30
Aug
2006

Wie ich zu dem Thema kam

Verschlungene Pfade führten wundersam konsequent zu einem, auf den ersten Blick, exotisch anmutenden Diplomarbeitsthema.

Erstmalige Berührung mit dem Thema bekam ich schon vor Jahren durch ein außergewöhnlich offenes Gespräch mit einer eher brav wirkenden, alleinerziehenden Mutter, die sich von einem befreundeten Pastor in einen Swingerclub entführen ließ. Sie stand noch ganz unter dem Eindruck dieses Erlebnisses und schilderte mir diesen Besuch als unerwartet berauschendes Abenteuer und als wertvolles Geschenk.

1992 hatte ich Gelegenheit, ANNIE SPRINKLE kennenzulernen.

Annie-Eugene2*
Annie und Eugenie 2002

ANNIE SPRINKLE, einst ELLEN STEINBERG, Tochter einer Lehrerfamilie aus Philadelphia, begann ihre Sex-Karriere in einem Massagesalon, wirkte in knapp 200 Pornofilmen mit, war politisch engagierte Prostituierte in New York, vielmehr ‚Sex Workerin’, später Multimedia-Künstlerin und auf dem Weg zu ihrer nächsten Entwicklungsstufe als ‚Anya’, gewissermaßen als „heilige Hure“. ANNIE SPRINKLE, berühmt als die Frau, die ihre Brüste Walzer tanzen und das Publikum ihren Gebärmuttermund anschauen ließ, lernte ich auf der Bühne, in Workshops und privat als warmherzige Frau kennen. Ich war über ihren unkonventionellen und bisweilen bizarren Zugang zur Sexualität immer wieder erstaunt und irritiert zugleich. Drei Qualitäten stachen mir vor allem ins Auge: Zum einen der unglaubliche Spaß, den ihr Sex als Spiel bereitet, zum anderen ihre neugierige, forschende Haltung, und nicht zuletzt ihre damit verbundene Spiritualität und Liebe. Inzwischen hat sie ihren Abschluss als Doctor of Philosophy (Ph.D.) in ‚Human Sexuality’ am ‚Institute for Advanced Study of Human Sexuality’ in San Francisco gemacht und vor kurzem ihr erstes Buch als Sexexpertin geschrieben.

Zumindest im Nebenfach studierte ich ebenfalls Sexualwissenschaften. Im ersten Seminar ging es um Perversionen und am Rande um die Frage, ob es auch perverse Frauen gäbe. Denn Perversionen galten als „die Domäne des Mannes“ (REICHE, 1986). LOUISE J. KAPLAN (1991) behauptet in ihrem von Sexualforschern nicht unumstrittenen Buch, dass es sie gibt, allerdings überwiegend in desexualisierter Form. Sie stellt jedoch keine eigenen Fallgeschichten dar. Damals schon auf der Suche nach spannenden Forschungsthemen hatte ich kurz den Gedanken, dass das ein interessanter Untersuchungsgegenstand sein könnte, hielt es freilich im selben Augenblick für ausgeschlossen, da ich nicht Medizin, sondern Psychologie studierte.

Weiterhin auf der Suche nach einem möglichen Diplomarbeitsthema traf ich vermehrt auf Frauen, die immer noch nicht „den Mann fürs Leben“ gefunden hatten, obwohl sie attraktiv, kommunikativ und erfolgreich im Beruf waren. Interessiert begann ich einzelne Frauen anzusprechen, und mir ihre Bereitschaft für ein Interview zu sichern. Als jedoch in einem Seminar die qualitative Studie des französischen Soziologen JEAN-CLAUDE KAUFMANN (2002) zu weiblichen Singles vorgestellt wurde, wurde mir bewusst, dass ich auf diesem Gebiet keine Pionierarbeit mehr leisten kann.

Die Lektüre der Romane ‚Elementarteilchen’ und ‚Plattform’ von MICHEL HOUELLEBECQ und des autobiographischen Romans ‚Das sexuelle Leben der Catherine M.’ von CATHERINE MILLET, die laut Buchkritik vom SPIEGEL „einem Roman von HOUELLEBECQ entsprungen sein könnte“, gab mir den letzten Anstoß für das vorliegende Forschungsthema.

