21
Jun
2008

Risikokinder und Resilienz

Was ist Resilienz?
Weil lebende Systeme innere und äußere Gegebenheiten niemals vollständig beherrschen können, müssen sie in der Lage sein, Abweichungen auszugleichen. Etwas technischer ausgedrückt müssen sie fehlertolerant, fehlerfreundlich, d.h. resilient sein.

Ein anschauliches Beispiel für Resilienz ist die Fähigkeit des Stehaufmännchens seine aufrechte Haltung aus jeder beliebigen Lage wieder einzunehmen.

In der Psychologie wird mit Resilienz die Stärke von Menschen – vorzugsweise von Kindern – bezeichnet, die sich trotz hoher psychosozialer und oftmals auch physischer Belastungen zu "gesunden" Persönlichkeiten entwickeln, bzw. in manchen Fällen sogar ganz besonders gelungene Entwicklungen aufweisen.

Die unbesiegbaren „Superkids“

Solche erfolgreichen „Superkids“, wie Kauffman sie 1979 nannte, wurden in einer Reihe von Veröffentlichungen in den späten 70er und frühen 80er Jahren überwiegend in Nordamerika und Großbritannien nahezu als Wunder beschrieben. Werner und Smith, die sich in einer Längsschnittstudie mit erfolgreichen Risikokindern auf Kauai beschäftigten, beschrieben sie 1982 als verletzlich aber unbesiegbar.

Um welche Risikofaktoren geht es überhaupt?
Ich will an dieser Stelle psychosoziale Risiken hervorheben. (Selbstverständlich schließt das Konzept physiologische Risiken wie schwere Krankheiten, körperliche und geistige Behinderungen mit ein.) Hauptrisiken für die kindliche Entwicklung sind zum Beispiel:
- Armut
- lange Arbeitslosigkeit
- chronische Disharmonie in der Familie
- eine große Familie und sehr wenig Wohnraum
- Migrationshintergrund
- niedriges Bildungsniveau der Eltern
- Kriminalität eines Elternteils
- seelische und körperliche Misshandlungen
- minderjährige Mütter/Eltern
- Abwesenheit bzw. Verlust der Eltern oder eines Elternteils
- Alkohol- bzw. Drogenabhängigkeit der Eltern
- und psychische Störungen, vor allem der Mutter

Entscheidend sind dabei die Wechselwirkung und die kumulative Wirkung verschiedener Stressoren. Ein Risikofaktor allein erhöht nicht unbedingt die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Entwicklungsstörungen, während mehrere Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit um ein vielfaches erhöhen können.

Eine bekannte Beispielstudie: Die Kinder von Kauai

Auf Kauai, einer Insel des Hawaii-Archipels untersuchten Werner und Smith zwischen 1955 und 1995 fast 700 Kinder.

Eine Vielzahl dieser Kinder (30%) war über 2 Jahre mehreren solcher Risikofaktoren ausgesetzt.

Der Vergleich zwischen den Kindern, die sich trotz dieser Risiken "normal" entwickelten (ein Drittel), und den Kindern, bei denen es Auffälligkeiten gab (überwiegend psychisch auffällig), zeigte, dass es offensichtlich Schutzfaktoren gab:
äußere Schutzfaktoren - zum Beispiel wenigstens eine Bezugsperson - und innere Schutzfaktoren durch Kompetenzen, über die das Kind selbst verfügt.

Schutzfaktoren über die das Kind selbst verfügt
- Erstgeborenes Kind
- Weibliches Geschlecht (in der Kindheit)
- Mindesten durchschnittliche Intelligenz
- Positives Temperament (flexibel, aktiv, offen)
- Positives Sozialverhalten und soziale Attraktivität
- Positives Selbstwertgefühl,
- Gefühl von Selbstwirksamkeit,
- aktive Stressbewältigung

Schutzfaktoren in der Familie

- stabile emotionale Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson
- positives, unterstützendes Erziehungsklima
- familiärer Zusammenhalt, gemeinsame Aktivitäten und Regeln
- Modelle positiver Bewältigung
- Religiöse Praxis

Schutzfaktoren im weiteren sozialen Umfeld

- Freundschaftsbeziehungen
- positive erwachsene Modelle (Lehrer, Pfarrer, Nachbarn usw.) - Hervorhebung für meine liebe Blognachbarin -
- soziale Unterstützung
- positive Schulerfahrungen

Auf die Rolle der Schule möchte ich kurz näher eingehen, denn resiliente Kinder nennen Lehrer sehr häufig als außerfamiliäre Vertrauensperson. Diese Bedeutung ist den Lehrern aber oft nicht so bewusst.

