15
Sep
2006

Swingen

Ich beginne die Geschichte des Swingens nicht in der Antike mit ihren Venuskulten, Fruchtbarkeitsriten und Bacchanalien, sondern in der Zeit, in der sich diese Subkultur von Medien maßgeblich begleitet zu einem Freizeitverhalten einer wachsenden Gruppe entwickelte.

Vom ‚Wife swapping’ zum ‚Lifestyle’ – Geschichte eines Lebensstils
(vgl. BRECHER, 1971; BARTELL, 1973; SMITH & SMITH, 1974; Gould, 1999)

Erste Medienberichte
1957 erscheint im amerikanischen Herrenmagazin ‚Mr.’ ein knapper Artikel über Partnertausch unter Ehegatten. Der darin verwendete Terminus ‚wife swapping’, also Frauentausch, ist damals neu und erregt Aufmerksamkeit. Der pseudo-wissenschaftliche Artikel enthält einige nicht sehr glaubwürdige statistische Angaben als Beweis dafür, dass Paare in ganz Amerika ihre Partner tauschen würden. Der Herausgeber behauptet später, dass dieser Artikel eine ganze Lawine von Berichten über Partnertausch in vielen halbpornografischen Zeitschriften ausgelöst habe.

Von da an erscheinen in der Spalte ‚Leserbriefe’ zunehmend Berichte von angeblichen Lesern über angeblichen Partnertausch und Sexclubs. Die Auflage steigt. Auch andere Magazine nehmen sich des Themas an und drucken Anzeigen mit Fotos von tauschwilligen Paaren und Alleinstehenden, die Partner für Gruppensex suchen.

So entstehen die ersten Swingermagazine. Die anfänglich in gleichförmigem Stil gehalten Anzeigen werden von manchem neugierigen Mann und auch von mancher dazugehörigen Ehefrau ernst genommen, und so erscheinen bald erste wirklich echte Inserate, denn auch die Fotos zeigen nun eher durchschnittliche Menschen.

Erste Veranstaltungen

Die Zeitungseigentümer machen sich diesen Trend zunutze und veranstalten für Inserenten und Leser Cocktailpartys und Abendgesellschaften mit einem nicht geringen Unkostenbeitrag. Trotzdem kommen etliche Gäste.

Besonders auffällig bei diesen Anlässen ist die Anwesenheit zahlreicher Ehepaare zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig. Diese finden wohl auch den Terminus ‚wife swapping’ anstößig, da er auf eine sexuelle Ungleichwertigkeit und männliche Besitzrechte deutet und sich auf die Ehefrau und nicht auf beliebige Frauen bezieht. In den frühen sechziger Jahren setzt sich dann der Terminus ‚Swinging’ durch. Die dazugehörige Subkultur heißt ‚The Swinging Scene’. Gerade das nicht Eindeutige des Begriffs trägt laut BRECHER (1971, S.259) möglicherweise mit dazu bei, dass er sich durchsetzen kann, denn beim gegenseitigen Abtasten in einer Konversation bietet er im Notfall eventuell harmlosere Rückzugsmöglichkeiten.

Die unter der Schirmherrschaft der Magazine zustande gekommenen Veranstaltungen in Hotels bieten hauptsächlich Gelegenheit, Kontakte herzustellen. Später werden diese Veranstaltungen in Motels verlegt. Noch später entstehen Clubs und Bars, die Gelegenheit zur Kontaktanbahnung bieten. Besonders begabte Gastgeber bilden auch
Zirkel auf privater Ebene, die Gelegenheit für regelmäßige Treffen bieten, ganz so, wie es in den ersten Artikeln der Magazine geschildert worden war.

„Das Leben imitiert die Kunst“ (OSCAR WILDE)

Nach der anfänglichen medialen „Starthilfe“ wird Gruppensex und Partnertausch in den späten sechziger Jahren populär. Wie eingangs kurz angesprochen hat es wahrscheinlich schon immer Gruppensex gegeben. Gerade die Antike zeugt von manchen Riten und man „darf annehmen, dass in Europa nie ganz damit aufgehört wurde, auch nicht während der Zeiten größter Repression.“ (BRECHER, 1971, S.260) Spuren davon in den USA erhoben Forscher des KINSEY-Instituts bereits vor der Zeitschriftenkampagne. Sie berichten 1948, dass Männer, die „an sexueller Betätigung in Gruppen“ teilnahmen, dies meist mit Prostituierten taten. (KINSEY zit. in BRECHER, ebd.) In den sechziger Jahren allerdings mauserte sich Gruppensex dann „von einem Bordellvergnügen zu einem Zeitvertreib angesehener amerikanischer Stadt- und Vorstadtbewohner, an dem auch Ehefrauen und achtbare Freundinnen teilnahmen.“ (ebd.)

Sexualforschung auf freier Wildbahn
Als Gegenstück quasi zu MASTERS und JOHNSONs Laborstudien, erregt Swingen als gesellschaftliches Phänomen nun die Aufmerksamkeit von Forscherkreisen. Nach 1965 machen sich mehrere unerschrockene Forscherteams verschiedener Disziplinen in verschiedenen Teilen der USA ans Werk. Die Soziologin CAROLYN SYMONDS mit ihrem Mann in Südkalifornien, das Anthropologenpaar BARTELL hauptsächlich im Mittelwesten und JAMES SMITH (Philosoph und Politikwissenschaftler) mit seiner Frau LYNN SMITH (Psychologin) in San Francisco und Umgebung, wo sie sich offen als Verhaltensforscher zu erkennen geben. Weitere Projekte laufen parallel in New York City, Indiana und New Mexico. Es fällt auf, dass sich Sitten und Gebräuche je nach Lokalität und Region zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. In Großstädten teilt sich zudem die ‚Szene’ in ‚Freizeit-Swinger’ und ‚utopistische Swinger’.

