7
Sep
2006

Zielsetzung und Fragen

Meine Informationen hinsichtlich des Themas beschränkten sich auf die bereits erwähnte Begegnung mit der jungen Mutter, auf vage Vorstellungen durch die Romanlektüre, vor allem durch CATHERINE MILLETs sexueller Autobiografie, auf Medienberichte und auf die TV-Reportage über den Hamburger Swingerclub, der unter anderem auch zwei Solofrauen zeigte. Trotz dieser Einblicke bewegte ich mich auf Neuland und kam mir - muss ich gestehen - erst einmal wie eine Anthropologin oder Ethnologin vor, die die Welt eines unbekannten Stammes erkunden möchte.

Diverse „Frauengespräche“ im Hinterkopf, machte ich mich zunächst an ein Brainstorming, das meine Vorstellungen, Vermutungen und meine Neugier zum Thema abbilden und mich zu möglichen Fragestellungen hinführen sollte. Das zusammengetragene Material habe ich in vier Themenblöcken strukturiert:

1. Die Einstiegsfrage lautet: Wie kam es zum allerersten Clubbesuch? Dabei interessiert mich die dazu gehörige Vorgeschichte:
  • War ein starkes Verlangen nach Sex ausschlaggebend?
    Bestand eine Notlage durch einen fehlenden Sexualpartner oder ein unbefriedigendes Sexualleben?
    Gab es eventuell schon Erfahrungen mit käuflichem Sex?
    Waren sexuelle Fantasien, die eher in einem Club umzusetzen sind, ein wichtiges Motiv?
    Bestand zum Beispiel eine Neigung zum Sex mit mehreren Männern?
    Waren bisexuelle Neigungen ein Antrieb?
    Gab es schon Vorerfahrungen in Richtung Gruppensex?
    Spielte Verführung eine Rolle?
2. Um möglichst viel über die verfolgten Ziele, die Auswahl, das Kontaktverhalten, wichtige Voraussetzungen und Abneigungen zu erfahren, interessiert mich, wie ein optimaler Clubbesuch für jede einzelne Frau aussieht.
  • Was erlebt sie dort, und was gibt ihr das?
    Probiert sie gezielt Dinge aus?
    Hat sie bestimmte Vorlieben entdeckt, und favorisiert sie vielleicht bestimmte Settings (beispielsweise Sex mit mehreren Männern)?
    Welche Erfahrungen macht sie dort überwiegend mit Männern?
    Welche Rolle nimmt sie gerne ein (beispielsweise passiv oder aktiv sein)?
    Welche Ansprüche stellt sie an einen Sexualpartner (Aussehen usw.)?
    Wie wichtig ist die Möglichkeit, sexuelle Kontakte zu Frauen haben zu können?
    Wie werden andere Frauen dort erlebt (eventuell als Rivalin)?
    Welche Bedeutung hat die Möglichkeit, dass anderen beim Sex zuschauen können, beziehungsweise man anderen dabei zuschauen kann?
    Was gefällt ihr nicht so?
    Werden Höhepunkte erlebt?
    Haben sie im Club eine andere Qualität?
    Wie fühlt sie sich hinterher (Erschöpfung/Energie)?
    Was ist unbefriedigend und bleibt unbefriedigt?
    Was wird aus Kontakten, die dort entstehen?
    Entstehen Verliebtheiten und Beziehungen innerhalb des Clubs?
    Werden diese gepflegt und spielen dann im Alltag eine Rolle?
3. Ich möchte zudem etwas über Mitwisser, also über aktuelle wichtige Beziehungen und eventuelle Partnerschaften erfahren, um einen Eindruck vom sozialen Umfeld und der Eingebundenheit zu bekommen.
  • Wer weiß von dem Swingerleben?
    Ist es eher ein Geheimnis und wie wichtig ist Geheimhaltung gegebenenfalls?
    Wie wird das gelöst? Wird vielleicht ein Doppelleben geführt? Wie sieht das gegebenenfalls aus?
    Bestehen Skrupel?
    Wie sehen sexuelle Kontakte außerhalb des Clubs aus?
    Werden Liebe und Sex bewusst oder notgedrungen getrennt?
    Wonach sehnt sie sich, und was bedeutet ihr Liebe?
4. Darüber hinaus möchte ich etwas Einblick bekommen, wie meine Gesprächspartnerinnen aufgewachsen sind, eventuell Erinnerungen hinsichtlich ihrer sexuellen Entwicklung und vergangener Beziehungen. Bewusst will ich kein biografisches Material sammeln, um darin gezielt nach Brüchen zu suchen, die vielleicht ein „außergewöhnliches“ Sexualleben erklären könnten, denn ich gehe zum einen nicht von einer vorgefassten Leithypothese in dieser Richtung aus, zum anderen fehlt mir die Erfahrung, das entsprechende Praxiswissen und nicht zuletzt die Tiefenschärfe durch einige Gespräche mehr. Ich halte es dennoch für möglich, gegebenenfalls von solchen Brüchen zu erfahren.

