30
Nov
2012

XIV - Stationen 2001-2006

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII, Teil VIII, Teil IX, Nachtrag zu IX, Teil X, Teil XI, Teil XII, Teil XIII

Natürlich habe ich mich total auf das Hauptstudium gefreut. Doch zunächst fühlte ich mich im Gegensatz zu der Eingebundenheit in den ersten vier Semestern richtig verloren. Meine dreiköpfige Kern-Lerngruppe hatte sich durch Auswanderung und unüberwindbare Prüfungsangst* mit anschließendem Abbruch des Studiums in Luft aufgelöst. Das zum einen; zum anderen unterscheiden sich die Wege der Studierenden im Hauptstudium ohnehin zum Teil ganz erheblich voneinander. Man entscheidet sich nämlich bei den drei Anwendungsfächern (klinische, pädagogische, Arbeits-, Betriebs- u. Organisationspsychologie - kurz ABO) für zwei Schwerpunkte, sucht sich ein Wahlfach in einem anderen Studiengang und ein Fach, welches man vertieft studieren will. Dadurch verliert man so einige Kommilitonen aus den Augen.

Ich habe beispielsweise ABO nur basal studiert und mich für klinische und pädagogische Psychologie im Schwerpunkt entschieden. Als Wahlfach habe ich Sexualwissenschaften ausgesucht, und vertieft habe ich Psychophysiologie und Neuropsychologie studiert. Daneben studiert man noch Diagnostik + Evaluation, Interventions- und Forschungsmethoden. Bei Letzterem handelte es sich um Statistik, was man glücklicherweise nach Erreichen eines Scheins ('Multivariate Gruppierungsverfahren der Psychologie' - bäh...) zugunsten der anderen Methodenfächer wieder abwählen konnte, wenn man wollte. Ich wollte. Im Grundstudium mochte ich Statistik zwar ganz gern, doch auf Matrizenrechnungen und Clusteranalysen etc. konnte ich auch gut verzichten. Außerdem war mir da schon klar, dass ich unabhängig vom Thema eine qualitative und keine quantitative Forschungsarbeit abliefern will, obwohl ich das Arbeiten mit SPSS (Statistikprogramm) als sehr befriedigend erlebte.

Am intensivsten habe ich mich in meinem Wahlfach engagiert. Da habe ich allein sechs Scheine erworben, obwohl drei ausgereicht hätten und ich Referatehalten eigentlich gehasst habe wie die Pest. Im Rückblick war für mich bis zum Diplom das freie Reden vor einer Gruppe unverändert das Allerschlimmste, obwohl ich mich dieser Herausforderung ganz bewusst gestellt und keine einzige Hausarbeit angefertigt habe.

Das Projekt, das in der Regel in der zweiten Hälfte des Hauptstudiums sehr großen Raum einnimmt, ist natürlich die Diplomarbeit. Bevor ich euch hier noch einmal mit der Findung meines Themas langweile, verweise ich auf diesen Beitrag. Darin habe ich allerdings unterschlagen, dass ich bereits im Grundstudium an einem ganz interessanten Thema dran war.

Damals machte ich auf einer Reise die Bekanntschaft einer MS-kranken Rollstuhlfahrerin, die kurz zuvor einen Profisportler geheiratet hatte. Leider war unsere gemeinsame Reisezeit begrenzt, aber ich kam infolge dieser Begegnung auf eine Idee. Ich könnte doch versuchen, der Frage auf den Grund zu gehen, ob und wie eine Partnerschaft zwischen Menschen mit und ohne Handikap ausbalanciert ist. Zu diesem sicherlich spannenden Thema, hat mir mein damaliger Lieblinsprofessor (Attraktivitätsforschung) bei einem unserer Fahrstuhltalks spontan zugesagt, würde er sehr gerne mit mir zusammenarbeiten. Leider hat die von mir favorisierte Erstbetreuerin (Sozialpsychologie - Forschungen zu Paarbeziehungen) nach meinem Vordiplom die Uni gewechselt, und dann war mir das Thema - der A. und ich waren gerade frisch verliebt - zu heikel, weil viel zu dicht an mir dran. Ich wollte in dieser Phase möglichst nichts entzaubern.

Einen Professor als Gutachter für mein doch recht exotisches Thema zu finden war eine ziemlich heikle und langwierige Angelegenheit. Meine erste Wahl fiel auf den von mir geradezu verehrten Gunter Schmidt, der neben Volkmar Sigusch einer der renommiertesten Sexualwissenschaftler Deutschlands ist. Leider war er frisch emeritiert. Wenigstens hat er mir noch die mündliche Wahlfachprüfung abgenommen. Er verwies mich an seine Kollegin, welche aber, wie sich herausstellte, keine qualitativen Arbeiten mehr betreute, da durch den erheblichen Arbeitsaufwand erfahrungsgemäß nicht wenigen Diplomanden die Puste ausgeht. Sie bestand selbst bei sehr wenigen Probanden (n<8) auf eine statistische Bearbeitung, was ich völlig abwegig fand. Zudem war sie mir nicht gerade sympathisch.