Die Unterschiede dieser Unterschauplätze bilden den Hauptgegenstand von SYMONDS’ Untersuchung, die 1968 sogar als Diplomarbeit angenommen wird. Sie stellt in vielen Interviews fest, dass die Gruppen ihre Wurzeln in unterschiedlichen philosophischen Traditionen haben. Utopistische Swinger möchten eine bessere Welt ohne Krieg, Gewalt, Besitzgier und Eifersucht erschaffen. Einige planen auch entsprechende Kommunen. Freizeit-Swinger hingegen finden einfach, dass Sex ein angenehmer Zeitvertreib im Sinne von Rekreation ist und setzen ihre Ideen in die Wirklichkeit um. VARNI findet später fünf Kategorien: Hardcore-Swinger, Freizeit-Swinger, Gemeinschafts-Swinger, egoistische und zwischenmenschlich orientierte Swinger (zit. n. SMITH& SMITH, 1974, S.93)

GILBERT BARTELL und seine Frau mischen sich sehr aufgeschlossen, jedoch nicht ganz konsequent als teilnehmende Beobachter über Kontaktanzeigen unter die Paare der ‚Swinging Scene’, werden trotzdem als Swinger wahrgenommen und erhalten von über 280 Paaren bereitwillig Auskünfte. BARTELL weist nach seinen Untersuchungen Deutungen von Psychiatern und Analytikern weit zurück, die in Swingern lediglich Neurotiker oder perverse Exhibitionisten und Voyeure sehen wollen. Er stellt unter allen Befragten eine ausgeprägte Durchschnittlichkeit fest. Es seien ganz gewöhnliche, vernünftige und in vieler Hinsicht sehr unkomplizierte Leute. Personen, die im psychiatrischen Sinne als krank zu bezeichnen seien, blieben der Swingerszene fern. (BARTELL, 1973, S.66)

Das bestätigen auch LYNN und JAMES SMITH gestützt auf ihre Auswertung von über 500 Fragebögen und etwa 200 Interviews von Swingern bei Partys der ‚California Sexual Freedom League’. „Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass das Verlangen nach scheinbar radikalen Reformen der sexuellen Freiheit Geistesstörungen verursacht, oder dass nur geistesgestörte Individuen sich zu diesen Gruppen hingezogen fühlen.“ (SMITH & SMITH, 1974, S.208)

Wer ist damals Swinger?
Swingen zieht zuerst einmal mehr Männer als Frauen an. Da der Zutritt meist nur Paaren gestattet ist, fühlen sich viele mitgebrachten Frauen nicht selten erst einmal abgestoßen. Wenn man allein bedenkt, dass 99% der männlichen Swinger den ‚Playboy’ lesen (BARTELL, 1973, S.41) ist es nicht weiter verwunderlich, dass die angeregte Vorstellungswelt vieler Männer im Swingerleben sicherlich mehr Widerhall findet, während die Frau sich vermutlich erst einmal mehr als Objekt wahrnimmt. Später stellt SMITH allerdings fest, dass Frauen nach dem Anfangsstadium besser als ihre Männer in der Lage seien, die notwendige Einstellung zur sexuellen Freiheit zu entwickeln, obwohl die Männer diejenigen sind, die sie zum Swingen anstiften. (in GOULD, 1999, S.244)

Die meisten Daten liefert die 1966 durchgeführte Studie des Ehepaars SMITH. Die untersuchten Swinger gehören der 1963 in New York gegründeten ‚Sexual Freedom League’ an, welche sowohl utopistische als auch Freizeit-Swinger anlockt. Die Zahlen gelten in erster Linie für die damals Befragten (SMITH & SMITH, 1974, S.202-213):

- Alter: Mindestens 15, maximal 72 Jahre; Männer sind im Durchschnitt 34 Jahre, bei den Frauen sind 28,4% unter 21 Jahre und 7% über 50 Jahre alt.
- Geschlecht der Befragten: 140 Frauen und 363 Männer
- Hautfarbe: 97% Weiße, 2% Afroamerikaner, 1% andere
- Familienstand: 44% sind verheiratet, 32% unverheiratet, der Rest ist verwitwet, geschieden oder getrennt lebend.
- Bildungsgrad: 52% College-Absolventen; 30% Universität; 8% diplomierte Akademiker, 12% Studenten, nur 4% ohne High School-Abschluss.
- Beruf, Einkommen, Klassenzugehörigkeit: Sämtliche in den oberen Gruppen.
- Frühere Kirchenzugehörigkeit: 50% Protestanten, 20% Katholiken, 7% Juden,
- Derzeitiges religiöses Bekenntnis: 16% Protestanten, 5% Katholiken, 2% Juden bezeichnen sich noch als gläubig.
- Zahl der Sexualpartner: Männer hatten durchschnittlich 19, Frauen 15 Sexualpartner. 23% der Männer und 12% der Frauen hatten sogar mehr als 100 Sexualpartner. Hier liegt wohl der größte graduelle Unterschied zwischen Swingern und Nicht-Swingern.

Nachfolgend noch ein paar Daten, die BARTELLs Studie entstammen. (1973, S.33-53)

- Ethnische Herkunft: Die stärkste Gruppe bilden in seiner Studie Personen deutscher Herkunft.
- Berufe: Wenn man nur große Berufsgruppen betrachtet, sind 78% der Frauen Hausfrauen und 42% der Männer Verkäufer oder Vertreter.
- Kinder: 87% haben zwei oder drei Kinder, davon haben 74% zwischen 7- und 14- jährigen Nachwuchs.
- Physische Attraktivität: Das Ehepaar BARTELL stellt fest, dass Aussehen und Alter eine große Rolle spielen, um als begehrenswerter Swinger beispielsweise zahlreiche Einladungen zu bekommen. Er und seine Frau haben jedoch den Eindruck, dass eine ganze Anzahl der Personen, denen sie begegnen, nicht attraktiv ist. Später stellen sie fest, dass Swinger andere Beurteilungskriterien haben. Als kulturelle Gruppe hätten sie das, was Anthropologen „ideale Schönheitstypen“ nennen, entwickelt. Das bedeutet, dass es in suburbanen Swingerkreisen gerade genügend Typen gäbe, die einem „vom Fernsehen propagierten Mittelklassenideal“ entsprächen, um sie davon zu überzeugen, dass „Gruppensex das Fernseh-Schönheitsideal an sich binden kann.“ Die anderen Swinger entsprächen einem anderen, aber entscheidenderen Faktor: „Sie sind verfügbar.“ (Hervorhebung durch BARTELL) Um den sexuellen Kontakt zu nicht idealen Typen zu rechtfertigen, wird oft auf deren Schönheit als Menschen und auf die großartigen Leistungen im sexuellen Kontakt verwiesen.
- Der männliche Swinger ist durchschnittlich Mitte dreißig, 1,75 m groß und neigt zu Korpulenz.
- Die Frau ist im Durchschnitt 1,60 m groß und ebenfalls eher dickleibig. Aber auch ohne Übergewicht neigt sie zu üppigen Hüften und Schenkeln. Die Mehrzahl könne, wenn sie nicht sogar etwas flachbrüstig sei, hinsichtlich ihres Busens kaum mit Idealmaßen konkurrieren.

