Ein Geständnis mit Hintergrund
Dem Steppenhund habe ich kürzlich gestanden, dass ich den Hochschulzugang ohne Abi/Matura erreicht habe (nämlich über § 31a des Hamburgischen Hochschulgesetzes, demzufolge es möglich ist - bei entsprechender beruflicher Qualifikation und Erfahrung - über eine Eingangsprüfung, bestehend aus drei schriftlichen Arbeiten und einer mündlichen Prüfung, seine Hochschulreife unter Beweis zu stellen. Mit dem Noten-Ergebnis bewirbt man sich dann wie jeder Abiturient und zu den gleichen Bedingungen um einen Studienplatz)
Diese Prüfung war der Versuch, eine von mir fast stigmatisierend empfundene Kerbe in meiner Bildungsbiographie auszuwetzen: Meinen Schulverweis in der Oberstufe!
Das Scheitern damals ist allerdings keine Schmunzelgeschichte. Um also vielleicht eher romantische Vorstellungen zu einem Schulverweis an die tatsächlichen Umstände anzupassen, erzähle ich mal ein bisschen.
Nach der mittleren Reife durfte ich als gute Schülerin der größenmäßig recht überschaubaren katholischen Mädchen-Realschule (von Franziskanerinnen mit starker Ausrichtung auf musische Fächer, Hauswirtschaft und Sport geführt) - wir nannten sie Sanktus - auf eigenen Wunsch an das öffentliche Gymnasium wechseln.
Leider als einzige in jenem Schuljahr. Nur meine beste Freundin ging parallel ans sogenannte "Kochlöffelgymnasium", ein vielfach belächelter Ausbildungsgang für zukünftige Lehrerinnen und Hauswirtschaftsleiterinnen, oder so. Ich fühlte mich zu Höherem berufen.
Die Situation aber, die ich an dieser höheren Bildungsstätte vorfand, hat mich von Anfang an überfordert, ohne dass ich das damals hätte benennen können.
Sie müssen sich vorstellen, dass ich von einer recht beschützenden Schule kam, in der eigentlich jeder jeden, vor allem mich und meine Schwestern kannte, denn mein Vater war Elterbeiratsvorsitzender, ein Posten, den ihm seine Popularität durch einen lustigen Auftritt bei einem Schulfest bescherte.
Nun kam ich also zum ersten Mal in meinem Leben in eine sehr große gemischtgeschlechtliche Klasse, in der ich nur einen einzigen Menschen kannte: Angelika, die Klassenbeste der 11a! Sie wohnte in der Wohnung über uns, war aber schon von Klein auf eine erklärte Feindin. Ich weiß heute nicht mehr weshalb. Aber KEINER mochte sie! Na ja - Kinder eben! Sie war also für mich - sei's auch nur als Gesprächspartnerin in Schulangelegenheiten - i n d i s k u t a b e l. Dass ich gerade zu dieser Kuh (sorry Angelique) in die Klasse kommen sollte, traf mich völlig unvorbereitet und echt hart.
Und dann die vielen Jungs! Bisher war ich nur im Kindergarten und beim Spielen mit ihresgleichen zusammen. Zuhause war mein Vater der "EINZIGE Junge neben vier Weibern" - wie er zu sagen pflegte. (Natürlich gab es auch schon Männer in meinem Leben, da ging es allerdings eher um Ero- und Romantik. Und die waren halt auch schon älter!)
Am ersten Schultag also gleich dieser Schock: Die ... von oben und diese ungewohnte Menge gleichaltriger Adoleszenter des anderen Geschlechts! (mit einer Ausnahmeerscheinung) Der Klassenlehrer, ein irritierend gutaussehender Mann, hat dann in der ersten Stunde zwar einmal vage in meine Richtung genickt, das war's dann aber schon. Keine Begrüßung, keine Vorstellung, keine Einführung, kein gar nichts, nicht mal ein Zettel!
Für die verschiedenen Fächer war man dann ständig auf Wanderung in andere Räume. Nicht nur die ersten Tage bis alles rund läuft. Nein - das blieb so! Nirgends konnte man sich an SEINEM Platz fühlen. In der Klosterschule ging man höchstens 3-5 Mal die Woche für ein zwei Stunden in einen Funktionsraum. Das war's dann schon mit Abwechslung. Am Gymnasium war es wie an der Uni. Und jedes Fach unterrichtete ein anderer und mir völlig fremder Lehrer. Die ständige Neuorientierung in ungewohnter Umgebung an ungewohnte Menschen war der totale Stress.