Was sind das für Frauen? Eine Frau wie CATHERINE MILLET, eine Intellektuelle, die äußerlich nicht einmal annähernd dem Vamp-Klischee ähnelt und seit ihrer Defloration mit 18 Jahren überwiegend Gruppensex-Erfahrungen hat. ANNIE SPRINKLE, die sich seit frühester Jugend der Erforschung von Sexualität in vielen Variationen, aus verschiedenen Perspektiven widmet. Die eher brave, unauffällige Mutter, die sich Ungewöhnliches traut. Das Thema war geboren. Mich interessieren solche Frauen. Ich möchte auch ungewöhnlichere Formen der Bedürfnisbefriedigung verstehen. Darüber hinaus interessiere ich mich für weibliche Singles. Was scheint da näher zu liegen, als Frauen zu untersuchen, die alleine in Swingerclubs gehen? Denn aus einer Fernsehreportage über einen Hamburger Swingerclub wusste ich inzwischen: Es gibt sie wirklich!

Den Mut dazu gab mir zuletzt auch die Kulturanthropologin DR. CORINNA RÜCKERT bei einer Podiumsdiskussion. CORINNA RÜCKERT hat als Krönung ihrer Dissertation mit dem Titel ‚Frauenpornografie – Pornografie von Frauen für Frauen’ (2000) sogar einen Pornofilm gedreht. Bis dahin dachte ich nicht im Entferntesten daran, dass auch solche Themen als ernstzunehmende Gegenstände im Rahmen einer Diplomarbeit wissenschaftlich untersucht werden könnten.

Natürlich ist der Forschungsgegenstand keine Tabula rasa, und ich war nicht frei von vagen Vorstellungen und Ideen, und trotz liberaler Haltung auch nicht ganz frei von Vorurteilen: Sind das vielleicht Frauen, die vor allem auf ungewöhnliche Praktiken stehen, auf ‚Gangbang’ etwa? Wenn ja, warum? Oder sind es selbstbewusste Frauen, die sich, wenn sie das Bedürfnis nach Berührung und Sex haben, eher einen Callboy engagieren, weil sie keine Lust haben, sich einen One-Night-Stand in der Diskothek oder Bar anzulachen? Sind das Frauen, die Sex und Liebe bewusst oder notgedrungen trennen? Finden sich dort geheimnisvolle, verruchte Vamps oder die „besseren Hälften“ vielleicht geschiedener Swingerpaare, die zu Hause „sorgsam die Teppichfransen kämmen“, im Club aber nach dem Karnevalsprinzip „von Zeit zu Zeit die Sau rauslassen“? (GREINER, DIE ZEIT, 18/2000). Sollte es tatsächlich die sprichwörtliche, erlebnishungrige Nymphomanin geben, die Männer reihenweise verführt, ohne einen Höhepunkt zu erleben? Oder verkehren da Trendsetterinnen? Könnte ein Clubbesuch bald fast so normal sein wie die Eroberung von Fußballstadien und Bodybuilding-Studios?

Sind es Irrwege oder Umwege, Zwischenlösungen oder einfach Lifestyles, die Frauen in Swingerclubs führen? Können diese Frauen Sex und Liebe wirklich genauso gut trennen, wie das Männer anscheinend können? Ist das vielleicht sogar viel ursprünglicher als die Norm, dass Sexualität und Liebe zusammen gehören? Ein Labyrinth von Fragen.

‚Was sind das für Frauen?’ Der ursprüngliche Arbeitstitel kann ganz unterschiedlich gelesen werden. Je nach Betonung klingt er neugierig und ernsthaft interessiert oder geradezu reißerisch und moralinsauer. Damit hätte ich eher provoziert und kaum eventuelle Befürchtungen der Frauen bedacht, die möglicherweise auftauchen, wenn sie sich nach außen zu der Form ihrer sexuellen Bedürfnisbefriedigung bekennen. Es ist nämlich damit zu rechnen, dass der eine oder andere Leser angesichts dieser Erfahrungswelten Befremden empfindet.

Nun hat die Arbeit einen weniger riskanten Titel erhalten, der „falsche“ Assoziationen möglichst ausschließt:

Als Solofrau im Swingerclub
Gespräche über ungewöhnliche Erfahrungswelten


Der Ausdruck ‚Solofrau’ ist in der Swingerszene gängig und wurde deshalb gewählt, weil nicht alle Frauen, die alleine in einen Club gehen, Singles sind.

Diplomarbeit-Einleitung_Auswahl-des-Themas_Fragen-Ziele_Ueberblick (pdf, 40 KB)


* Das Foto ist sogar nach der oben erwähnten Podiumsdiskussion entstanden.


Der nächste Beitrag gibt einen Überblick über den Aufbau der Arbeit und die Fragen, die mich im Vorfeld bewegten.

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit.
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