Der Lifestyle
Auch Untersuchungsjournalist und Autor von „Lifestyle" (1999) TERRY GOULD stellt fest, dass Swinger im Allgemeinen „Mainstream-Amerikaner“ im Kern der Mittelstandsgesellschaft sind. Auf einer großen Versammlung in San Diego führt er 1996 eine Befragung unter 3500 Swingern durch und zählt, dass ein Drittel der anwesenden Paare Postgraduiertenabschlüsse hat, ein Drittel die Republikaner wählt, und ein Drittel Mitglied einer Hauptreligion ist. 76% sind über 35 Jahre alt.

Seit den 80ern wird in den USA statt Swingen immer häufiger der Terminus ‚Lifestyle’ benutzt, denn immer mehr Paare wollen von dem Begriff befreit werden, der sie zu „Fastfood für die Medien“ gemacht hat. (S.4) Swingen wird auch deshalb zunehmend als Lifestyle bezeichnet, weil mindestens 10% der Swinger in ihrem sexuellen Verhalten längst nicht mehr so weit gehen möchten, aber trotzdem die schillernde und knisternde Atmosphäre solcher Veranstaltungen suchen. ‚Lifestyler’ glauben auch, sagt GOULD, dass sie mit ihrer bestimmten Art zu leben, ihre guten nordamerikanischen Werte – harte Arbeit, sichere Aufzucht der Kinder und pünktliches Steuernzahlen – mit ganz amerikanischen Fantasien, sich beispielsweise reizvoll wie ein Star zu kleiden und an schrillen Sexpartys teilzunehmen, kombinieren können. Sie leben also im Wesentlichen sechs Tage die Woche ein normales Mittelklasse-Leben und am Samstagabend wird seiner Ansicht nach versucht, das Leben der Schönen und Reichen zu imitieren.

Daneben gibt es unter den US-amerikanischen Lifestylern ca. 25% Hardcore-Swinger, die eher ausgefallene Veranstaltungen bevorzugen und noch promisker, noch Gruppensex-williger eingeschätzt werden, aber ebenso der gleichen Gesellschaftsschicht entstammen.

Gibt es das „SHERFEY-Syndrom“?
Ausgehend von den Erkenntnissen SHERFEYs, die weiter oben referiert wurden, fragt BRECHER Ende der 60er die Forscher BARTELL und SMITH, ob Frauen, wenn sie von Hemmungen befreit sind, mit Vergnügen einen Mann nach dem anderen, und einen Orgasmus nach dem anderen haben, bis sämtliche Männer oder sie selbst erschöpft sind. Er nennt das „SHERFEY-Syndrom“. Das wird, sagt SMITH, tatsächlich gelegentlich beobachtet, vor allem gegen Ende mancher Party, bildet aber eher eine Ausnahme. (BRECHER, 1971, S.265) Auch BARTELL weiß, dass dies gelegentlich beobachtet wird, findet in seinen Interviews aber nur zwei Hinweise darauf. (BARTELL, 1973, S. 253) GOULD würde den Begriff heute erweitern, indem er die Männer miteinbezieht, die es sehr erregend finden, wenn ihre Partnerinnen Sex mit anderen Männern haben und von überwältigenden Orgasmen berichten. (GOULD, 1999, S.162) BAKER konnte inzwischen nachweisen, dass sich dabei auch die Spermaqualität und –menge erhöht. GOULD würde demnach das SHERFEY-Syndrom mit dem „Sperma-Wettbewerb-Syndrom“ ergänzen. (S.174) Heute würde er wissen, dass es einen tieferen, unbewussten Beweggrund hinter Ritualen wie den früheren Fruchtbarkeitsfeiern und dem heutigen Swingen gäbe. Sie kombinieren zwei biologische Befehle, die paradoxerweise das Geschlechtsleben der Menschen für Äonen geregelt haben: den Antrieb zur Suche nach einem langfristigen Partner für die gemeinsame Aufzucht der Kinder und den genauso starken Antrieb für genetische und sexuelle Vielfalt. (S.167)

Wie viele Swinger gibt es?
Der Sexualforscher SIMON hatte schon zu Beginn der Bewegung den Eindruck, dass Swingen durch Angst- und Schuldgefühle ein gewisses Maß an Stress auslösen kann, und dass manche Swinger „Sex benutzen, um Motive zu befriedigen, die nichtsexueller Natur sind.“ (SIMON im Playboy, 1969, zit. n. BARTELL, 1973, S.258) BARTELL beobachtet in seiner Studie regelmäßig das Abspringen von Swingern nach etwa anderthalb bis zwei Jahren. Viele Swinger schränken ihre Aktivität nach dieser Zeit entweder stark ein oder hören ganz damit auf. (BARTELL, 1973, S.259)

Daher sind zuverlässige Schätzungen etwas schwierig. In den 70ern reichten die Schätzungen noch von einer bis sechzehn Millionen. Es gab zu dieser Zeit auch Soziologen, die, auf der damaligen Wachstumskurve basierend, einen Anstieg auf 15 bis 25% aller Ehepaare voraussagten. Inzwischen wird geschätzt, dass es in USA etwa drei bis maximal vier Millionen Swinger gibt. Weltweit käme vermutlich eine weitere Million hinzu, die, wenn man von verstreuten Clubs beispielsweise in Indien, Ecuador und Australien absehe, hauptsächlich in Deutschland, Frankreich, England, Niederlande und Belgien angesiedelt seien. (GOULD, 1999, S.76)


Swingen in Deutschland

Die meisten Informationen über Swingerclubs und Clubbesuche entstammen den von mir geführten Gesprächen, Fernsehreportagen und Internetrecherchen.

Schenkt man den immer zahlreicher werdenden Artikeln und Fernsehberichten Glauben, so erfreuen sich Swingerclubs auch in Deutschland seit einiger Zeit zunehmender Beliebtheit. Diverse reißerische Reportagen zeigen attraktive, aufgeschlossene und hemmungslose Menschen in schicken Dessous, die den Partnertausch praktizieren und wilde Orgien ohne Tabus veranstalten. Ob dieses Bild der Wirklichkeit entspricht und wie viele Deutsche tatsächlich Swingen, wurde bisher noch nicht untersucht.

Der älteste Pärchenclub Deutschlands
Der 1979 gegründete ‚Maihof’ ist Presseberichten zufolge der älteste Pärchenclub unter den großen Clubs in Deutschlands. In einigen Reportagen wurde seitdem über den Pärchenclub berichtet. „Diese Berichte haben natürlich auch über das Wesen von Gruppensex und Partnertausch aufgeklärt. Die ursprünglich sehr große Zurückhaltung der Bevölkerung hat sich zwar noch nicht in allgemeine Euphorie verwandelt, aber das Verständnis und die Toleranz für unsere Lebensart ist sehr gewachsen. Immerhin hat der STERN eine Umfrage veröffentlicht, nach der schon 1994 13 Millionen Deutsche sich angelockt fühlten.“ (SANDER, Clubgründer, 2001) SANDER weist darauf hin, dass es vor dieser Eröffnung in Deutschland bereits Clubs gab. Seiner Ansicht nach waren das jedoch nur „mäßige Häuser“, eher „schummerige Keller“ mit „miesem Publikum“ und nach seiner ersten überwältigenden Erfahrung in einem Pariser Club eine „herbe Enttäuschung“ (ebd.) Das trieb SANDER an, und im vergangenen Jahr wurde der Maihof zum besten und schönsten Pärchenclub Deutschlands gekürt. (Wa(h)re Liebe, 2004)

Was und wer sind Swinger heute?