Also sah ich mich wieder an meinem eigenen Fachbereich um. Ich mache es kurz. Zwei (männliche) Professoren, die zwar qualitative Arbeiten betreuten, versuchten, mich dem jeweils anderen zuzuschieben, um dann festzustellen, dass das wohl eher ein Frauenthema und folglich besser bei der Kollegin W. aufgehoben sei. W., muss man vielleicht wissen, ist eine Esoterikerin, die man am Fachbereich nicht so richtig ernst nimmt. Sie war aber meine gefühlt letzte Chance, bevor ich mein Thema endgültig begraben müsste.

Es gab dabei zwei Herausforderungen. Ich wollte ihr nicht das Gefühl vermitteln, dass sie meine letzte Wahl ist, und zweitens wollte ich mich vor eher spirituellen und vielleicht weichgespülten Interessen schützen. Denn eigentlich wollte sie nur noch Themen betreuen, die zu ihrem Forschungsgebiet (Psychotherapie, Spiritualität, Religiosität usw.) passten. Aber sie betreut eben auch qualitative Arbeiten und am Rande eben auch Frauenthemen. Weiß der Himmel weshalb, sie mochte mich schon in ihren Gesprächstherapieseminaren sehr gerne und sah in mir irgendwie einen spirituellen Menschen, dabei kannte ich, glaube ich, nur ein paar Leute aus der Psycho-Eso-Szene, die sie auch kannte. Das hat ihr vielleicht gefallen. (außerdem hat sie wie ich am 6. Dezember Geburtstag.)

Wenn man einmal den Erstgutachter hat, ist es meistens kein Problem, einen zweiten zu bekommen. Dafür habe ich erneut meinen Lieblinsprof aus dem Grundstudium gefragt.

da

Für die Diplomarbeit nahm ich mir richtig Zeit. Sie entstand über insgesamt vier Semester - davon zwei Urlaubssemester - mit begleitendem Forschungsseminar.

(Wer sich von meinem 295 Seiten umfassenden „Werk“ einen ganz kleinen Eindruck verschaffen will, liest als atmosphärischen Einstieg am besten den Prolog und dann vielleicht die kurze Zusammenfassung der Ergebnisse.)


Eugenie beim Lernen

Anschließend habe ich mich auf vier mündliche Diplomprüfungen vorbereitet und sehr gut bestanden. Die ausstehenden drei Prüfungsfächer nahm ich erst wieder nach einem Krankheitssemester in Angriff. Die Einsen in Folge haben bei mir einen dermaßen großen Ehrgeiz ausgelöst, dass ich auch die restlichen Prüfungen unbedingt mit 1,0 bestehen wollte. Ganz besonders stolz bin ich auf die Eins in meinem Vertiefungsfach (Psychophysiologie und Neuropsychologie). Am ganzen Fachbereich war das nämlich der Angstprüfer schlechthin! Ich wusste aber einfach, dass ich in diesem naturwissenschaftlichen Fach richtig gut bin und war vor dieser Prüfung ausnahmsweise mal die Ruhe in Person. Hilfreich war möglicherweise auch, dass ich gerade vor diesem Professor keinen allzu großen Respekt hatte. Es war also eher eine sportliche Angelegenheit.

Einschub:
Natürlich habe ich mich in den letzten Wochen immer wieder gefragt, weshalb dieses letzte Kapitel unabhängig von meiner derzeitigen körperlichen Verfassung ein so schwerer Angang war. Ich glaube, es lag mit daran, dass ich bisher auch das eine oder andere Private einfließen ließ, allein schon damit das Ganze etwas lebendiger wird.

Eine Sache, die mich während des Hauptstudiums sehr mitgenommen hat, habe ich glaube ich bis heute noch nicht richtig verarbeitet - den Tod meiner Freundin. Sie war auch meine Hausärztin und hat mich immer für meinen Umgang mit der MS bewundert. Anfang 50, also recht spät, wurde diese Krankheit auch bei ihr diagnostiziert. Jetzt war ich zunehmend ihr leuchtendes Vorbild. Leider hat sie mich mit ihren Beschwerden in einem furchteinflößenden Tempo überholt und ich kam mit dem Ermutigen langsam an meine Grenzen. Sie war mit Leib und Seele Ärztin und hat schweren Herzens wenigstens ihre Arbeitszeiten reduziert – eigentlich ging es schon gar nicht mehr. Ihre Arzthelferinnen mussten ihr immer mühsam die Altbau-Treppen hinauf helfen. Die paar Schritte in ihrem winzigen Behandlungszimmer balancierte sie ohne ihren Rollator unsicher an der Wand entlang. Aber in der Gemeinschaftspraxis wussten alle, dass sie ihr das nicht auch noch nehmen durften.

Als dann aber wirklich gar nichts mehr ging, brach für sie eine Welt zusammen. Prompt meldete sich ein viele Jahre unauffälliger Knoten in der Brust, und dann ging es innerhalb von nur wenigen Wochen rasant bergab: Krankenhaus – Hospiz – Tod. Dabei dachten wir beide immer, dass uns ein Krebsleiden sicherlich erspart bliebe, da unserer Ansicht nach der Krankheitsprozess ein völlig anderer sei und wohl kaum parallel zu einer MS in ein und demselben Körper wüten könnte. Dachten wir.

