17
Sep
2006

TEIL IV: DURCHFÜHRUNG

Die Gesprächsteilnehmerinnen

Häufig wurde in der Planungsphase gefragt, wie ich denn an auskunftswillige Gesprächspartnerinnen kommen wolle. Diese Frage bereitete mir ganz zu Anfang auch Sorgen. Daher galt mein allererstes Engagement nur diesem Punkt. Ich machte Clubadressen ausfindig und dachte an einen formellen Kurzbesuch mit der Bitte, mein Gesuch an einem schwarzen Brett aushängen zu dürfen. Der erster Schritt, kooperative Clubbetreiber zu finden, bestand dann in einer E-Mail mit der Bitte, dort für mein Anliegen werben zu dürfen. Nach dem Angebot einer besseren Plattform, nämlich dem clubeigenen Internet-Forum, haben sich bereits innerhalb von zwei Tagen vier Frauen auf mein Gesuch gemeldet, ohne dass ich je einen Club betreten habe. Lediglich eine Frau hat sich nach einer Terminanfrage nicht mehr gemeldet und eine Akademikerin wollte vollkommen anonym bleiben und höchstens einen Fragebogen ausfüllen, sich aber nicht auf ein Gespräch einlassen. Mit zwei von ihnen konnte ich über einen Mailwechsel einen Gesprächstermin vereinbaren.

Mein zweiter Versuch führte mich in ein bundesweit frequentiertes Swinger-Forum. Aus diesem Versuch resultierten innerhalb kürzester Zeit drei erfolgreiche Kontakte, davon waren zwei Frauen miteinander befreundet.

Im dritten Versuch wandte ich mich per Mail wieder direkt an einen Club, dessen Betreiberin mein Anliegen umgehend an eine ihrer Besucherinnen weiterleitete. Die Verabredung mit dieser Frau kam danach auch sofort zustande.

Eine weitere Gesprächspartnerin wurde mir durch eine ehemalige Kommilitonin vermittelt. Sie ist mit einer Frau befreundet, die sich mit dem Gedanken trägt, einmal allein einen Swingerclub zu besuchen. Da mich der Prozess gerade auch in diesem Stadium interessierte, freute ich mich sehr, sie für ein Gespräch zu gewinnen. Mit Ausnahme dieser Gesprächspartnerin hatten alle anderen mehr oder weniger zahlreiche konkrete Erfahrungen in Swingerclubs gesammelt.

Die letzte Gesprächspartnerin hat sich direkt bei mir gemeldet, nachdem sie über die Freundin meiner Freundin von meinem Diplomarbeitsthema hörte und gerne ihre Erfahrungen einbringen wollte.


Der Gesprächsverlauf

Die Gespräche fanden mit einer Ausnahme bei mir zu Hause statt. Nach der Begrüßung erklärte ich noch einmal den Ablauf des Gesprächs. Zuerst informierte ich meine Gesprächspartnerinnen zum Gesprächsstil, dass es sich beispielsweise nicht um ein Interview im herkömmlichen Stil, wie etwa bei Journalisten, handelt. Ich sprach die Themenbereiche und Aspekte an, die mich interessieren. Außerdem gab ich Informationen zu der Weiterverarbeitung der Tonbandaufnahme, zur Transkription, zur Anonymisierung der persönlichen Daten und zur anschließenden Verdichtung. Ich machte auch darauf aufmerksam, dass sie diese Verdichtung zum Gegenlesen, Überprüfen und Autorisieren erhalten, und dass sie Einwände anmelden oder ihr Einverständnis zur Veröffentlichung sogar ganz zurückziehen könnten.

Manche berichteten, dass sie über dieses Gespräch bereits intensiv nachgedacht hatten. Vereinzelt wurde auch Unsicherheit geäußert, ob sie „richtig“ und flüssig erzählen könnten. Diese Unsicherheit verschwand jedoch sehr schnell, und fast alle vergaßen nach kürzester Zeit, dass ein Gerät unser Gespräch aufzeichnete.

Die meisten Gespräche dauerten im Schnitt zwei Stunden, zwei etwas länger. Nach Abstellen des Rekorders ging das eine oder andere Gespräch noch unerwartet weiter. In einem Fall habe ich mich nach Rücksprache dazu entschieden, erneut mitzuschneiden. Zu allen Gesprächspartnerinnen entstand in relativ kurzer Zeit eine erstaunliche Offenheit und Vertrautheit, wichtige Voraussetzungen, um so ein intimes Gespräch überhaupt führen zu können.