Aber das Allerschlimmste war, dass ich den Anschluss gerade in meinen beiden liebsten Fächern Mathematik und Französisch nicht mehr fand. Die Gymnasiasten waren am Ende der Zehnten einfach schon viel weiter als "wir von den Nonnen". Weil aber mein Notendurchschnitt recht gut war, ging der Wechsel ohne Aufnahmeprüfung problemlos über die Bühne. (Im Nachhinein muss ich sagen - leider!)
Ich sage nur: Drei über vier gleich vier über drei - klingt doch logisch, oder? Die Beweisführung, dass diese Aussage stimmt, hatten meine Mitschüler beispielsweise schon drauf. Ich hatte überhaupt keinen Zugang mehr zu dieser zunehmend rätselhaft werdenden Oberstufenmathe. Bis ich fast 30 Jahre später zu studieren begann, hatte ich wiederkehrend einen Alptraum: Ich sitze in einer Klausur und verstehe nur Bahnhof - SCHRECKLICH!!!
Was macht man nun in so einer Situation, wenn man sich und anderen nicht eingestehen kann, dass man ein Problem hat? An meine Eltern als Anlaufstelle hätte ich im Traum nicht gedacht. Mein Bildungshunger war denen eh' suspekt, und ich rebellierte außerdem heftig gegen sie, wenn auch überwiegend durch ein lügengedecktes Doppelleben (ganz entgegen meiner Wahrheitsliebe - ich fand aber, dass sie selbst daran schuld hätten, würden sie mich nicht so streng bewachen... naja, aber das ist eine andere Geschichte...)
Was macht man also? Man schwänzt - immer öfter - immer länger - und schließlich gaaanz lang. Und fälscht regelmäßig die Unterschrift des Vaters. (Ich kann sie heute noch!) In den ganzen vier Monaten, die dieses Drama anhielt, habe ich keine einzige Klausur mitgeschrieben. Als alles aufflog erhielt ich meine letzten Schläge von Mutterhand und die Gewissheit, dass es jetzt mit dem Ernst des Lebens losgeht.
Diese Prüfung war der Versuch, eine von mir fast stigmatisierend empfundene Kerbe in meiner Bildungsbiographie auszuwetzen: Meinen Schulverweis in der Oberstufe!
Das Scheitern damals ist allerdings keine Schmunzelgeschichte. Um also vielleicht eher romantische Vorstellungen zu einem Schulverweis an die tatsächlichen Umstände anzupassen, erzähle ich mal ein bisschen.
Nach der mittleren Reife durfte ich als gute Schülerin der größenmäßig recht überschaubaren katholischen Mädchen-Realschule (von Franziskanerinnen mit starker Ausrichtung auf musische Fächer, Hauswirtschaft und Sport geführt) - wir nannten sie Sanktus - auf eigenen Wunsch an das öffentliche Gymnasium wechseln.
Leider als einzige in jenem Schuljahr. Nur meine beste Freundin ging parallel ans sogenannte "Kochlöffelgymnasium", ein vielfach belächelter Ausbildungsgang für zukünftige Lehrerinnen und Hauswirtschaftsleiterinnen, oder so. Ich fühlte mich zu Höherem berufen.
Die Situation aber, die ich an dieser höheren Bildungsstätte vorfand, hat mich von Anfang an überfordert, ohne dass ich das damals hätte benennen können.
Sie müssen sich vorstellen, dass ich von einer recht beschützenden Schule kam, in der eigentlich jeder jeden, vor allem mich und meine Schwestern kannte, denn mein Vater war Elterbeiratsvorsitzender, ein Posten, den ihm seine Popularität durch einen lustigen Auftritt bei einem Schulfest bescherte.