Ganz besonders schlimm für mich waren die Begleitumstände. Schon nach wenigen Tagen im Krankenhaus erkannte ich sie kaum wieder. Sie war so schwach und hinfällig. Weil es ihr so schlecht ging, verhängte ihr Lebensgefährte bald Besuchsverbot. Er wollte den Freundeskreis aber über E-Mail auf dem Laufenden halten, was anfangs auch geschah. Als ich dann nach einer gefühlt zu langen Funkstille mal telefonisch nachfragte, ob denn irgendwann wieder mit einer Lockerung der Besuchssperre zu rechnen sei, bekam ich als Antwort die vorwurfsvoll-fast aggressive Frage, ob ich denn nicht wüsste, dass V. bereits seit letzter Woche unter der Erde liege. Ohne meine Reaktion abzuwarten, schimpfte er, dass ich mich ja wohl nicht gerade als gute Freundin erwiesen hätte, indem ich der Beerdigung ferngeblieben sei.

Ich war völlig fassungslos und kann auch heute kaum den Gefühlscocktail beschreiben, der da augenblicklich in mir tobte. Nach diesem unsäglichen Telefonat in dieser schrecklichen Situation, habe ich nie wieder ein Wort mit ihm gewechselt. Und so kommt es, dass ich über die letzten Wochen im Leben meiner Freundin bis heute nicht das Geringste weiß. Aber auch ohne dieses Wissen bin ich mir ziemlich sicher, dass es psychogenes Sterben gibt. Ich gebe zu, dass ich dieses mich quälende Ende meiner Freundin nach Kräften verdrängt habe. Erst dieses Jahr wollte ich ihr Grab auf dem jüdischen Friedhof suchen. Auf dem Weg dorthin ging es mir aber plötzlich so extrem schlecht, dass ich wieder unvollendeter Dinge umkehren musste.

Es gibt aber auch sehr positiv bewertete Ereignisse im Leben eines Menschen, die ganz schön Stress auslösen können. Und dazu gehört Heiraten. Und um diesen Stress auf ein Minimum zu reduzieren, haben wir erst gar niemandem Bescheid gesagt und das Highlight zu zweit allein ohne Namensänderung durchgezogen. (Nach meiner Scheidung hatte ich 2003 nämlich wieder meinen Mädchennamen angenommen.)


Schnappschuss vom Standesbeamten

Vor diesem Hintergrund ist es jetzt vielleicht nachvollziehbarer, dass auch bei mir drastischere Verschlechterungen zu verzeichnen waren. Es gab einiges, was ich in den letzten Semestern zum letzten Mal tat: beispielsweise selbstständig das Haus verlassen, Treppen gehen, Autofahren, um nur einiges zu nennen. Nur letzteres erlebte ich ziemlich bewusst, denn mir wurde während der abenteuerlichen Fahrt klar, dass ich nur mit Glück heil ankommen werde. Ach ja, in dem Callcenter musste ich natürlich notgedrungen auch kündigen, wobei mir dieser Abschied nicht schwer fiel..

So kam es, dass ich mein Studium nur mit Hilfe des A. bis zum Ende durchziehen konnte. Und netterweise ist wegen mir auch die ganze Forschungsgruppe wieder an die Uni umgezogen, damit ich ohne Treppensteigen wieder teilnehmen konnte. Obwohl ich mich in dieser Eso-Gruppe nicht recht wohl gefühlt habe - sie waren ziemlich befremdet von meinem Thema und haben daraus auch keinen Hehl gemacht – rechnete ich es ihr hoch an, und vor allem meiner Betreuerin, dass sie die lange Tradition, richtig kuschelige Diplomandentreffen in ihrer Privatwohnung (5. Etage Altbau ohne Aufzug) abzuhalten, aufgab.

Obwohl ich noch nicht so recht wusste, was genau ich damit eigentlich anfangen wollte, habe ich nach dem Studium dieses Blog gestartet. Aber zunächst einmal ging es in den wohlverdienten Urlaub!

DSC00007
Die frischgebackene Diplompsychologin entspannt sich in der Hängematte
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*Das fand ich bei ausschließlich schriftlichen Prüfungen und extrem guter Vorbereitung schon ein bisschen heftig. Erst später erfuhr ich, dass H. (48 J.) schon im 13. Semester war und nicht das erste Mal kurz vor dem Vordiplom kapitulierte. Tatsächlich befinden sich unter Psychologiestudenten - natürlich ebenso unter Studierenden anderer Fächer - immer wieder Menschen, die - sagen wir mal – evtl. von einer Therapie profitieren könnten. Unglücklicherweise scheitern nicht alle "Bedürftigen" an der Hürde Vordiplom oder Diplom. Und es kommt bisweilen vor, dass nach dem Studium auch noch eine dreijährige Ausbildung zum Psychotherapeuten drangehängt wird.
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4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
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Einfach nur mal so....
Schön, dass es diesen Blog immer noch gibt.
Lo - 2015/12/04 09:15

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