25
Okt
2006

Diskussion - Teil I

Die vorliegende Untersuchung stützt sich auf acht Gespräche, die gemäß der Forschungsmethode des persönlichen Gesprächs nach LANGER (2000) geführt und bearbeitet wurden. Alle Gesprächspartnerinnen haben sehr offen über ihre ganz persönlichen und überaus intimen Erlebnisse gesprochen und einen authentischen Einblick in die Welt von swingenden Solofrauen ermöglicht; im Fall von Regina auch einen wichtigen Einblick in den Prozess der Entscheidung für oder gegen diese Einrichtung.

Bei der Erforschung dieser sozialen Welt konkurriert die Psychologie natürlich mit anderen Wissenschaften – in erster Linie der Soziologie; durch die Exotik der Erfahrungswelt auch etwas mit der Anthropologie und der Ethnologie, zumindest, was die wissenschaftliche Haltung und eine mögliche Vorgehensweise anbelangt. Es stellt sich hier die Frage, welches der originär psychologische Beitrag zum Verständnis der Erfahrungswelt ‚Swingerclub’ ist. Üblicherweise ergibt sich die Perspektive nicht nur durch die Disziplin, sondern durch die Fragen, die den Forscher bewegen und die theoretischen Vorüberlegungen. Sie stecken gewissermaßen das Feld ab, in dem die Ergebnisse danach auch interpretiert werden. Um speziell bei diesem Untersuchungsgegenstand einen ausschließlich psychologischen Blickwinkel anzulegen, gibt es allerdings nur wenig – um nicht zu sagen, so gut wie keine – ausgesprochen psychologische Literatur und begrenzt psychologische Forschung. Bezüglich der menschlichen Sexualität im Allgemeinen findet sich in der Sozialpsychologie der Teilbereich der evolutionären Psychologie, welcher sich mit der sexuellen Auswahl und der elterlichen Investition befasst. Und natürlich sind Einstellungen und interpersonale Beziehungen zentrale sozialpsychologische Forschungsgegenstände. (vgl. STROEBE, HEWSTONE, STEPHENSON, 1997) Die Entwicklungspsychologie beschäftigt sich noch mit sexuellem Verhalten in unterschiedlichen Lebensaltern und Lebensumständen, vorwiegend mit der psychosexuellen Entwicklung in der Adoleszenz, mit sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt. (vgl. OERTER/MONTADA, 1998) In der Lehre kommt der Bereich der menschlichen Sexualität allerdings noch etwas kurz.

Sexualität ist also nicht gerade ein bedeutender Gegenstand in der psychologischen Forschung und Lehre. Sie ist überdies in einem so erheblichen Ausmaß gesellschaftlich geprägt, dass sie ohne soziologischen Blickwinkel überhaupt nicht zu erfassen ist. Auch die Frau ist immer eine Frau in der Gesellschaft und ohne diese, in ihrer Geschlechterrolle nicht zu begreifen. Daher ist Sexualwissenschaft auch interdisziplinär und hat sich zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Richtung entwickelt, in der Psychologen, Soziologen und Mediziner zusammenarbeiten.

Der Blickwinkel ergibt sich in dieser Untersuchung in erster Linie durch die Methode.

Methoden und Gütekriterien

Ausgangspunkt ist das subjektive Erleben der Frauen, die als Gesprächspartnerinnen ihre Erfahrungen mitgeteilt haben. In der Wissenschaft wird Subjektivität im Gegensatz zur Objektivität üblicherweise verworfen. Nur die Sozialwissenschaften – und dazu gehört auch die Psychologie – haben die Subjektivität mit den qualitativen Forschungsmethoden zu einem wissenschaftlichen Gegenstand gemacht und erforschen sie, um mehr über die psychische und soziale Welt von Menschen zu erfahren.

