzeugungen der Vpn.
(vgl. W. Stroebe, M. Hewstone, G.M. Stephenson Hrsg. 1996 Sozialpsychologie S. 541 und Kap.7)
]

Nach den Versuchen waren die Vpn ausnahmslos sehr erregt und manche geradezu gebrochene Menschen. Sie waren sich also offensichtlich bewusst, was sie getan hatten, und verweigerten trotzdem nicht den Gehorsam.

Auch wenn das Milgram-Experiment heute noch zu ähnlichen Ergebnissen führen würde, kann man davon ausgehen, dass sie etwas weniger krass wären. Die Vpn der 60er Jahre sind allgemein wesentlich strenger und autoritärer erzogen worden als die nachfolgenden Generationen. Erst die „68-er“ zeigten hinsichtlich ihres Verhaltens gegenüber Autoritäten einen deutlichen Bruch.

Allgemeine Kritik

Eine bedeutende Frage ist, ob die Beobachtungen im Labor tatsächlich auf die Wirklichkeit außerhalb des Labors übertragbar sind, und ob die Beobachtungen im Experiment auch tatsächlich das widerspiegeln, was man glaubt zu beobachten. Kritiker machen auf Punkte aufmerksam, die sich vor allem auf die Generalisierbarkeit der Ergebnisse beziehen. Man kann behaupten, dass die im Labor untersuchten Personen nicht repräsentativ für die Bevölkerung waren. Die Experimente wurden aber auch in anderen Ländern wiederholt, wo die Ergebnisse stets etwas höher ausfielen als in den USA, was auch darauf zurückzuführen ist, dass beispielsweise in München (85%) weniger strenge Anforderungen an die Methodik gestellt wurden und die Vpn unter erheblich höherem Druck seitens des Vl standen.
  • Alle Teilnehmer waren Freiwillige. D.h., dass sie sich von der übrigen Bevölkerung unterschieden, da sie i.d.R. ein überdurchschnittliches Interesse an wissenschaftlichen, insbesondere psychologischen Untersuchungen hatten. Dies legt die Annahme nahe, dass diese Personen auch überdurchschnittlich wissenschaftsgläubig waren. [„Der Psychologe war nicht nur eine Autorität, der man Gehorsam schuldig ist, sondern ein Vertreter der Wissenschaft und repräsentierte eines der angesehensten Institute des höheren Bildungswesens in den Vereinigten Staaten. In Anbetracht der Tatsache, dass die Wissenschaft in der heutigen Industriegesellschaft weitgehend als der höchste Wert angesehen wird, ist es für den Durchschnittsbürger schwer zu glauben, dass das, was die Wissenschaft befiehlt, falsch oder unmoralisch sein könnte." (E. Fromm 1977 Anatomie der menschlichen Destruktivität S.70/71)]
  • Die Vpn wurden bezahlt. Dass einige versuchten, sich durch die Rückgabe des Geldes „aus der Affäre zu ziehen“, macht klar, dass die Bezahlung einen weiteren Bindungsfaktor darstellte, der in der Analyse der Ergebnisse vernachlässigt wurde. Immerhin gaben fast 9% der Vpn an, der Hauptgrund für die Teilnahme sei die Bezahlung gewesen.
  • Außerdem ist die Situation des Experiments noch dadurch von realen Situationen verschieden, dass sie sich in einem begrenzten zeitlichen Rahmen abspielt. Der Zeitraum des einzelnen Experiments erstreckte sich etwa über eine Stunde (in eine vergleichbare gesellschaftliche Situation ist man meist für einen längeren Zeitraum involviert), was bedeuten könnte, dass einige Vpn die beste Möglichkeit, sich dieser extremen Anspannung zu entziehen, darin sahen, das Experiment möglichst schnell zu Ende zu bringen und nicht den Gehorsam zu verweigern.
Eine andere Frage ist, ob das, was hier beobachtet wurde, auch tatsächlich der Gehorsam ist. Stuwe und Timaeus gehen davon aus, dass die Begriffe "Experiment" oder "psychologische Untersuchung", mit denen die Vpn geworben wurden, die Situation, in der sich die Beteiligten dann im Labor befinden, bereits so definieren, dass jemand Anweisungen befolgt, die ein anderer gibt. Außerdem wird attribuiert, dass grundsätzlich ein sinnvolles Experiment durchgeführt wird. Die Vp stellt sich allein durch die Teilnahme am Experiment unter die Befehlsgewalt des Vl. Auch in der Gesellschaft wird angestrebt, dass Menschen sich freiwillig einer Autorität unterordnen, da dies eine wesentlich höhere Gehorsamsbereitschaft erzeugt, als bei erzwungenen Situationen. Diese Überlegungen bestätigen noch einmal, dass Milgrams Untersuchungen sich ausschließlich auf Fälle von freiwilligem Eintritt in eine Hierarchie beziehen.

