26
Okt
2006

Mein persönlicher Rückblick

Am Anfang bewegte mich schlicht die Frage: Was sind das für Frauen? Nach der Lektüre von CATHERINE MILLETs autobiografischem Roman fehlte mir an der Protagonistin etwas „Fleisch“. Das war auch der Grund, weshalb ich auf jeden Fall etwas zur Biografie meiner Gesprächspartnerinnen erfahren wollte. Einigen Diskussionspartnern in der Vorbereitungszeit erschien die Erhebung solcher Daten erschreckend selbstverständlich, denn es wurde vielfach davon ausgegangen, dass in der Entwicklung der Frauen etwas schief gelaufen sein muss. Von dieser Hypothese ließ ich mich dagegen nicht leiten. Ich wollte das Verhalten der Frauen auf keinen Fall pathologisieren. Um das zu verdeutlichen, habe ich auch in der Einführung die Abweichungen behandelt, die Solofrauen in Swing*rclubs gerne unterstellt werden. Trotzdem war ich mir nicht sicher, ob das auch richtig verstanden würde.

Eine weitere Schwierigkeit war, die Arbeit abzuschließen, beziehungsweise einzugrenzen. Allein mein Literaturverzeichnis und das überquellende Bücherregal sind Zeugnis dafür, wie mir der Forschungsgegenstand immer facettenreicher und damit auch zunehmend komplizierter erschien, ich ihn vielleicht auch immer komplizierter gemacht habe – mit jedem neuen Buch. Das Ergebnis kommt einem im Verhältnis dazu fast banal vor. Simpel erscheinende Fakten werden eben manchmal erst durch aufwändige Untersuchungen eingekreist und erkannt. Fast wie bei einer Komposition habe ich zunächst ein spannendes Thema gewählt und großzügig Literatur ausgesucht, davon einiges in die engere Wahl genommen, ausprobiert, manches wieder als Hintergrund zurücktreten lassen oder verworfen, verschiedenes dominanter eingesetzt, immer wieder Harmonien gesucht, über Dissonanzen gegrübelt, und weiter Ausschau gehalten. Das könnte den Eindruck von Beliebigkeit erwecken.

Wenn man sich darum bemüht, die wahre Gestalt eines Forschungsgegenstands zu erkennen, kann es einem leicht wie den ‚vier Blinden mit dem Elefanten’ ergehen. Man mag auf ebenso viele Meinungen treffen, wie Menschen, die man danach befragt. Alles hängt von deren Perspektive ab. Der Analytiker findet wahrscheinlich eine andere Wahrheit als der Soziologe. Der Sexualwissenschaftler vielleicht eine andere als der Anthropologe. In dieser Arbeit habe ich versucht, auch andere Perspektiven einzunehmen, allen voran die soziologische. Bei den theoretischen Vorüberlegungen, war das fast unumgänglich, denn Sexualität ist, wie schon erwähnt, viel eher ein komplexes gesellschaftliches Konstrukt als etwas biologisch Festgelegtes. Ein rein psychologischer Rahmen bei den theoretischen Vorüberlegungen erschien mir daher auch zu dürftig.

Mich beschäftigte aber zugleich die Frage, ob diese Arbeit auch „psychologisch genug“ sei. Später hatte ich wegen dieser Unsicherheit die Idee, eine Einschränkung in der Fragestellung vorzunehmen, um etwa gezielt zu untersuchen, ob und wie Frauen Sex und Liebe trennen können. Doch dazu hätte ich meines Erachtens neue Gespräche mit diesem Fokus führen müssen. Außerdem wäre ich der Frage nach der Perspektive wieder nicht entkommen. Denn auch zu diesem Gegenstand hätte ich zuerst die eher soziologische Frage nach der Koppelung von Sex und Liebe als gesellschaftliche Norm erörtern müssen.

Letztlich hat mich in diesem Zweifel vor allem die Methode entspannt. Ich habe mich einfach an die Vorgaben qualitativen Arbeitens gehalten, und siehe da: Es konnte geerntet werden!


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promisc - 2006/10/26 14:22

Durchaus nachvollziehbar - ich hätte wahrscheinlich zu diesem Thema leicht den Drang, ganze Bände vollzuschreiben. Allein schon eine Erweiterung der Probantinnen auf weitere Altersklassen und soziale Hintergründe hätte enorme Schübe an weiteren Aspekten gebracht, dessen bin ich mir sicher. Und wenn dann auch noch die Interaktion Mann bzw. Frau dazugekommen wäre...
Es ist aber auch eine Crux, das Thema 'nur' von der psychologischen und nicht auch von der soziologischen und (philosophischn, biologisch und kulturell) anthropologischen Warte aus beleuchten zu können.

Eugene Faust - 2006/10/26 15:12

Ich hab's ja trotzdem getan.

Man muss es nur begründen können. Jedenfalls waren beide Gutachter voll des Lobes und fast überrascht, dass das Thema tatsächlich wissenschaftlich ganz ansehnlich bearbeitet wurde. Da war zuerst noch reichlich Skepsis. Und wie schon in einem Kommentar erwähnt, war es ein ziemlich steiniger Weg, Profs zu finden, die zu diesem ungewöhnlichen Thema die Betreuung und das Gutachten übernehmen.
apachee (Gast) - 2010/12/05 06:26

glückwunsch!

anbei
1000 seiten monikas these

http://www.wedernoch.de/thesen/mensch1.htm

mfg
Eugene Faust - 2010/12/05 18:06

Und wer ist Monika?
Mukono - 2007/07/12 14:23

ja

eine gute Ernte. Auch von hier noch einmal Glückwunsch. Selbst als kritischer Kommentator würde ich die Frauen nicht als krank bezeichnen, es sei denn, wir geben zu, alle irgendwie krank zu sein. Für mich bleiben die Frauen Kleinbürgerinnen, die mehr oder wenig erfolgreich (was die innere Einstellung betrifft) aus der Enge der bürgerlichen Moral ausbrechen. Und diese ist ja bekanntlich eh verlogen ;-)

der Abschlusskommentar

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schneck08 - 2017/10/24 00:20
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4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
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dus - 2015/12/09 10:19

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