Nun kam ich also zum ersten Mal in meinem Leben in eine sehr große gemischtgeschlechtliche Klasse, in der ich nur einen einzigen Menschen kannte: Angelika, die Klassenbeste der 11a! Sie wohnte in der Wohnung über uns, war aber schon von Klein auf eine erklärte Feindin. Ich weiß heute nicht mehr weshalb. Aber KEINER mochte sie! Na ja - Kinder eben! Sie war also für mich - sei's auch nur als Gesprächspartnerin in Schulangelegenheiten - i n d i s k u t a b e l. Dass ich gerade zu dieser Kuh (sorry Angelique) in die Klasse kommen sollte, traf mich völlig unvorbereitet und echt hart.
Und dann die vielen Jungs! Bisher war ich nur im Kindergarten und beim Spielen mit ihresgleichen zusammen. Zuhause war mein Vater der "EINZIGE Junge neben vier Weibern" - wie er zu sagen pflegte. (Natürlich gab es auch schon Männer in meinem Leben, da ging es allerdings eher um Ero- und Romantik. Und die waren halt auch schon älter!)
Am ersten Schultag also gleich dieser Schock: Die ... von oben und diese ungewohnte Menge gleichaltriger Adoleszenter des anderen Geschlechts! (mit einer Ausnahmeerscheinung) Der Klassenlehrer, ein irritierend gutaussehender Mann, hat dann in der ersten Stunde zwar einmal vage in meine Richtung genickt, das war's dann aber schon. Keine Begrüßung, keine Vorstellung, keine Einführung, kein gar nichts, nicht mal ein Zettel!
Für die verschiedenen Fächer war man dann ständig auf Wanderung in andere Räume. Nicht nur die ersten Tage bis alles rund läuft. Nein - das blieb so! Nirgends konnte man sich an SEINEM Platz fühlen. In der Klosterschule ging man höchstens 3-5 Mal die Woche für ein zwei Stunden in einen Funktionsraum. Das war's dann schon mit Abwechslung. Am Gymnasium war es wie an der Uni. Und jedes Fach unterrichtete ein anderer und mir völlig fremder Lehrer. Die ständige Neuorientierung in ungewohnter Umgebung an ungewohnte Menschen war der totale Stress.
Aber das Allerschlimmste war, dass ich den Anschluss gerade in meinen beiden liebsten Fächern Mathematik und Französisch nicht mehr fand. Die Gymnasiasten waren am Ende der Zehnten einfach schon viel weiter als "wir von den Nonnen". Weil aber mein Notendurchschnitt recht gut war, ging der Wechsel ohne Aufnahmeprüfung problemlos über die Bühne. (Im Nachhinein muss ich sagen - leider!)
Ich sage nur: Drei über vier gleich vier über drei - klingt doch logisch, oder? Die Beweisführung, dass diese Aussage stimmt, hatten meine Mitschüler beispielsweise schon drauf. Ich hatte überhaupt keinen Zugang mehr zu dieser zunehmend rätselhaft werdenden Oberstufenmathe. Bis ich fast 30 Jahre später zu studieren begann, hatte ich wiederkehrend einen Alptraum: Ich sitze in einer Klausur und verstehe nur Bahnhof - SCHRECKLICH!!!
Was macht man nun in so einer Situation, wenn man sich und anderen nicht eingestehen kann, dass man ein Problem hat? An meine Eltern als Anlaufstelle hätte ich im Traum nicht gedacht. Mein Bildungshunger war denen eh' suspekt, und ich rebellierte außerdem heftig gegen sie, wenn auch überwiegend durch ein lügengedecktes Doppelleben (ganz entgegen meiner Wahrheitsliebe - ich fand aber, dass sie selbst daran schuld hätten, würden sie mich nicht so streng bewachen... naja, aber das ist eine andere Geschichte...)
Was macht man also? Man schwänzt - immer öfter - immer länger - und schließlich gaaanz lang. Und fälscht regelmäßig die Unterschrift des Vaters. (Ich kann sie heute noch!) In den ganzen vier Monaten, die dieses Drama anhielt, habe ich keine einzige Klausur mitgeschrieben. Als alles aufflog erhielt ich meine letzten Schläge von Mutterhand und die Gewissheit, dass es jetzt mit dem Ernst des Lebens losgeht.
Eugene Faust - 2006/08/25 13:59
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abgelegt unter Es war einmal...