Ein paar eher „atmosphärische“ Zahlen aus der zwar umfangreichen, jedoch nicht repräsentativen Stichprobe liefert SANDER (1999) aus dem Paarbereich:

- Alter zwischen 18 und 80,
- die meisten zwischen 30 und 40 Jahre alt,
- ca. 30% sind unter 30, und ca. 20% über 50 Jahre alt,
- die meisten sind verheiratet,
- Fast alle leben miteinander oder kennen sich schon lange,
- Berufe: Selbständige und Angestellte, viele Akademiker.
- darunter einige Prominente und wenige sehr Prominente.

Fast alle Paare seien sehr gepflegt, manche Frauen hätten eine „Mannequin-Figur“ und manche Männer einen „Bodybuilding-Körper“. Die meisten hätten aber keine Traumfigur und „sehen aus wie Du und ich: ein bisschen viel hier, ein bisschen viel da, ein bisschen wenig hier, ein bisschen wenig da.“ (SANDER, 2005) In Internetanzeigen fällt hinsichtlich der äußeren Merkmale noch auf, dass sich Swinger überwiegend, selbst die Männer, entweder am ganzen Körper rasiert, aber zumindest im Intimbereich teilrasiert beschreiben.

Auf folgende allgemeine Beschreibung dürften sich die meisten praktizierenden Swinger einigen können: Swinger sind Menschen, häufig Paare, die Ihre Sexualität über die erotische Fantasie hinaus in der Realität ausleben möchten. Ein Hamburger Swingerpaar antwortet auf die Frage: „Eine kosmopolitische Minderheit, die sich durch Ehrlichkeit sich selbst, ihren Gefühlen und ihrem Partner gegenüber auszeichnet. Die Pioniere einer neuen Sexualmoral, die nicht bereit sind, die Doppelmoral in der heutigen Gesellschaft mit zu tragen, sondern ihre Bedürfnisse und die ihrer Partner erkennen und tolerieren.“ (Homepage „PAAR-HH-SÜD“, 2005)

Welche Richtungen und Strömungen gibt es?
Dabei gibt es ganz unterschiedliche Richtungen und Strömungen innerhalb der Swingerszene. Einige üben aktiv den Partnertausch aus. Manche möchten gerne nur zusehen oder/und gesehen werden. Manche mögen Sex zu dritt, manche auch mit mehr und manche mit sehr viel mehr Sexpartnern. Manche leben bisexuelle Neigungen aus. In Swingerclubs sind das fast ausschließlich Frauen. Für bisexuelle Männer gibt es bisher spezielle Clubs. Auffallend sind aber zunehmende Kontaktanzeigen von Einzelnen und Pärchen, bei denen auch der Mann seine bisexuelle Neigung ausleben möchte. Dies findet bisher eher bei privat organisierten Begegnungen statt, denn in den allermeisten Clubs sind sexuelle Handlungen unter Männern tabu. Eine kleine aber wachsende Gruppe geht betont in Richtung Sadomasochismus (SM), beziehungsweise BDSM. Eine andere Gruppe favorisiert die Fetisch-Richtung, wo Kleidung und Accessoires aus Lack, Leder und Latex im Vordergrund stehen.

Wo wird geswingt?

Geswingt wird nicht nur in Clubs, sondern auch auf privat organisierten Partys und bei privaten Treffen zu dritt oder im kleinen Kreis, zu Hause oder in einem geeigneten Hotel, was überwiegend über Kontaktanzeigen zustande kommt. Manche Swinger trifft man auch auf Autobahnparkplätzen beim sogenannten Parkplatzsex und auf speziellen Geländen, beispielsweise Parks, Baggerseen und Flussufer, die Eingeweihten bekannt sind, zum „Outdoorsex“. Auch einige Sexkinos, frivole Insiderkneipen, bestimmte Parkhäuser und Tiefgaragen und manche Saunen sind Treffpunkte. Viele Swinger distanzieren sich jedoch von dieser Szene. Es gibt ab und zu Großveranstaltungen, meist von Swingermagazinen organisiert, die an ausgesuchten Orten zu einem bestimmten Motto stattfinden, zum Beispiel auf einem großen Ausflugsdampfer. Weltweit gibt es Urlaubsziele mit Hotels oder Camps speziell für Swinger, etwa Cap d’Agde in Südfrankreich. Regelmäßig, meist in den USA, gibt es mehrtägige internationale Massenveranstaltungen – sogenannte Swingerkongresse. Zudem unterscheidet man unterschiedliche urbane Szenen: In Metropolen wie New York, London oder Berlin gibt es spezielle Clubs, die eine fantasievolle Avantgarde ansprechen, wo Heteros und Schwule gemischt sind. In dieser Szene werden meist schrille Motto-Events veranstaltet. Häufiger werden dabei auch Drogen konsumiert.

Wie viele Swinger gibt es in Deutschland?
Veranstaltungen und Clubs werden mitunter aus den „falschen“ Motiven besucht: Ein Partner möchte vielleicht unbedingt diese Erfahrung machen, und der andere lässt sich trotz großer Widerstände dazu überreden. Oder es wird versucht, einer faden Beziehung einen neuen Kick oder eine neue Grundlage zu geben, ohne die Konsequenzen eingehend bedacht zu haben. Dies kann zu Krisen führen, nicht selten zum Ende einer Partnerschaft, und nur in Ausnahmefällen gelingt die Belebung einer problematischen Beziehung tatsächlich. Vielfach wird das Swingerleben wieder aufgegeben. Schon allein wegen dieser Dropout-Rate sind zuverlässige Schätzungen über die Anzahl praktizierender Swinger schwer möglich. Die wirklich „eingefleischte Swingerszene“ scheint eher überschaubar zu sein. Wie bereits weiter oben erwähnt wird die Swingergemeinde auf etwa eine Million in Mitteleuropa geschätzt. Einer nicht repräsentativen Internet-Umfrage zufolge haben etwa 3% der Besucher der Website tatsächlich diesbezügliche Erfahrungen gemacht, weitere 13% hegen den Wunsch. (Quelle: Gynäkologen-Portal, www.gyn.de, Stand 01.11.2004) Dieser Prozentsatz konkret Erfahrener wird durch die Trendstudie ‚Beziehungsbiografien im sozialen Wandel’, auf die bereits eingegangen wurde, annähernd bestätigt.