Gültigkeit und Zuverlässigkeit der Aussagen

Qualitative Forschung zielt darauf ab, maximale Authentizität zu erreichen. Durch Zusicherung der Anonymität können sich die Gesprächspartnerinnen bei der Gesprächsmethode nach LANGER in einer vertrauensvollen und zwanglosen Atmosphäre ungehindert ausdrücken. Die Gespräche zeigen auch, dass davon profitiert wurde und intimste Details zur Sprache kamen. Ich hege keine Zweifel bezüglich des Wahrheitsgehalts der Aussagen, denn die Methode des persönlichen Gesprächs hat einen entscheidenden Vorteil beispielsweise gegenüber der anonymen Datengewinnung mittels Ausfüllen und Ankreuzen von Fragebögen ohne direkten persönlichen Kontakt. Die Gesprächspartnerinnen können ohne Vorgaben frei erzählen und haben dabei nicht das Gefühl, sich lediglich zu Vorannahmen zu äußern. Denn der Forscher betrachtet seine Gesprächspartner hinsichtlich des untersuchten Themas als „Experten“ (LANGER, 2000, S.94) und sieht sich selbst als „suchende, Erfahrungen aufnehmende Person“ (ebd., S.19). Die Frauen stehen also als Person im Mittelpunkt der Untersuchung, und wie mir zurückgemeldet wurde, haben einige das Gespräch zur Selbstklärung genutzt. Auch das macht Scheinaussagen unsinnig und relativ unwahrscheinlich.

Dennoch konstruieren sich laut FRIGGA HAUG (1990, S.19) Gesprächspartner erzählend ihre Geschichte. Menschen haben eben die Tendenz Kontinuität herzustellen und Widersprüche zu glätten, indem sie bestimmte Punkte auslassen, vergessen oder nicht wahrnehmen. Das kann bedeuten, dass bestimmte Erfahrungen, vielleicht gerade negative Erfahrungen, die nur einzelne erwähnen, möglicherweise von anderen Frauen ebenfalls gemacht werden. Die Aussagen spiegeln also keine objektiven Tatbestände wider, sondern sind subjektive Interpretationen ihrer Erfahrungen. LAMNEK (1995, S.72) ist der Ansicht, dass nur sprachlich hochkompetente, intellektuelle und versierte Gesprächspartner mitten in einer angefangenen Erzählung auf ein anderes als das echte Ende des Handlungsablaufes ausweichen können.

Die Dokumentation der Gespräche orientiert sich ganz am Sprachgebrauch der Frauen und ist nahezu komplett bei deren wörtlichen Aussagen geblieben. Auch die zusammenfassende Auswertung bleibt mit persönlichen Zitaten immer noch dicht am Ausdruck des persönlichen Erlebens der jeweiligen Person. Dies ist ein Prinzip der Methode des Persönlichen Gesprächs, das wesentlich dazu beiträgt, unverfälschte und gültige Ergebnisse zu erhalten.

Nach den einzelnen Bearbeitungsschritten wurden die Gesprächsteilnehmerinnen um die Freigabe der Gespräche gebeten. Sie sollten genau prüfen, ob sie sich in der Darstellung ihres Erlebens zutreffend beschrieben sehen, die Dokumentation stimmig ist und die Gesprächsinhalte korrekt wiedergegeben sind. Dadurch wird der Einfluss des Untersuchers relativiert, die Güte der Aussagen sichergestellt und „die Gesprächsdokumentation als wissenschaftlich erarbeiteter Beleg zu einem bestimmten Thema abgeschlossen.“ (LANGER, 2000, S.71) „Es gibt kein angemesseneres Kriterium für die Güte bzw. die Gültigkeit unserer Gesprächsdokumentation und die darauf aufbauenden Aussagen als die zustimmende Stellungnahme der Person, deren Mitteilungen im Gespräch wir bearbeitet haben.“ (ebd.)

Hinsichtlich der Gültigkeit der Aussagen muss allerdings einschränkend erwähnt werden, dass die Gespräche lediglich die subjektive Meinung der Solofrauen wiedergeben. Ich habe weder mit männlichen Clubbesuchern noch mit Clubbetreibern gesprochen. Sie könnten andere Erfahrungen gemacht und Situationen anders erlebt haben. LANGER unterscheidet auch eine primäre und eine sekundäre Authentizitätsebene. (S.60) Betrachtungen der Frauen beispielsweise über andere Personen sind unter dem Gesichtspunkt der Authentizität sekundär. Nur Aussagen der Frauen über sich selbst sind primäre authentische Belege.

Gültigkeit der Auswertungskategorien
Die endgültigen Auswertungskategorien ergaben sich zu einem guten Teil durch die Fragen, die mich bewegt haben und aus Kategorien der Einzelgespräche. Es gibt in dieser Hinsicht nach JAEGGI et al. (1998, S.13) außerdem kein „richtig oder falsch“. Andere Untersucher hätten möglicherweise andere Kategorien gefunden. Dennoch kommt die Auswahl der Themen und damit die Auswertung nicht beliebig zustande. Eine Kategorie "Männerverachtung" lässt sich beispielsweise nicht aus den vorliegenden Gesprächen herauslesen, wenn man sich streng an den Text hält. Dass so eine Kategorie unter Umständen durchaus eine gewisse Rolle spielen könnte, ließe sich gegebenenfalls tiefenhermeneutisch erschließen.

Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse

Die untersuchte Stichprobe ist nicht repräsentativ. Den Ausdruck ‚Stichprobe’ halte ich im Zusammenhang mit qualitativer Forschung auch für wenig geeignet, denn es geht nicht darum, auf die Verteilung von Merkmalen in einer Grundgesamtheit zu schließen. (vgl. BORTZ, 1999) Mein Ziel war es, mit der qualitativen Untersuchung eine Bandbreite an möglichen Erfahrungen darzustellen. Es kann allerdings nicht davon ausgegangen werden, dass das hier dokumentierte Erleben die gesamte Vielfalt an Erfahrungen swingender Solofrauen widerspiegelt. Andere Erfahrungen könnten sich möglicherweise von den Erfahrungen meiner Gesprächspartnerinnen ziemlich unterscheiden. Dennoch, sagt LANGER, können Aussagen auch von sehr wenigen Personen sehr aufschlussreich sein. "Die Anzahl der Personen, auf die sich die Beiträge zu einem Aussagenbereich beziehen, sagt im Grunde nur wenig über den Wert dieser Aussagen aus. Auch eine Lebenserfahrung von nur einer einzigen Person kann hohen Anregungs- und Vorbildwert haben" (2000, S.80).

Weiter geht's mit den zusammengefassten
Untersuchungsegebnissen meiner Studie.

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit
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Mukono - 2007/07/10 12:46

nun, da gibt es heute

nicht viel zu sagen. Natürlich bin ich weitaus skeptischer, was den Wahrheitsgehalt der Aussagen angeht. Es gibt zwei Aspekte,
- der Mensch ist immer bestrebt, sich in einem günstigen Licht darzustellen, Sie deuten es an, dass ja die Aussagen der Männer zum Beispiel über die Frauen fehlen, aber auch anderer Frauen über diese Interviewten. Also, wir haben es hier mit reinen Selbstdarstellungen zu tun, mit einer Ausnahme; Cora und Iris reden etwas übereinander.
- der zweite Aspekt: Der Mensch belügt sich selbst. Um das zu entlarven, hätte es einen Aufwand und eine kritische Hinterfragung gebraucht, das war wohl nicht machbar.

Grins, ich halte es da mit Marx, seine Lebensmaxime war. "Erst einmal an allem zweifeln."

Lieben Gruß

Mukono

Eugene Faust - 2007/07/10 12:52

Ein gründliches Hinterfragen wäre in einem weiteren Schritt sicher angemessen gewesen. Ich musste mir jedoch eingestehen, dass ich zum einen weder die Schulung habe, die mich in die Lage versetzen würde, die dafür notwendigen Fragetechniken souverän anzuwenden, noch die tiefenpsychologische beziehungsweise psychoanalytische Ausbildung, auf deren Grundlage die verbalen Daten anschließend analysiert werden. Zum anderen hätte es einer stärker eingegrenzten und noch gezielteren Fragestellung beispielsweise hinsichtlich der Motive bedurft.

Natürlich handelt es sich bei den Gesprächsinhalten nicht um objektive Wahrheit (wo findet sich die überhaupt...), klar. Wenn ich aber ständig auf der Lauer gelegen wäre, hätte ich die Gespräche so nicht führen können. Aber ich bin überzeugt, dass ein Bild von swingenden Solofrauen vermittelt werden konnte, das diesem "Mini-Weltausschnitt" ziemlich nahe kommt aber natürlich Unschärfen und Verzerrungen aufweist. Das finde ich normal.

Vielen Dank dem unermüdlichen Tageskommentator

Eugene
Mukono - 2007/07/10 14:32

Vielleicht

bin ich ein wenig taktlos, dass ich das nicht extra erwähne. Ihre Arbeit hat meine Hochachtung, liebe Eugene, es ist ja auch noch dazu eine Pionierarbeit. Ich bekunde Menschen immer gern meinen Respekt, in dem ich kritisch bin. Sie verstehen das doch so?

:-) Mukono
Eugene Faust - 2007/07/10 15:11

Nein,

als taktlos habe ich sie nie empfunden. Aber, was Sie eben erwähnten hat mir richtig gut getan. Die Verteidigungshaltung ist mir nämlich eher unangenehm.

Dankeschön!
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4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
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