Neben der Funktion des Lehrers als positives Modell und als wichtige Bezugsperson ist Bildung eine wichtige Schlüsselressource für die individuelle und soziale Entwicklung.

Bildungschancen und sozioökonomischer Status
Der Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozioökonomischem Status ist in Deutschland sehr eng. Jedes fünfte Kind ist funktionaler Analphabet und jedes zehnte Kind verlässt ohne Abschluss die Schule.

Gerade Kinder aus benachteiligten Familien stehen oft schon zu Beginn ihres Lebens im Abseits. (Arme Kinder bleiben arm.) Investitionen in die frühe Förderung können daher lohnend sein, denn sie ersparen der Gesellschaft Folgekosten und erhöhen zudem die Chance, dass aus Sozialhilfeempfängern Beitragszahler werden.
In sozialen Brennpunkten müssen Hilfen allerdings niedrigschwellig sein, denn trotz Unterstützungsbedarf nehmen gerade bedürftige Familien kaum an speziellen Programmen teil.

In den Niederlanden wurden beispielsweise mit den Vensterschools und dem OPSTAPJE-Programm niedrigschwellige Angebote geschaffen.

Das Modell der „Vensterschools“ aus den Niederlanden

Die ersten Vensterschools (übersetzt Fensterschule im Sinne von offener Schule) wurden vor 12 Jahren in Groningen ins Leben gerufen.

Dabei handelt es sich um stadtteilbezogene zentrale Einrichtungen, die verschiedene Schulen und Angebote weiterer Einrichtungen (z.B. Jugendhilfe) bündeln – mit dem Ergebnis eines großen Angebots an
- Bildung,
- Erziehung,
- Gesundheitsförderung,
- Sozialberatung,
- Bibliotheken,
- Sport,
- Spiel,
- Musik, usw.
und einer Infrastruktur der kurzen Wege. Kooperation führt zu immer neuen Aktivitäten und jede Vensterschool ist einzigartig.

Eine Vensterschool bündelt das alles unter einem Dach (oder einem Campus) und versteht sich als lebendiges pulsierendes Herz eines Wohngebiets, denn das reichhaltige und abwechslungsreiche Angebot richtet sich neben den Kindern auch an die Eltern und andere Bewohner.
Das nachfolgend beschriebene Programm kann ebenso unter ihrer Schirmherrschaft stehen.

Um aber zu verhindern, dass das Konzept der Vensterschools als Modell für unterprivilegierte Stadtteile stigmatisiert wird, wurden gezielt Entwicklungen in privilegierten Stadtteilen vorangetrieben.

OPSTAPJE – Ein Programm zur Stärkung von sozial benachteiligten Familien mit Kleinkindern

Als Schutzfaktoren haben sich, insbesondere bei Armut, ein positives Familienklima mit häufigen gemeinsamen Aktivitäten und ein gutes soziales Netzwerk erwiesen. Hier setzt die Arbeit mit Opstapje an: Eltern werden dazu angeregt, sich häufiger mit ihren Kindern zu beschäftigen, lernen deren altersgemäße Bedürfnisse besser kennen, werden für die Signale ihrer Kinder sensibilisiert und erweitern ihr Repertoire an positiven Interaktionsmöglichkeiten.

Die Spiel-Aktivitäten von Opstapje sind so aufgebaut, dass alle wichtigen Entwicklungsbereiche der Kinder (Motorik/Feinmotorik, Kognition/Sprachentwicklung, Sozialverhalten) angesprochen und stimuliert werden.

Die Eltern werden hierbei angehalten, die Autonomie und das Selbstwirksamkeitserleben ihrer Kinder beim Lösen von Aufgaben zu unterstützen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Aufbau von sozialen Netzwerken mit den anderen teilnehmenden Familien und das Erkunden von weiteren (Unterstützungs-)Angeboten für Eltern und Kinder im Stadtviertel.

Opstapje setzt also an allen drei Ebenen an, die Resilienz fördern zu können: am Kind selbst, an den familiären Beziehungen und am sozialen Kontext.

Niedrigschwellig ist das Programm durch seine aufsuchende Struktur. Sozial kompetente und extra geschulte Hausbesucherinnen, die ebenfalls Mütter (Modelle) sind und aus dem soziokulturellen Umfeld der Zielgruppe stammen, besuchen die Familien in einem Zeitraum von 2x30 Wochen im wöchentlichen später 14-tägigen Abstand für 30-45 Minuten. Daneben finden alle 14 Tage Gruppentreffen statt.

