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16
Mai
2009

Ansprache...

ansprache

...eines Fremden an eine Geschminkte
vor dem Wilberforcemonument


Guten Abend, schöne Unbekannte! Es ist nachts halb zehn.
Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn?
Wer ich bin? - Sie meinen, wie ich heiße?

Liebes Kind, ich werde Sie belügen,
Denn ich schenke dir drei Pfund.
Denn ich küsse niemals auf den Mund.
Von uns beiden bin ich der Gescheitre.
Doch du darfst mich um drei weitre
Pfund betrügen.

Glaube mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar
Die Menschen sind.

Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe
Wie bei Peter dem Großen L'honneur. -
Übrigens war ich - (Schenk mir das gelbe
Band!) - in Altona an der Elbe
Schaufensterdekorateur. -

Hast du das Tuten gehört?
Das ist Wilson Line.

Wie? Ich sei angetrunken? O nein, nein! Nein!
Ich bin völlig besoffen und hundsgefährlich geistesgestört.

Aber sechs Pfund sind immer ein Risiko wert.
Wie du mißtrauisch neben mir gehst!
Wart nur, ich erzähle dir schnurrige Sachen.
Ich weiß: Du wirst lachen.
Ich weiß: Daß sie dich auch traurig machen.
Obwohl du sie gar nicht verstehst.

Und auch ich -
Du wirst mir vertrauen, - später, in Hose und Hemd.
Mädchen wie du haben mir immer vertraut.

Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.
Wo mir alles rätselvoll ist und fremd,
Da wohnt meine Mutter. - Quatsch! Ich bitte dich: Sei recht laut!

Ich bin eine alte Kommode.
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
Der wird kichern, der nach meinem Tode
Mein Geheimfach entdeckt. -
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

Das ist nun kein richtiger Scherz.
Ich bin auch nicht richtig froh.
Ich habe auch kein richtiges Herz.
Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk.
Mein richtiges Herz, das ist anderwärts, irgendwo
Im Muschelkalk.


Joachim Ringelnatz
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Eugene Faust - 2009/05/15 12:44

gesprochen in Folge 145 ab ca. 5:00








steppenhund - 2009/05/16 23:46

Ringelnatz bekam heute mein Sohn als Geburtstagsgeschenk von mir:)

Mukono - 2009/05/28 10:33

Kuddeldaddeldu

Das liest sich so hingeschluddert. Und manch meiner mag denken auch hier in Bloghausen so ein hoch gestochenes Zeugs aus Dichterfeder wäre die wahre gute Literatur.
Nein, nein, man mag den Ringelnatz laut lesen und bemerkt sofort, das ist die wahre Poesie :-))

es grüßt

Mukono

Eugene Faust - 2009/05/28 13:57

Das gelesene Gedicht ist für mich DIE Entdeckung

Außer zwei dicken Wälzern von Wilhelm Busch, die wir Kinder selbst lesen mussten/durften, war bei uns zuhause nichts Gedichtetes zu finden. Und auch durch die Schule nur das notwendig übliche vermittelt, hatte ich eigentlich keinen Zugang zu dieser Welt. Man muss es hören!

Ich stelle mir vor, an meinem Kinderbett wären Gedichte rezitiert worden... , stelle mir vor, wie sogar das folgende Gedicht, zwar gänzlich unverstanden, mich süß in Morpheus Arme geschaukelt hätte. Ach, nicht auszudenken... :)


Guter Rausch

Denken wir jetzt nicht an den Halunken,

Der betrügt, indem er sich besäuft,

Auch nicht an den ändern, der betrunken

Schimpft und androht oder Amok läuft,



Nicht an Witzler, nicht an Vielversprecher,

Noch an den, der morgen früh bereut,

Der am Tag vor Nacht- und Nacktheit scheut.

Was ich meine, gilt für andere Zecher.



Ihrer denk ich. Nach dem sechsten Glase,

Oder nach dem dritten oder zehnten,

Kommen sie — nicht etwa in Ekstase —

Sondern in den variiert ersehnten



Zustand, klar und dennoch mild zu sehn,

Mild zu horchen auf die Ändern, Fremden

Und wie Engel in schneeweißen Hemden

Sozusagen vor sich selbst zu stehn.



Manchmal schießen sie mit der Pistole

Dann in sich ein ewig tiefes Loch.

Manchmal lächeln sie und trinken noch

Kognak, Zwetschenwasser, Sekt und Bowle.



Aber immer nehmen sie sich vieles

Vor und nehmen vieles still zurück

Und erkennen in Betreff des Zieles

Und der Zukunft ihren Weg zum Glück.



Und man wird um solch entrückte Zeit

Sie beneiden, und man wird sie lieben. —

Wenn sie doch — zu frühem Tod bereit —

Unverändert derart trunken blieben!
antworten
Mukono - 2009/05/29 10:28

Ja, wunderschön

eine ganze Lebensphilosophie steckt dahinter "zu frühem Tod bereit" grins.
Wir hatten einen ganz guten Deutschlehrer, einen Verehrer von Goethe und Heine.
Immerhin verriet er uns ein ganz kleines Gedichtlein von Heine - an ein Freudenmädchen (so hießen damals die Huren, weil sie noch Freude bereiteten)

Blamier mich nicht mein Kind
und erkenn mich Unter den Linden
Wenn wir bei mir zu Hause sind
wird sich das Weitre finden

lieben Gruß in den Tag aus Berlin

Mukono
antworten
Eugene Faust - 2009/05/29 15:17

Ich kenne Heine nur aus dem Musikunterricht

(ganz züchtig)

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite!

Kling hinaus bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen;
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich lass sie grüßen.

Ich grüße Sie!
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Eugene Faust - 2009/12/21 14:19
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Irre gemacht!
Das erinnert mich sehr an die grosse Spielzeugeisenbahn...
momoseven - 2009/12/21 12:40
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Eugene Faust - 2009/12/20 17:56
Jruselich!!!
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