Kommunikationsplattform Internet

Wenn man davon ausgeht, dass möglicherweise auch das Angebot als vager Anhaltspunkt etwas über die Nachfrage aussagen kann, sind vielleicht folgende Zahlen interessant: Gibt man in die Suchmaschine von ‚Google’ den Suchbegriff ‚Swinger*’ ein, erhält man für Deutschland 2.260.000 Einträge, für den Suchbegriff ‚Swingerclub’ 919.000 Einträge. Zum Vergleich: ‚Club’ 4.840.000, ‚Bordell’ 887.000 und ‚Fitness-Club’ 111.000 Einträge. (Stand 06.02.2005) Das ist selbstverständlich keine Grundlage, um daraus irgendetwas abzuleiten oder gar hochzurechnen. Diese Zahlen lassen schon deshalb überhaupt keine Aussage zu, da die Suchmaschine nicht zwischen Angebot und Nachfrage differenziert und die Begriffe mit ganz unterschiedlichen Bezügen und Zusammenhängen entdeckt und anzeigt. Aber eines scheint daran sichtbar zu werden: Dass das Internet für Menschen mit dieser nicht näher bezeichneten Vorliebe, für Nutzer also, aber auch für Anbieter von Swingerclubs eine wichtige Kommunikationsplattform ist. Tatsächlich laufen Kontaktgesuche größtenteils über dieses Medium, und Swinger ohne Internetanschluss dürften eher Ausnahmen sein.

Swingerclubs
Meistens sind Swingerclubs professionell geführte Etablissements für heterosexuelle Paare und Singles. Es gibt, wie bereits erwähnt, auch reine Pärchenclubs. Natürlich gibt es auch Clubs für homo- und bisexuelle Männer. Dort haben Frauen keinen Zutritt. Abgesehen von einheitlichen Preisen für alle männlichen Besucher unterscheiden sich diese nicht wesentlich von den Hetero-Clubs. Auch hier treffen sich Singlemänner sowie schwule Paare.

Die Gäste erstgenannter Clubs sind also nicht nur feste Paare oder Ehepaare, sondern auch Singles, also einzelne Männer und Frauen. Hinzu kommen Paare, die sich, oft über Kontaktanzeigen, nur zum Clubbesuch verabredet haben. Die Anzahl der Gäste und das Alter schwanken von Club zu Club, möglicherweise auch von Tag zu Tag und sind für die Betreiber nicht immer vorhersehbar. Tagesschwankungen hängen anscheinend auch vom Wetter oder vom Fernsehprogramm ab.

In den meisten Clubs, außer reinen Pärchenclubs, herrscht unter der Woche oft Herrenüberschuss. Viele Clubs beschränken sich dabei strikt auf 2-3 Männer pro Paar und pro Solodame. Es gibt aber auch Clubbetreiber, denen das Verhältnis egal ist. Singlefrauen, vielmehr ‚Solodamen’, die Swingerclubs besuchen, sind zahlenmäßig oft wesentlich geringer vertreten. In manchen Clubs gibt es auch Prostituierte, die sich bei Frauenmangel um die Solomänner kümmern. In zahlreichen Clubs werden dagegen Prostituierte als Begleiterinnen ausdrücklich abgelehnt. Bei einigen Clubs ist es ratsam sich vorher anzumelden, um sicher Einlass zu bekommen.

Die Preise für Einzelmänner sind in der Regel mit 70,- bis zu 180,- € weitaus höher als für Paare oder einzelne Frauen. In den meisten Clubs bezahlen Solofrauen keinen Eintritt oder lediglich 5,- bis 10,- €. Pärchen bezahlen 20,- bis 80,- €. In manchen Clubs sind auch junge Pärchen frei, müssen dann aber mit einem hohen Männerüberschuss rechnen. An reinen Pärchentagen ist der Eintrittspreis in der Regel höher, weil gar keine Soloherren eingelassen werden. Die meisten Leistungen, wie Getränke und Buffet sind inklusive. Eine Garantie für Sex gibt es aber nicht.

Ausgestattet sind die Clubs mit Umkleideräumen und Spinden, Duschen, der Bar, die als Kontaktbereich fungiert, mit unterschiedlichen Räumen, "Lustwiesen" und Ruhezonen. Kondome, Papiertücher und Abfallbehälter gehören in der Regel zum Standard. Es wird ausschließlich Safer Sex praktiziert. Das Gebot gilt anscheinend auch für Ehepaare.

Weitere Ausstattungen können sein: Buffet, Tanzbereich, Dunkelraum, Sauna, Pool, Whirlpool, Solarium und Trimmgeräte. Die meisten Clubs haben ein SM-Zimmer mit einem Andreaskreuz zum Fesseln und für sanftere SM-Spiele, SM-Spielzeuge, und einen Bock oder einen Gynäkologenstuhl für Frauen, die mit der Nutzung signalisieren, dass sie mit mehreren Männern verkehren möchten.

Manche Clubs veranstalten regelmäßig Partys und Motto-Tage. Bei ‚Ü 40’ sind beispielsweise Swinger über vierzig angesprochen. ‚FKK’ heißt, dass Nacktheit Pflicht ist. ‚Dresscode’, dass bestimmte Bekleidung erbeten oder Pflicht ist, etwa Lack, Leder, Latex oder Dessous in einer bestimmten Farbe. ‚SM’ heißt, dass härtere Spiele möglich sind. Beim Motto ‚Bi’ sind normalerweise nur Frauen gemeint. ‚Pärchentag’ heißt, dass nur Paare, manchmal zusätzlich auch Solofrauen zugelassen sind. ‚Gangbang’ heißt, dass einzelne Frauen mit mehreren Männern verkehren.

Clubbesuch
Auf das Klingeln öffnet meist eine mehr oder weniger bekleidete Person die Türe, fragt ob man schon mal da gewesen sei, kassiert gegebenenfalls den Eintrittspreis und erklärt die Clubregeln. Dann bekommt man einen Spindschlüssel und geht in die Umkleide. Den Schlüssel gibt man danach in der Regel an der Bar ab. Diese Bar ist einer Kneipe nicht unähnlich, außer dass die Gäste wesentlich leichter bekleidet sind. Obwohl in der Regel die Getränke kostenlos sind, wird eher weniger Alkohol als in einer normalen Bar konsumiert, denn Betrunkene werden vielfach nicht geduldet. An der Bar wird geredet, gescherzt und geflirtet, aber auch gewartet, dass irgendjemand den Anfang macht, was bisweilen ins Stocken gerät, gerade wenn die Gäste sich sehr vertraut sind. Manchmal wird an der Bar auch schon mal gefummelt, seltener passiert dort mehr.