Persönliche Kritikpunkte und Anmerkungen
Die Vpn reagierten m.E. im Experiment auf die inszenierte Wirklichkeit als Ganzes, also nicht nur auf Elemente, durch die der Vl Verhalten intendierte, in diesem Fall das Auslösen von Ungehorsam. Dass der Schüler beispielsweise wiederholt nach Protest und Wehklagen mit der Beantwortung fortfuhr, könnte von der Vp vielleicht unbewusst auch als unausgesprochenes Einverständnis für den Fortgang des Experiments gedeutet werden.

Die Aufmerksamkeit der Vpn war vom einzuhaltenden Ablauf sicher stark absorbiert, sodass viele vielleicht kaum in der Lage waren, das in einigen Fällen eigentlich unlogische Verstummen und erneute Fortfahren des Schülers zu realisieren bzw. zu interpretieren. Der zuvor für viele fast zwingende Handlungsbedarf, löst sich nach Beruhigung des Schülers und der Aufforderung des Vl zum Weitermachen wahrscheinlich bei einem hohen Prozentsatz einfach auf. Ich bin mir sicher, dass anhaltender Protest seitens des Schülers bzw. seitens eines echten Schülers zu mehr Abbrüchen geführt hätte. [„Gerade die Tatsache, dass viele dieser Experimente, um überhaupt durchführbar zu sein, mit der Vorspiegelung falscher Tatsachen arbeiten müssen, beweist ihre besondere Unwirklichkeit; das Gefühl der Teilnehmer für die Wirklichkeit wird in Verwirrung gebracht, und ihr kritisches Urteilsvermögen wird stark reduziert.“(s.o.S 86)]

Die Vpn, die den Gehorsam verweigert haben, sind nicht unbedingt die „besseren Menschen". Vielleicht stand bei manchen gar nicht so sehr das Wohl des Schülers im Vordergrund, sondern die Möglichkeit durch Ungehorsam die enorme innere Anspannung zu reduzieren. Die Dokumentation der Abbruchversuche bei den Gehorsamen wäre da u.U. interessant gewesen.

Kann uns vielleicht das Milgram-Experiment noch am ehesten das Unfassbare des Verwaltungsmassenmords im Dritten Reich erklären, nicht nur hinsichtlich der sozialpsychologischen Erkenntnisse, sondern vielleicht auch gerade dadurch, dass es sich, wie beim Experiment, um eine in gewissem Maße inszenierte Wirklichkeit handelte?

Die Ergebnisse sind, wenn auch im Detail nicht ganz hieb- und stichfest, von ihrer Grundaussage her nicht zu leugnen. Ist prinzipiell also fast jeder Mensch unter gewissen Umständen zu Taten bereit, die er sich vorher überhaupt nicht vorstellen konnte? Das Ergebnis dieser Untersuchung scheint zu zeigen, wie unmöglich es sein kann, sich selbst richtig einzuschätzen und sein Verhalten für Extremsituationen vorauszusagen, auch wenn der subjektive Eindruck, es sei möglich, sehr stark ist. Heute würde es allerdings aus ethischen Gründen keine Wiederholung solcher Experimente mehr geben.

Was uns dieses Experiment vielleicht lehren kann, ist eine gewisse Skepsis gegenüber Anweisungen, Übereinkünften, Regeln und Erwartungen. (Natürlich nicht Respektlosigkeit und generelle Verweigerung von Gehorsam!)





Leider ist im Netz kein Video der deutschen Replikation (München) zu finden. Ich habe mir aber mal die Mühe gemacht und fast alle Statements der Vpn aus dem Leihfilm herausgeschrieben, zumindest die, die ich verstanden habe:

Statements aus "Abraham - Ein Versuch"

„Wenn man so dort sitzt, da kommt einem Verschiedenes durch den Kopf. Ich hab‘ eigentlich gar nicht gedacht, dass ich so sein kann.“

„ ..... ??? “

„Ich wollte ausschließlich die Anordnungen ausführen, die man mir gegeben hat.“

„Ich hab’ mir halt gedacht: Je schneller, desto besser!“

„Das hat man ja gesehen - unter dem Hitler - wie weit das geführt hat, diese treue Pflichterfüllung.“

„Man kann daraus sehen, wie weit Menschen um einer Sache willen einen anderen Menschen quälen.“

„Die Schmerzen von 30 oder 40 Testanten sind in Kauf zu nehmen, wenn man bedenkt, dass vielleicht von dem Test also doch sehr wertvolle Erfahrungen gewonnen werden können.“

„Ich war halt nur von dem Gedanken so besessen, ich muss das Ganze jetzt durchführen, und ich war fassungslos, wie gesagt.“

„Es könnte ja sein, dass er vor lauter Angst keine Antwort mehr gewusst hat.“

„Er war durch den Schock auch nicht mehr in der Lage zu schreien.“

„Ich hab‘ so das Gefühl gehabt, er wurde ohnmächtig.“

„Wenn man dann so weit ist, dann sollte man den Weg zuende gehen.“

„Die größte Nervosität für mich war einzig und allein zwischen 180 und 240 vielleicht. Nachher wurde mein Gefühl wieder kalt.“

