3
Jul
2012

I - Berufliche Wege und Stationen 73-74

Die Falkin hat mich kürzlich auf mein Profil bei Twitter angesprochen. Da steht: „Spät berufene nicht ausübende Diplompsychologin mit ganz normalen Macken.“ Für die Beantwortung ihrer Frage, wann und wie ich zur Psychologie gekommen bin, muss ich ziemlich weit zurück. Ich werde daher in Fortsetzungen schreiben und hoffe, dass das meine geschätzten Leser nicht langweilt. Aber erwarten Sie bitte nichts Spektakuläres.

Nachdem also der Wechsel von der Privatschule auf das öffentliche Gymnasium ziemlich traumatisch war und mich noch Jahrzehnte immer wieder in Albträumen verfolgte, regte sich in mir das Verlangen nach einer sinnvollen Betätigung, so nach dem Motto – wenn schon Ernst des Lebens, dann richtig! Bereits als Kind interessierten mich Pädagogik und Medizin, als Jugendliche v.a. durch Kontakte zu Heroin- und Morphiumabhängigen auch Psychologie und Psychiatrie. Dieser Zug war allerdings erst einmal abgefahren. Wie es aber der Zufall wollte, kam just in dieser Orientierungsphase eine interessante Sendung über Heilpädagogik, und ich auf die Idee, künftig mit behinderten Menschen arbeiten zu wollen. Ausgestattet mit Mittlerer Reife strebte ich nun wenigstens den Beruf der Heilerziehungspflegerin an.

Die Zeit bis zum offiziellen Vorpraktikum überbrückte ich als Kindermädchen in einem Privathaushalt auf einem Traumgrundstück am See. Diese Tätigkeit beinhaltete indessen nur vordergründig die Betreuung eines Säuglings, vielmehr wurde mir unausgesprochen die Aufsicht über die psychisch instabile, niedergeschlagen ängstliche Mutter nach einer Schwangerschaftspsychose mit Heimweh nach Schweden zugemutet. Es gab eigentlich nicht wirklich viel mehr zu tun, als ab und zu das Baby zu füttern, zu wickeln und zu bespaßen, einzukaufen, ein bisschen zu kochen bzw. beim Kochen zu assistieren und Zank-Patience zu spielen. Denn das hat mir die Kindsmutter beigebracht. Aber ohne konkrete Informationen und Auftrag und mit 17 Jahren irgendwie überfrachtet, reagierte ich selbst zunehmend nervös und war froh, dass das Beschäftigungsverhältnis befristet war. Trotzdem verstärkte diese Episode eher eine Faszination für solche Phänomene.

Danach absolvierte ich das Vorpraktikum zur Ausbildung als Heilerziehungspflegerin in der größten Einrichtung für Behinderte in Oberschwaben, der Stiftung Liebenau. Die ersten sechs Monate war ich im alten Schloss bei einer Gruppe mit 16 lern- und geistig behinderten jugendlichen Mädchen eingesetzt.

schloss

Mit 17 Jahren nahezu gleichaltrig, wurde ich von den vertrockneten Fräuleins - Typ Nonne ohne Tracht aber mit weißer Kittelschürze - in eine hellgrüne ebensolche gesteckt und meist zur Mithilfe bei der Putzarbeit abkommandiert. So fühlte ich mich ziemlich bald sowohl unter- als auch überfordert. Mein jugendlicher Idealismus hatte nicht viel Raum, und mein pädagogischer Ansatz beschränkte sich mit Malen und Singen vor allem auf den musischen Bereich. Trotz Beliebtheit bei den Mädchen, betrieb ich schleunigst die Versetzung in einen adäquateren Bereich.

Die folgenden sechs Monate war mein Einsatzgebiet bei zehn schwerstbehinderten Kindern und Jugendlichen mit starken Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressionen, Autoaggressionen und Autismus. Diese waren auf einer Station zusammen mit acht etwas weniger schwer behinderten jungen Frauen untergebracht, die sich allerdings überwiegend in ihrem eigenen großen Schlafsaal aufhielten, auch zum Essen. Die Station war unter eiserner Führung einer Ordensschwester entsprechend rigide strukturiert. Hauptaugenmerk lag auf Ordnung, Sauberkeit und einem klaren Tagesablauf.