Literatur zum Thema
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hans1962 - 2009/04/02 20:37

Es wollen mir heiße Tränen kommen, wenn ich mir die Ignoranz unserer Gesellschaft - vertreten duch die gewählten Politiker - gegenüber solchen Konzepten (z.B. Opstapje) bewusst mache. Auch hier bei uns gibt es ähnliche Einrichtungen. Die darben aber in wirtschaftlicher Verzweiflung dahin. Und dann noch dazu solche unausgegorenen Plappereien wie: "In unseren Kindern liegt unsere Zukunft begründet!"
Da denke ich mir beinahe resignierend: "Mag sich denn niemand darauf besinnen, dass es zuerst um das Lebensglück unserer Kinder geht, wenn sie einst erwachsen sein werden?"

Eugene Faust - 2009/04/02 23:34

Ja, das schmerzt ganz besonders arg, wenn man so überzeugt von diesen und ähnlichen Projekten ist, und wenn man zusehen muss, wie Chancen verpasst werden und Kinder sich ganz anders entfalten könnten. Sehr traurig!
sebastian (Gast) - 2011/03/20 19:49

Jetzt weiß ich wieso ich so ticke
Danke

Eugene Faust - 2011/03/20 22:21

Sprechen Sie vielleicht von bestimmten Risiken, denen Sie als Kind ausgesetzt waren?
sebastian (Gast) - 2011/03/20 23:31

mutter shizophren Flucht-> pommern cuxhaven
spätgebährende
ich sollte mädchen werden -> verbündete bin mittlerer Sandwich
viel umgezogen
Vater koleriker
prügel
menegitis -> linkes gehör verloren
mir die schuld für das versagen der ehe, der familie gegeben
schwiegermutter christlich -> das ist ne Sekte -> ich karate okult -> tot hölle
schwager -> pfaffe aaaarrrrggggghhhh
Kontakt zu meiner Familie abgebrochen (Vater, meine Brüder -> war für die beiden der "Krüppel")
Kontakt zu der Familie von meiner Frau abgebrochen -> Christliches Gericht nicht bestanden *lol*
und und und

.....................................................

dennoch habe ich eine familie seit - im mai 25 jahre verheiratet einfach schön!!!
meine töchter lieben mich, ich sie :-))
älteste hat abi in deutsch und französich, die jüngste geht auch den weg.
meine frau ist meine freundin, geliebte, weggefährtin, beraterin, meine Liebe
habe gefunden was liebe ist :-) sich jeden Tag frei für den anderen entscheiden zu können. Das glaube ich können wenige sagen.

Was habe ich erreicht? Hauptschule, Realschule (Bundesländer in der Zeit gewechselt) Lehre, Studium -> abgebrochen weil erstes Geschäft kaputt (pseudo franchise -> schwager tat es, frau wollte auch -> immer noch mit Ihr zusammen, und es wird schöner, immer schöner), zweites geschäft selbst aufgebaut, schulden abgezahlt, vorhofseptum im training blieben die vorhöfe stehen (karate 28 jahre praktiziert, schwarzgurt -> in belgien gemacht, mußte 6 Jahre wieder weiß tragen, dann braun, dann schwarz. Kein französich, andere überzeugende sprache -> bushido, Sensei (Lehrer) 7. Dan)
Nach OP weitertrainiert -> sollte ich von den ärzten her *lol* 3-4 Jahre.
Meditiert, Lustig Zenmeditation bei den Jesuiten.
Nun mache ich die Börse, da das Finanzamt mich rasiert hat durch meine Steuerberater. Nun wieder aufstehen, und ich freue mich, das "meine" Familie mich liebt und keine Angst vor mir hat.
Wenn Agressionsattaken kamen (in mir) gingen sogar die Katzen aus dem Raum, aus dem Haus. Karate Bushido macht mächtig, aber auch konsequent. Was sagen die Archetypen: Krieger -> Sadist und Masochist.

Wenn was mit mir nicht stimmt, so sagt meine Frau, sagen meine Töchter was nicht stimmt, es wird geredet, diskutiert und eingesehen, dann geändert. Am Anfang aus Liebe zu Ihnen nun zu mir und zu Ihnen immer noch:-)
Meridiantechnik gelernt, in der Familie nun Alltag.