Die Tonbandaufnahmen


Das Arbeiten mit dem Tonband funktionierte bis auf eine Ausnahme reibungslos. Bei einem Gespräch fehlte die erste halbe Stunde, da der Rekorder nicht richtig mit der Stromquelle verbunden war, sodass dieser Teil aus dem Gedächtnis rekonstruiert werden musste.


Die Transkription


Die Tonbänder wurden komplett transkribiert. Nonverbale Aspekte wie Pausen, Lachen und Gesten wurden im Text vermerkt, wenn sie für die Interpretation von Bedeutung sein könnten.

Obwohl die Transkription von Gesprächen immer sehr zeitaufwändig ist, war dieser Bearbeitungsschritt sinnvoll und hilfreich, weil so das Gespräch in seiner Ursprünglichkeit immer wieder vor Augen stand und nachfolgende Bearbeitungsschritte erleichterte. Die einzelnen Transkripte hatten einen Umfang von jeweils 15 bis 24 Seiten Fließtext.


Begleitende Aktionen

Nach dem fünften Gespräch habe ich an einem Vormittag mit sehr wenig Betrieb einen kleinen Swingerclub in Hamburg besucht. Zu diesem offiziellen und angekündigten „Lokaltermin in Zivil“ hat mich meine Freundin begleitet. Es ging darum, wenigstens einmal in „so einem Club“ gewesen zu sein, die Räume anzuschauen, etwas von der dortigen Atmosphäre aufzuschnappen und eventuell Smalltalk mit der Betreiberin und dem einen oder anderen Gast zu führen.

Zwischen den Gesprächspartnerinnen und mir gingen fast 250 E-Mails hin und her. Des Weiteren habe ich über den gesamten Untersuchungszeitraum (21 Monate) nahezu täglich die Internet-Foren, virtuellen Gästebücher und Kontaktanzeigen zweier Hamburger Swingerclubs und 6 Monate lang das Internet-Tagebuch (Weblog) einer Swingerin verfolgt.


Die Bearbeitung der Gespräche – Die Verdichtungen


Die Verdichtung eines Gesprächs hat das Ziel, das Gesagte in einer gestrafften, verständlichen Form wiederzugeben. Nachfolgende Verdichtungen halten sich weitgehend an den chronologischen Ablauf der Gespräche. Es wurden lediglich wenige Sätze beziehungsweise Absätze an eine thematisch bereits angesprochene Stelle verschoben.

Die mit – ... – markierten Stellen bedeuten Auslassungen, zum Beispiel bei Doppelungen oder verzichtbaren, weil weniger wichtigen Details. Das Material soll dadurch komprimiert werden.
In eckigen Klammern [ ] finden sich von mir eingefügte Worte, die zum besseren Verständnis des Lesers beitragen. Worte in Großbuchstaben wurden von den Gesprächspartnerinnen betont.

Jede Verdichtung enthält so viele wörtliche Reden wie möglich, denn dadurch wird sie lebendig und authentisch. In den folgenden acht Verdichtungen ist das von meinen Gesprächspartnern Gesagte ohne Redezeichen eingerückt dargestellt. Nur im Gespräch Zitiertes ist mit Redezeichen versehen.

Manche Gesprächsteile wurden von mir zur Straffung bearbeitet. Diese Bearbeitungen sind kursiv und nicht eingerückt. Sie sind in der Gegenwartsform verfasst, was die Authentizität ebenfalls unterstreicht.

Alle verdichteten Teile dieser überwiegend chronologisch dokumentierten und nach Themenbereichen zusammengefassten Gespräche wurden von mir mit einer erläuternden Überschrift versehen. Sie soll dem Leser wesentliche Aussagen des folgenden Textabschnittes nahe bringen. Die Bereichsüberschriften (fett) sind etwas nüchterner, da diese mehrere nachfolgende Textstellen zusammenfassen und zum Teil Kategorien über mehrere beziehungsweise alle Gespräche bilden. Die Unter-Überschriften (fett, kursiv) sind häufig Zitate aus den nachfolgenden Gesprächsabschnitten und dann mit Redezeichen versehen. Wenn diese Überschriften mit – ... – aufhören, schließt der nachfolgende Text mit – ...– direkt an.
Alle diese Überschriften sind dem Gespräch als Inhaltsübersicht vorangestellt und dienen dem bequemeren Auffinden von Themen. Eventuell erklärungsbedürftige Begriffe sind beim ersten Auftauchen mit einem Sternchen* versehen und werden im anhängenden Glossar behandelt.

Der Verdichtung vorangestellt ist in Kürze etwas zu der Gesprächspartnerin und zum Verlauf des Gesprächs. Persönliche Daten sind so verändert, dass keine Rückschlüsse auf die Identität gezogen werden können. Innerhalb des Gesprächs genannte Personen und Daten wurden ebenfalls verändert.