Man kann sich vom Betreiber oder von einem Gast die Clubräume zeigen lassen, oder geht alleine und schaut sich in Ruhe alle Räume und „Spielmöglichkeiten“ an. Es gibt meistens unterschiedlich gestaltete und unterschiedlich große Spielwiesen, mit unterschiedlichen Betätigungsmöglichkeiten, mit und ohne Spiegel und mit mehr oder weniger Licht.

Wieder an der Bar, kann man sich gezielt einen „Wunschpartner“ aussuchen und ihn auffordern mitzukommen, oder man lässt sich aussuchen und „mitnehmen“. Wer auf der "Matte" ohne weitere „Mitspieler“ bleiben möchte, macht dies deutlich, indem er eine unzugängliche Ecke aussucht, Hände, die Kontakt suchen, freundlich, aber bestimmt zurückweist, abwinkt oder etwas sagt. Ein vor allem von einer Frau ausgesprochenes "Nein" muss als solches akzeptiert werden. Vielfach verständigen sich Swinger über erwähnte Gesten, die ebenso zu befolgen sind. Männer, die sich nicht daran halten, erhalten einen Verweis oder sogar sofortiges Hausverbot. Grenzüberschreitungen seien jedoch selten. Für eher zurückhaltende Besucher oder Paare, die nicht gestört werden wollen gibt es in einigen Clubs auch sogenannte Stoppzimmer. Dort darf nur das Personal stören.

„Alles kann, nichts muss!“

In allen Clubs gilt die Regel: "Alles kann, nichts muss.“ Wer also beispielsweise mit einem festen Partner einen Club aufsucht und kein Interesse am Partnertausch hat, kann sich zu zweit zurückziehen oder, je nach Neigung, andere nur zuschauen lassen oder selbst Zuschauer sein. In vielen Clubs wird von den Betreibern sehr darauf geachtet, dass Männer nicht übergriffig werden und sich an die Spielregeln oder Clubregeln halten. Überhaupt werden diese Regeln und die sogenannte Swinger-Etikette unter Swingern vielfach beschworen. Auch das Motto: „Alles kann, nichts muss“ wird so häufig zitiert, dass es fast so etwas wie ein Erkennungszeichen ist.

Will man Kontakt, kann man diejenigen, die einem folgen, einbeziehen, indem man sie nicht zurückweist, sie sogar ermutigt und auffordert, dies oder jenes zu tun. In der Regel ist es so, dass die Stelle, die der Begleiter freigibt, gerne von einem anderen Gast eingenommen werden kann. Zum Aufwärmen wird vielfach mit Massagen begonnen. Eine Verpflichtung oder gar einen Zwang, irgendetwas zu machen oder andere machen zu lassen, gibt es nicht.

Es gibt auch Paare, die nur an der Bar sitzen und ab und zu mal schauen, was in den Räumen los ist und selber nichts machen, sich aber Appetit für zu Hause holen, vielleicht auch die Illusion, sie seien sexuell aktiv, ohne dies unter Beweis stellen zu müssen. Und es gibt Paare, die sich nur mit sich beschäftigen. Wenn sich die Möglichkeit dazu bietet, wird scheinbar gerne eine Dreier-Konstellation mit zwei Frauen angestrebt, denen oft der Vortritt zu zweit gelassen wird. Die Konstellation mit zwei Männern und einer Frau ergibt sich in vielen Clubs allerdings häufiger. Mit Ausnahme von gelegentlichen Gangbangs, finden die in Fernsehberichten gezeigten Gruppensex-Orgien anscheinend seltener statt. Swinger selber benutzen den Ausdruck ‚Orgie’ auch so gut wie nie.

Leichte SM-Spielmöglichkeiten gibt es, wie gesagt, in einigen Clubs. Harte, mit Schmerzen verbundene SM-Praktiken dagegen, werden in normalen Clubs nicht gerne gesehen. Dafür gibt es spezielle Clubs. Gangbang ist zwar nicht der Geschmack jeder Frau, wird aber anscheinend in einigen Clubs immer wieder hemmungslos ausgelebt. Dazu gibt es in vielen Clubs den erwähnten "Bock" oder den Gynäkologenstuhl. Legt sich eine Frau darauf, signalisiert sie, dass im Prinzip jeder "darf" bis die Frau den Bock oder den Stuhl wieder verlässt.

Partnertausch innerhalb einer Viererkombination sei das Ziel vieler Gäste in einem Pärchenclub, beziehungsweise an einem Pärchentag, ist aber laut SANDER eine eher diffizile Angelegenheit: „Diese Konstellation klingt einfach, ist es aber überhaupt nicht.“ Man solle sich einmal vorstellen, vor einem Mann stünden zehn Frauen, die vom Alter und der allgemeinen Erscheinung her in Frage kämen. „Für die meisten Männer wären vermutlich von den zehn Frauen sieben bis acht attraktiv.“ Im umgekehrten Fall würden wahrscheinlich „höchstens drei Gnade vor ihren Augen finden, denn Frauen sind im allgemeinen viel kritischer.“ Meist komme es aber nach einer Verhandlungsphase zu einem Kompromiss, der abwechselnd zu Gunsten des einen und später des anderen ausfalle, sagt SANDER. (1999)

Diplomarbeit-Swingen (pdf, 77 KB)

Nachdem nun manche Vorurteile und der Untersuchungsgegenstand theoretisch und vorbereitend ziemlich ausgeleuchtet wurden, geht's morgen zum Methodenteil, den man allerdings getrost überspringen kann, um direkt bei der Durchführung weiterzulesen.


Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit.
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Mukono - 2006/09/15 01:04

als ich

allein lebte, besuchte ich einst einen Swingerclub. Nichts ist deprimierender als diese traurigen Gestalten dort.

Eugene Faust - 2006/09/15 13:05

Vielen Dank für Ihren Kommentar,

so war es mir möglich Ihr anrührendes und gleichzeitig brilliantes Tagebuch zu entdecken.

Mit Ihrem Eindruck bzgl. solch eines Ortes sind Sie sicher nicht allein. Selbst eine meiner Interviewpartnerinnen sprach von armseligen Gestalten (Unser Gespräch werde ich demnächst in verdichteter Form hier veröffentlichen).