Unbezwingbar es stimmt. Denn die Liebe ist es, und die bedingungslose Konsequenz sich selbst gegenüber, aber dennoch ohne Härte, mit wollen, mit Sehnsuch in einem, mit sich selbst verzeihen und die Konsequenz zu sehen wenn nicht geändert wird.

Einfach schön :-)

Einfach Unbezwingbar

Danke ;-)
Eugene Faust - 2011/03/21 00:42

Danke für diesen Einblick -

erschreckend und beruhigend zugleich - Mannomann!!!
sebastian (Gast) - 2011/03/21 07:44

es geht weiter

Nun die Königsdisziplin, Traden, seit 4 jahren vorbereitet (kein klick, klick, ich bin millionär), sondern Moneymanagment, Draw Down zum Ertrag und, und, und.

Wieso Königsdiszjiplin?

Ein Trader sagte das mal sehr treffend: Trader suchen die Angst und gehen durch.

Normalerweise müsste ich Angst vermeiden, aber ich will die Börse meistern.

Viele gute, freundlichen, erheiternde, bereichernde Posts wünsche ich Dir.

Sebastian
Eugene Faust - 2011/03/21 11:49

Obwohl ich mit diesem Geldsystem auf Kriegsfuß stehe, wünsche ich Ihnen den Erfolg, der Ihnen gut tut.
sebastian (Gast) - 2011/03/21 13:32

ich finde das system mehr als b....

wenn man was unternehmen will, hart arbeitet, und am ende der steuerberater die unterlagen zurückhält (vor Gericht), das finanzamt schätzt (es muß nicht zum Steuerberater, die Unterlagen einfordern, selbst eine Petition nützte nichts) und so in Armut gestürzt wird....

da bricht alles ein, wirklich alles. Was dann entsteht ist nur noch Wut.

Und die 7 Jahre stimmen, man braucht sie.

Der einzige Weg ist für mich dieser.

Geld ist nur ein Symbol, und der Spiegel unserer Gesellschaft. Wobei Gesellschaft differenziert werden müßte.

Ein gutes Buch ist "Mysterium Geld". Für Sie als Psychologin vieleicht aufschlußreich. Der Author geht über die Archetypen, über die Geschichte an unser heutiges Geldsystem dran. Der Author heißt Bernhard Lietaer.
Ich wollte hier keinen Link setzen. Amazone oder... haben das bestimmt noch.

Mich nicht "verteufeln" ;-)
Eugene Faust - 2011/03/21 13:45

Keine Sorge, das tue ich nicht. Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben von Herzen alles Gute!

(Ich weiß nur, dass Geld fließen muss...)

Ich gugel dann mal ;)
Eugene Faust - 2011/03/21 13:50

Ah, jetzt weiß ich, wie Sie auf "Resilienz" kamen. :)
sebastian (Gast) - 2011/03/21 16:14

Wie kam ich auf Resilienz?
Jetzt haben Sie mich doch neugierirg gemacht.
sebastian (Gast) - 2011/03/21 20:08

Nein, für mich bezog es sich auf Ihren Artikel. Der öffnete mir die Augen -> wohl hier die innere Sicht. Es war mir nie klar, das ich so agiere.
Dann kam noch das Gedicht Invictus von W. E. Henley dazu, was ich vor ein paar Tagen von meiner ältesten geschenkt bekommen habe.....
Eugene Faust - 2011/03/21 22:34

Verstehe!

... Wenn grausam war des Lebens Fahrt,
habt ihr nie zucken, schrei'n mich seh'n!
Des Schicksals Knüppel schlug mich hart -
mein blut'ger Kopf blieb aufrecht steh'n! ...
sebastian (Gast) - 2011/03/21 23:19

Ja, denn Visionen lassen uns "tun".

Egal ob man sie erreicht, oder nicht. Es geht um das "tun".

Und wenn nichts erreicht werden kann, weil die Umstände es nicht erlauben, dann kann man doch von sich sagen, man war sich treu.

Kompromisse gehören dazu, nennen manche Resilienz ;-)

Gute Nacht Besitzerin eines wundervollen Blogs.
Eugene Faust - 2011/03/21 23:40

Ihnen auch eine gute Nacht, Sebastian, der Unbezwingbare! ♥

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Im glad I now registered
Really....such a important site.
4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
ja.
ja.
dus - 2015/12/09 10:19
Einfach nur mal so....
Schön, dass es diesen Blog immer noch gibt.
Lo - 2015/12/04 09:15

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