Die Zeichensetzung ist an manchen Stellen ungewöhnlich. Insbesondere der Einsatz von Gedankenstrichen ist nicht immer regelrecht. Das kommt durch Pausen und das manchmal grammatikalisch nicht ganz korrekte Sprechen, beispielsweise durch unvollständige Sätze, zustande.


Die Autorisierung der Gespräche


Nach diesen einzelnen Bearbeitungsschritten war die Freigabe der Gespräche durch die Gesprächsteilnehmerinnen wichtig. Sie wurden gebeten, genau zu prüfen, ob sie sich in der Darstellung ihres Erlebens zutreffend beschrieben sehen, und ob die Dokumentation stimmig und die Gesprächsinhalte korrekt wiedergegeben sind.

Die wörtliche Rede war für meine Gesprächspartnerinnen zum Teil etwas gewöhnungsbedürftig. Eine Frau war sogar ziemlich schockiert und bat, ihre Ausdrucksweise überarbeiten zu dürfen. Nach Rücksprache hat sie Veränderungen des Textes nur in sofern vorgenommen, als es stilistische Verbesserungen waren, die jedoch den Inhalt des Gesprächs nicht betrafen. Alle anderen waren mit der vorliegenden Fassung einverstanden und haben lediglich ganz vereinzeltet grammatikalische Verbesserungen vorgenommen.


Die Gesamtauswertung


Nachdem alle Gespräche freigegeben waren, konnte mit der Gesamtauswertung begonnen werden. Das Ziel ist dabei, ein "Ergebnispanorama" (LANGER, 2000, S.80 ff) der Gespräche zu erstellen. Konkrete Fragen, sowie mögliche Fragen, an die zum Gesprächszeitpunkt noch nicht gedacht wurde, sollten nun anhand des Materials beantwortet werden. Dafür musste jedes einzelne Gespräch erneut durchgearbeitet werden. Bei diesem Arbeitsschritt wurden alle wichtigen Aussagen Abschnitt für Abschnitt markiert und einer entsprechenden Kategorie zugeordnet. Schließlich wurde eine Übersicht dieser Kategorien, die in der Gesamtauswertung berücksichtigt werden sollten, erstellt. Unter diesem neuen Ordnungsschema wurden nun alle relevanten Gesprächspassagen pro Person zusammengefasst, vergleichend betrachtet und ausgewertet.

Es wurde versucht, den Umfang auf eine überschaubare Zahl von Fragenkomplexen beziehungsweise Kategorien zu beschränken, um eine möglichst prägnante Gesamtauswertung zu erstellen und gleichzeitig den individuellen Aspekten der Frauen gerecht zu werden.

Das Ziel, möglichst allgemeine Aussagen über Solofrauen im Swingerclub und ihre Erlebensweisen zu machen, ist allein schon aufgrund der geringen Anzahl der Gespräche schwierig. Deshalb schlägt LANGER folgende sprachlichen Formulierungen vor: Es kann auftreten..., es kommt vor..., eine Form des Erlebens ist... „In dieser Art von Aussagen werden die im Gespräch vorgefundenen Erlebens-, Handlungs- oder Bewertungsweisen in allgemeiner Form ausgedrückt, ohne einer unzulässigen Verallgemeinerung zu unterliegen.“ (S.64) Diese Formulierungen sollen deutlich machen, dass es sich um tatsächlich vorkommende Sachverhalte handelt, die allerdings nicht auf alle swingenden Solofrauen übertragen werden können. Weil es jedoch noch eindeutiger und genauso zulässig ist, werde ich auf der Ebene der einzelnen Person bleiben.

Diplomarbeit-Durchfuehrung (pdf, 28 KB)

Als nächstes werde ich meine Gesprächspartnerinnen vorstellen; zum Teil recht knapp - eher atmosphärisch. Nicht alle Gespräche werden in verdichteter Form veröffentlicht.

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit.
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Mukono - 2007/06/07 14:48

smile

das ist der nötige technische Kram. Ich bin auf morgen gespannt.

lieben Gruß

Mukono

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Eugenie Faust

Empfang

Herzlich willkommen

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<3
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schneck08 - 2017/10/24 00:20
Im glad I now registered
Really....such a important site.
4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
ja.
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dus - 2015/12/09 10:19

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Dies ist ein nichtkommerzielles Privatprojekt. Daher besteht auch keine presserechtliche Relevanz. Kontaktdaten können bei wichtigen Anliegen unter meiner Mail-Adresse erfragt werden.

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Zuletzt aktualisiert: 2017/10/24 00:20

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