Während meiner Recherchen entschied ich mich auch einmal für einen angemeldeten und daher formellen Kurzbesuch bei sehr wenig Vormittagsbetrieb in "so einem Club". Da hat sich mir dort auch nicht gerade eine fröhliche Welt vermittelt. Ich war, muss ich gestehen, trotz wohlwollender Akzeptanz gegenüber meinen Gesprächspartnerinnen, schon recht befremdet.

Ihnen und Ihrer Frau alles erdenklich Gute

Ihre Eugene
Mukono - 2006/09/16 09:40

Erfahrensbericht

Hallo, da Sie so freundlich waren mir zu antworten, habe ich die Abendstunde genutzt, Ihre Veröffentlichung über Swingerclubs gründlicher zu lesen und nicht nur zu überfliegen.
Es handelt sich offenbar um eine Diplomarbeit, bzw. den Teil einer solchen, vermutlich der Abschluss eines Soziologiestudiums.

Mein Eindruck als Laie:

Die Statistik ist bekanntlich eine Lüge. Sie verwenden sehr viel statistisches Material, möglicherweise muss das so sein, um, smile, den Fleiß zu beweisen. Ich musste solche Stellen gedanklich beiseite räumen, um mir ein Bild zu machen.
Interessant für mich, dass jedenfalls in Deutschland erstaunlich wenig Menschen „swingen“, die Medien bedienen in ihrer Berichterstattungen voyeuristisch ein Wunschbild in der Gesellschaft, die wohl eher sexuell frustriert ist, und von Jahr zu Jahr nimmt die sexuelle Aktivität der Menschen eher ab, statt zu.
Ich bin ja, wie gesagt skeptisch, was Statistik angeht, aber neulich las ich in der Zeitung, dass die Achtzehn- bis Fünfunddreißigjährigen in Deutschland vier- bis sechsmal im Monat Sex haben!
Ich sehe die Angelegenheit eher von einer psychologischen Intuition heraus, als von wissenschaftlichen Standpunkt, und natürlich mit literarischer Neugierde.
In den Fünfziger und Sechziger Jahren gingen die Männer in Bordells zu Prostituierten, die Frauen bügelten Bettwäsche und blieben frustriert.
Durch die von Amerika herüberkommende Mode der Swingerclubs bot sich den Männern an, ganz nach dem Prinzip der Gleichberechtigung, ihre schlechtes Gewissen zu neutralisieren. Der Drang nach einigen Ehejahren fremd zu gehen, konnte nun nach Überredung der Ehefrau innerhalb der Ehe ausgelebt werden. Das Entsetzen der Männer, dass schon rein von der biologischen Möglichkeit, die Frauen viel öfter ihre Partner wechseln können, als sie selbst, wird immer wieder oft erzählt.
Ich las einmal, dass es in den fernen Zeiten der matriachalischen Gesellschaften in jeder Gruppe, in jedem Stamm eine Art Urmutter gab, die mit allen Männern der Gruppe Sex hatte und die Kinder gebar. Eventuell kommen in manchen Swingerclubs diese fernen und verschollenen Praktiken aus dem Unterbewusstsein wieder zum Vorschein. Das wäre sehr interessant zu erfahren.
Nun zu meinen Erfahrungen.
Der Swingerclub, den ich hier in Westberlin besucht, war genau genommen eine Sauna mit Ruheräumen, um Sex zu haben. Alles sehr rein, klinisch rein. Es gab mehrere Räume, einige mit offenen Bullaugen an den Wänden, durch die man andere beobachten konnte. Der Barbereich war riesig mit Nischen zum Kennen lernen, aber auch mit weiten Räumen mit großen Tischen.
Es gab mehrere Gruppen. Pärchen zwischen dreißig und vierzig, die sich wie normales Saunapublikum verhielten. Allein stehende Männer, hauptsächlich junge Moslems, meist Türken. Allein stehende Frauen, deutsche, sehr dicke und hässliche und sehr alte, Singles eben.
Gruppen von acht bis zehn jungen Mensche, die sich kannten.
Der Eintritt kostete für allein stehende Männer siebzig Euro, für Pärchen zwanzig. Es gab Bier umsonst, man konnte aber billigen Wein trinken, soviel man mochte. Gute Sorten musste man bezahlen, Imbiss auch nur gegen Bezahlung.
Die größeren Gruppen der jungen Menschen unterhielten sich locker und fröhlich. Sie benutzten den Club als Sauna, und um umsonst zu trinken und zu feiern, keineswegs, um Sex zu haben.
Die etwas älteren Pärchen blieben zu zweit oder viert und benahmen sich auch nicht anders als in einer Sauna. Keinen Sex!
Alle saßen in Unterwäsche da im Barbereich. Ein vielleicht Fünfzigjähriger kam mit seiner Gemahlin. Er trug einen Slip mit einem Elefantenplüschtier vorn. Das war sehr traurig, weil niemand lachte.
Ich trank übrigens zu viel Wein, die wirklich fetten alten Frauen wirkten sehr frustrierend. Nach einem Saunagang, benutzte ich einen von den sehr schönen Whirlpools, da sprach mich eine Frau an, die auf einer Matratze dort lag. Ob ich nicht schmusen wolle.
Nein, antworte ich, ich wäre nur zum Saunen hier. Diese Frau hatte die Ausmaße einer Riesin mit Fleischbergen bepackt. Ich selbst bin ein kleiner Mann.
Schließlich hielt ich mich an der Bar auf und betrank mich, Mir wurde klar, das ist zumindest an diesem Wochentag kein Swingerclub, sondern eine Sauna, in der man rauchen konnte und trinken bis zum Abwinken.
Nur dafür wurde der angebliche Swingerclub genutzt, bis ich dort war, vielleicht eine Stunde nach Mitternacht. Niemand praktizierte dort Sex.
Der Anblick einer vielleicht Siebzigjährigen in Lederkorsage, welche mit einem Blick der Verlorenheit allein sitzend in einer Ecke saß und rauchte, gehört für mich von da an zu eines der erschütternsten Bilder der menschlichen Einsamkeit.
Vielleicht schreibe ich darüber einmal eine Geschichte...
Die jungen Türken tauchten spät auf, sie liefen taxierend durch die Räume und den Barbereich. Mag sein, dass sie sich später der alten dicken Frauen annahmen, und der Oma auch.
Ich war betrunken und das freundliche Personal bestellte mir ein Taxi.

Nie wieder besuchte ich einen Swingerclub. Hier in Berlin findet man für das gleiche Geld, wenn man nur ein wenig sucht und wählerisch ist, Bordelle mit sehr gutem Niveau. Für allein stehende Männer, die nicht auf eine Bindung aus sind, eine sehr gute Möglichkeit, Sex zu haben. Das waren damals, als ich allein lebte, gute und beglückende Stunden ab und an in solchen Bordellen.
Die besten Bordelle haben Frauen als Chefinnen.
Vielleicht hilft Ihnen mein Erlebnisbericht bei Ihrer Arbeit.