„Wenn ich mir vorstelle, dass bei 290 Volt der dann so schreien tut, dass man das dort drüben in dem Zimmer hört, dann kann ich mir vorstellen, dass bei 450 schon alles aus ist.“

„...und hab‘ nicht genau hingeschaut, was da überhaupt unten drunter steht.“

„Dasselbe hätte auch mich treffen können.“

„Das war ja dieser Schock für mich, dass man mich hochgenommen hat, während ich dachte, man hat einen anderen hochgenommen.“

„Der junge Mann, der auf dem Stuhl gesessen ist, hätte wahrscheinlich dasselbe mit mir gemacht.“

„Ich wäre doch, im Grunde genommen, um das ganz krass auszusagen, in der Lage gewesen, einen Menschen zu ermorden, als willenloses Werkzeug.“

„Ich bin ein Befehlsempfänger.“

„Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf...- Wie in der Hitlerzeit! ... im KZ... Ich bin mir vorgekommen, als ob ich im Glashaus sitzen würde, und unten im KZ laufen Leute herum und die knall‘ ich ab...“

„Ich habe die Verantwortung auf andere geschoben - sozusagen.“

„... und jetzt sind wir wieder genau an dem Standpunkt, entschuldigen Sie bitte, was man mir schon seit 45 eintrichtert: Dass der kleine Mann schuld ist. Und es kann leicht in irgendeine Misere hineinrutschen, wo man drin ist und nicht wieder rauskommt.“

„Wenn man sich überlegt, wie Menschen leicht zu beeinflussen sind...“

„Ich hab‘ schon gewisse Gewissensbisse.“

„Nun, gezwungen wurde ich auf keinen Fall, das ist mal klar!“

„Also das ist schon bald eine Pflichterfüllung, glaub‘ ich. Ich weiß nicht, ich bin jetzt schon seit dem Jahr 55 Beamter, und da glaub‘ ich, da wird man so: Wenn man was anfängt, dann wird das beendet.“

„Da sieht man, dass der Mensch eine Marionette ist. – Nicht alle!“

„Ich muss mich ja drauf verlassen können, gell, wenn jetzt da irgend sowas gemacht wird, dass da tatsächlich nichts passiert.“

„ ......??? “

„Man macht die Sache weiter!“

„Ich kann es mir einfach in unserer Gesellschaft nicht vorstellen, dass so etwas möglich ist.“

„Und es wird ja auch jeder dazu gebracht, denk‘ ich: auf den Knopf drücken und die Bombe abwerfen.“

„Freilich, da müßte man sich auflehnen und sagen: Das mach‘ ich nicht mehr mit!“

„Es ist immerhin, das muss ich sagen, ein Versuch einer Entdeckung der menschlichen Persönlichkeit.“

Literatur und andere Medien

Milgram, S. (1974). Das Milgram-Experiment. Rowohlt
Arendt, H. (1986). Eichmann in Jerusalem – Von der Banalität des Bösen. Piper
Fromm, E. (1977) Anatomie der menschlichen Destruktivität. Rowohlt
Stroebe, W.; Hewstone, M.; Stephenson, G.M. (1996) Sozialpsychologie. Springer
Geißlinger, H. (1992) Imagination der Wirklichkeit. Campus
Schuchardt, J. (1995) Gehorsam und Verweigerung. MATTHIAS-FILM GmbH
Deutsche Gesellschaft für Psychologie e.V., (1998) Ethische Richtlinien. www.dgps.de
amnesty international; Keller, G. (1981) Die Psychologie der Folterer. Fischer
Mantell, D.M. (1971). Der Nervenarzt - Das Potential zur Gewalt in Deutschland.
Lahr, M. (WS 97/98). Referat zum Milgram-Experiment. Hausarbeiten.de GbR.
Bungard, W. (1980). Die "gute" Versuchsperson denkt nicht. Urban & Schwarzenberg
Bay, R.H. (1981). Zur Psychologie der Versuchsperson. Böhlau
"Damokles" (1/94) Autorität und Gehorsam – das Milgram-Experiment. NGFG
Zimmer, D.E. (1981 Nr. 33) Das Unbehagen an der Autorität. DIE ZEIT

AV-Medien:
Film (1970) - ABRAHAM – Ein VERSUCH von Hans Lechleitner
Dokumentarfilm (1994) - Gehorsam und Verweigerung von Egon Humer
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Das Asch-Experiment


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Zitat

„Derselbe Mensch, der aus innerster Überzeugung Diebstahl, Tötung und Körperverletzung verabscheut, wird sich vielleicht doch in Akte des Raubens, Tötens und Folterns verstricken, und zwar ohne nennenswerten inneren Widerstand, sofern eine Autorität ihm den Befehl dazu gibt. Ein Verhalten, das bei einem Menschen, der aus eigener Verantwortung handelt, undenkbar ist, wird vielleicht ohne geringste Hemmungen praktiziert, wenn ein Befehl es verlangt.“ (Stanley Milgram – Das Milgram-Experiment S. 9)
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