6 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
deep - 2006/09/13 20:01
Interessante Schilderung. Den traumatischen Teil kann ich als ehemaliger Schüler eines altehrwürdigen Lateingymnasiums, zu dem damals ausschließlich Jungen zugelassen waren, einigermaßen nachvollziehen. Die dort herrschende, unterschwellig bis offen aggressive Stimmung und die unverhohlene Indoktrination durch das Lehrpersonal haben mich nachhaltig geprägt. Von dem begleitenden Gefühl ständiger Überforderung habe ich mich nie ganz erholt, so daß ich bis heute lediglich einen Hauptschulabschluß besitze.
Zum Glück haben Sie sich die Hochschulreife später noch erarbeiten können!
Zum Glück haben Sie sich die Hochschulreife später noch erarbeiten können!
Eugene Faust - 2006/09/14 12:21
Konnten Sie trotzdem einen einigermaßen zufriedenstellenden Beruf ergreifen?
antwortendeep - 2006/09/15 00:55
Über meine Berufserfahrung habe ich inzwischen eine Qualifikation erarbeitet, die über dem schulischen Niveau liegt. Ich bin glücklich in meinem Beruf und habe (m)eine Nische gefunden. Angesichts spürbarer Bildungslücken vermisse ich ein abgeschlossenes Germanistik- oder Anglistik-Studium bisweilen trotzdem. Ärgerlich ist daran hauptsächlich das Wissen um ungenutztes Potential. Außerdem ist der Weg sehr viel mühsamer, wenn man seine Kenntnisse nicht nachweisen kann, sondern sie fortdauernd unter Beweis stellen muß.
Übrigens bin ich über diesen Artikel auf Ihr Blog gestoßen und habe erst danach entdeckt, daß es Ihre Diplomarbeit zum Thema hat. Ich werde mir noch die Zeit nehmen, Teile davon in Ruhe zu lesen. In dieser Detailtiefe interessiert mich das Thema allerdings wohl eher weniger.
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Übrigens bin ich über diesen Artikel auf Ihr Blog gestoßen und habe erst danach entdeckt, daß es Ihre Diplomarbeit zum Thema hat. Ich werde mir noch die Zeit nehmen, Teile davon in Ruhe zu lesen. In dieser Detailtiefe interessiert mich das Thema allerdings wohl eher weniger.
Eugene Faust - 2006/09/15 12:47
Gratulation zu Ihrer Nische!
Ich hoffe nur, dass Ihr Gefühl ständiger Überforderung und der Anspruch, ihre Qualifikation fortdauernd unter Beweis stellen zu müssen, nicht andauert und wenigstens mit einer angemessenen Gratifikation und vor allem einer robusten Konstitution einher geht, damit Sie uns als Beispiel für einen unkonventionellen Bildungsweg auch erhalten bleiben.
Wollen Sie Ihr Blog eigentlich irgendwann einmal wieder fortsetzen?
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Wollen Sie Ihr Blog eigentlich irgendwann einmal wieder fortsetzen?
deep - 2006/09/19 23:21
Danke. Immer etwas riskant, ein Hobby zum Beruf zu machen. Aber es hat funktioniert, und die Freude daran ging nicht dabei verloren. - Wenn Sie im realen Leben ebenso aufmerksam beobachten, wie Sie gründlich lesen, dann sind Sie sicher eine interessante Gesprächspartnerin.
Das Blog kann nicht fortgesetzt werden, denn es wurde nie begonnen. Man muß sich bei Twoday anmelden, um kommentieren zu dürfen. Gedacht war es als (halbherziger) Ansatz zu einem anonymen Zweitblog, denn ich führe eines unter meinem realen Namen. Aus Zeitmangel ist nie etwas daraus geworden. Und auch nicht, weil ich keinen rechten Sinn darin entdecken kann.
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Das Blog kann nicht fortgesetzt werden, denn es wurde nie begonnen. Man muß sich bei Twoday anmelden, um kommentieren zu dürfen. Gedacht war es als (halbherziger) Ansatz zu einem anonymen Zweitblog, denn ich führe eines unter meinem realen Namen. Aus Zeitmangel ist nie etwas daraus geworden. Und auch nicht, weil ich keinen rechten Sinn darin entdecken kann.
Eugene Faust - 2006/09/22 10:34
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Dies ist ein nichtkommerzielles Privatprojekt. Daher besteht auch keine presserechtliche Relevanz. Kontaktdaten können bei wichtigen Anliegen unter meiner Mail-Adresse erfragt werden

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