Swingerclubs sind nach meinem einen Eindruck eines Erscheinungsform der Einsamkeit und menschlichen Elends, insofern es Singles betrifft.
Keine allein lebende schöne Frau wird einen Swingerclub besuchen, um dort Sex zu haben. Medien vermitteln nach meiner Ansicht ein völlig falsches Bild.

Lieben Gruß
Und danke für Ihre Wünsche

Mukono

Eugene Faust - 2006/09/16 16:53

Hallo Mukono,

sie verstehen es, dem Leser fast ein Schmunzeln mit garantiert gleichzeitigem Frösteln zu bereiten. Und würde ich meinen Forschungsgegenstand ausweiten wollen, wären mir Gesprächspartner wie Sie sehr willkommen. Beispielsweise bewegten mich während der Recherchen unter anderem die Fragen, weshalb Männer einen Clubbesuch ohne Sexgarantie dem Besuch bei einer Prostituierten vorziehen; worin für Männer der Reiz eines Gangb*ngs liegt, und was das erotischen Spiel zwischen zwei Frauen so anregend für sie macht. Gott-sei-Dank habe ich aber den Dipl. psych. seit zwei Monaten in der Tasche.

Zu meinem Thema habe ich inzwischen auch eine ziemliche Distanz bekommen. (Das Kind ist abgenabelt, in trockenen Tüchern und lässt mich nachts schon lange wieder durchschlafen. ) Trotzdem bin ich stolz auf die Arbeit. Wegen der positiven Resonanz in meinem Freundes- und Bekanntenkreis und regelmäßiger Ermutigung zur Veröffentlichung, stelle ich die Arbeit in großen Teilen wenigstens hier ein. In der Blogosphäre rechne ich einfach auch mit einem gewissen Niveau (zumindest überwiegend). Die Reaktionen bisher geben mir auch recht.

Zu Ihren einleitenden Ausführungen empfehle ich Ihnen übrigens das eine oder andere Kapitel (über das Side-Menü), welches Sie in Ihren Vermutungen teilweise bestätigen oder zu weiteren Vermutungen inspirieren könnte. (Z.B. Unersättlichkeit, Beziehungswelten...)

Jedenfalls danke ich Ihnen sehr für Ihren Beitrag und grüße Sie ganz herzlich.

Eugene
DerBasler (Gast) - 2007/02/09 07:17

Ich bin seit Jahren praktizierender 'Swing*r', früher mit meiner Ehefrau, heute mit meiner Freundin, und, um es gleich vorweg zu schicken, meine Ehe ist nicht am Swingen oder am Sexualleben gescheitert.
Ich kann den Kommentar von mukono nur teilweise bestätigen. Es stimmt, es gibt Clubs, in denen es so 'traurig' zugeht wie von ihm beschrieben, mit einiger Erfahrung jedoch kann man auch Clubs finden, in denen es 'lustvoll' zugeht.
Das Publikum ist auch hier gemischt, jung und alt, hübsch und hässlich, was natürlich immer sehr subjektiv ist.
Man erlebt auch diverse Motivationen, warum Leute diese Etablissements besuchen, vom überredeten Partner bis zum Paar, das Swingen mit Überzeugung betreibt.
Unser Lieblingsclub, der in der Schweiz liegt, veranstaltet Abende nur für Paare und Abende an denen eine strikt limitierte Anzahl von Einzelmännern zugelassen ist. An diesen Abenden ist auch Single-Frauen der Eintritt in den Club gestattet, hier allerdings ohne Limit.
In diesem Club ist die Lust die vorherrschende Motiviation. Die Gäste sind überwiegend Stammgäste, jeder weiss was er will und was er erwarten kann. Und das ist meiner Meinung nach das entscheidende für die Qualität der Clubabende. Erfahrung im Swingen bereitet mehr Lust.
Meine Freundin und ich suchen uns unsere Partner einfach nach dem Bauchgefühl raus, das Äussere der Paare ist nur teilweise entscheidend. Mehr lassen wir uns von dem Gefühl der spontanen Sympathie leiten, ein freundliches Lächeln wirkt oft Wunder!
Einen Tipp, den ich gerne noch an 'Einsteiger' geben möchte: die vorherige Absprache und das strikte Einhalten dieser ist entscheidend. Hat man sich einmal geeinigt! (nicht den anderen überredet!) einen Club zu besuchen, muss man sich vorher im klaren sein, wie weit man gehen will. Und egal wie gut es läuft, muss man sich an diese Absprache halten. Natürlich kann man sich für den nächsten Besuch andere Grenzen setzen, aber wichtig ist, dass man sich auf seinen Partner verlassen kann. Man muss sich bewusst sein, dass man sich auf dünnem Eis bewegt als Anfänger, und die Grenze zwischen Erfolg und Misserfolg ist sehr dünn und schnell überschritten.
Und als Abschluss noch ein Muss: immer Kondome benutzen, selbst beim Oralverkehr. Sollte selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht immer.
Und nun haltet es nach dem zitierten Motto: 'Alles kann, nichts muss'. Wem es gefällt sollte es tun, wem nicht, sollte es lassen, aber Toleranz ist von jedem gefordert.

Eugene Faust - 2007/02/09 11:52

Hallo Basler,

vielen Dank für den langen Kommentar.

Etwas unsichere Neueinsteiger, die das von Ihnen Angesprochene beherzigen und auch noch den "richtigen" Club finden, werden wahrscheinlich, wie Sie, gute Erfahrungen machen. Das haben mir auch meine Gesprächspartnerinnen bestätigt.

Herzliche Grüße nach Basel
Mukono - 2007/06/05 12:57

ich habe

ja, meinem damaligen Kommentar nichts mehr hinzuzufügen. Es ist wirklich traurig dort, jedenfalls für einen Singlemann... Nie wieder würde ich dort hingehen. Und kann das auch keinem empfehlen. Bei Paaren mag es anders aussehen.
Ich könnte mir einen Woody Allen dort sehr gut vorstellen, vielleicht wie er an einer Bar in einem Swingerclub versucht, über Nietzsche zu diskutieren. Er braucht sich nur zu melden, ich schreibe das Drehbuch

lieben Gruß

Mukono


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Really....such a important site.
4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
ja.
ja.
dus - 2015/12/09 10:19
Einfach nur mal so....
Schön, dass es diesen Blog immer noch gibt.
Lo - 2015/12/04 09:15

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