Die Frage, ob womöglich eine gewisse Verachtung Männern gegenüber vorhanden ist, tauchte nach dem ersten Gespräch auf. Diese Spur möchte ich nicht gezielt verfolgen, die Frage dennoch im Feld einer frei schwebenden Aufmerksamkeit behalten.

Wie bei der Methodenwahl noch erörtert wird, sollen die Fragen nicht nacheinander abgearbeitet werden. Sie dienen zuerst einmal der eigenen Klärung und Strukturierung und stellen dar, was mich als Forscherin interessiert. Sie sind ein Gerüst in das später die Ergebnisse eingebaut werden können.

Mein Ziel ist, mehr über die Motive und Strategien der Frauen zu erfahren, wie sie zu ihrem Lebensstil gefunden haben, ohne sich vermutlich viel um gesellschaftliche Normen zu scheren. Mit den genannten Themen möchte ich das Erleben dieser Frauen nachzeichnen und das Verstehen und Nachvollziehen dieser Lebensstile und Erfahrungswelten erleichtern.


Die Arbeit – ein Überblick

Diese Arbeit zeigt nun die Erfahrungswelten von sieben Frauen auf, die regelmäßig als ‚Solofrau’ in einen Swingerclub gehen. Die achte Gesprächspartnerin steht hinsichtlich der Umsetzung noch im Entscheidungsprozess.

Der folgende Teil der Arbeit befasst sich mit Bezug zur vorhandenen Literatur zuerst mit möglichen Vorurteilen hinsichtlich des Forschungsgebietes und behandelt die Themen ‚Nymphomanie’, ‚Sexsucht’, ‚Perversionen’ und ‚Unersättlichkeit’. Das Thema ‚Neosexualitäten’ bildet den kritischen Abschluss dieses Kapitels und den Übergang zum Thema ‚Moderne Beziehungswelten’ und ‚Beziehungsmärkte’. Im Anschluss daran wird insbesondere auf die Lebensform von Singles und alleinerziehender Mütter etwas näher eingegangen, da drei Viertel der untersuchten Frauen dieser Personengruppe angehören. Die Historie des Swingens, die Themen Swinger, Clubs und Clubbesuche im letzten Kapitel sollen dann auf die Erfahrungswelt der Frauen vorbereiten.

Im dritten Teil werden die Wahl der Forschungsmethode und die Wahl des Forschungsinstruments begründet. Die qualitative Methode wird erst allgemein anhand des Ansatzes von KLEINING vorgestellt. Danach folgt die engere Auswahl der Instrumente und zuletzt die Begründung und Beschreibung des ‚Persönlichen Gesprächs als Weg in der psychologischen Forschung’ nach LANGER.

Die Vorgehensweise bei der Untersuchung und der Verlauf, also die Rekrutierung der Gesprächspartnerinnen, der Gesprächsverlauf und die Gesprächsbearbeitung, sowie begleitende Aktivitäten zur Fertigstellung der Arbeit werden im vierten Teil vorgestellt.

Der fünfte Teil stellt mit den Gesprächsergebnissen den Kern der Arbeit dar. Alle Gespräche werden im Teil A nach der ersten Bearbeitungsphase ausführlich in verdichteter Form dargestellt. Auf eine weitere Gesprächszusammenfassung und Einzelaussagen wird in diesem Teil ganz verzichtet, um Redundanzen zu verringern. Die anschließende Gesamtauswertung im Teil B ergibt sich durch den systematischen, zusammenfassenden Vergleich aller Gespräche. Den Abschluss jeder Kategorie bildet jeweils ein Ergebnispanorama. Der Leser hat die Möglichkeit, die Reihenfolge zu ändern oder die Verdichtungen in Teil A teilweise, vielmehr ganz zu überspringen, beziehungsweise punktuell vertiefende Blicke auf ausgesuchte Passagen zu werfen, was durch eine Inhaltsübersicht vor jedem Gespräch erleichtert wird. Mindestens ein Gespräch, etwa aus der Mitte, wird allerdings empfohlen.

Im Teil sechs werden Gütekriterien der Methode diskutiert, die Untersuchungsergebnisse knapp und mit Bezug zur Literatur zusammengefasst und mögliche Folgeuntersuchungen aufgezeigt.

Zum Schluss erfolgt ein persönlicher Rückblick.

Der nächste Teil befasst sich also mit Bezug zur vorhandenen Literatur zuerst mit möglichen Vorurteilen hinsichtlich des Forschungsgebietes.

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit.
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