Allein mein erster olfaktorischer Eindruck, eine Mischung aus Desinfektionsmittel, Tee und Fäkalien, war schockierend. Zudem waren einige Behinderte erschreckend hässlich und extrem unappetitlich. Es gab insgesamt nur zwei Schlafsäle mit Eisenbetten, eine kleine Küche, einen ziemlich kleinen Speisesaal, einen mehr als dürftig ausgestatteten Sanitärbereich und einen vergitterten Balkon. Daher fand das Leben teilweise auf dem breiten Flur statt, einem düsteren Anstaltsbereich, wie man ihn vielleicht aus Filmen kennt. Ungefähr so.

flur1

Gezielte Förderung und Freizeitbeschäftigung gab es nicht. Wenn überhaupt ein Angebot bestand, dann der obligatorische Spaziergang mit denen, die darauf gedrillt waren. „Pädagogische Maßnahmen" wurden mit Zwangsjacke und Fixiergurt durchgeführt. Ich war bestürzt und sah mich gezwungen, meine Entscheidung gründlich zu überdenken. In diesen sechs Monaten habe ich zwölf Kilo Kummerspeck zugelegt. Glücklicherweise begann eine unglaublich fähige Heilpädagogin aus Ungarn ihr Werk in Hinblick auf eine völlige Umstrukturierung, sowohl konzeptionell als auch räumlich. Die „Wärterära“ ging zumindest im Kinder- und Jugendbereich zu Ende, was sich sehr segensreich auf meine anschließende Ausbildung (sowie auf mein Gewicht) auswirken sollte.

Fortsetzung
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Eugenie Faust - 2012/06/30 15:07

Sommer vor genau 40 Jahren!

letzter Schultag - 1. Reihe 4. v. re.

Britt M. - 2012/06/30 15:29

... das Lächeln ist unverkennbar!
testsiegerin - 2012/07/01 11:26

ich hätte sie sofort erkannt.
und schon damals tanzten sie in dem langen rock aus der reihe ;-)
Eugenie Faust - 2012/07/01 11:39

Meine Flower Power Hippie-Phase

Das Kleid habe ich mir ausgedacht, drauflosgeschnippelt und genäht. Dazu trug ich komplett abgelatschte Holzclogs so dünn wie Jausenbrettchen und ein Lederstirnband.
Falkin - 2012/07/02 11:54

ui, wie spannend, liebe Eugene. Höchstinteressant auch die eine oder andere Parallele zu meinen makrameetischen Lebenspfaden.

Und das Bild ist zuckersüß..... bildhübsche Eugenie instant - so, wie sie aus jeder Zeile in diesem Blog spricht. Wild und rebellisch wirkst Du auf mich, auf dem Weg, alle Welten zu erkunden und erobern. Schön, dass Du ein wenig darüber erzählst. Freu mich schon auf mehr!!! Danke! ;)

Eugenie Faust - 2012/07/03 09:58

Ja, man kann schon sagen, dass ich rebellisch war oder anders ausgedrückt, tat ich alles, was Gott verboten hat. Natürlich saß ich in der hintersten Bank bei den Schlimmen.

Für die Fortsetzung bitte ich noch um etwas Geduld.
Falkin - 2012/07/03 10:16

alle Zeit der Welt!
schneck08 - 2012/07/03 10:18

Ach schön, das alles mal hier zu lesen, liebe Eugene! Und das Foto ist ganz wunderbar! Und dann südliches Oberschwaben und Allgäu... in diese Gegenden kann ich mich sehr einfühlen, sind es doch auch Herzensgegenden meinerseits. Neulich war ich mal wieder in Bad Waldsee... die Luft, die Sprache... Ich bin gespannt auf die Fortsetzungen!

Eugenie Faust - 2012/07/03 12:18

meinen Sie das Schloss oder das Klassenfoto?
schneck08 - 2012/07/04 19:58

na, das blumenmädchen natürlich! ;-)
Eugenie Faust - 2012/07/05 12:19

Apropos die Gegend um Bad Waldsee

hier ein leider etwas schlechtes Tondokument aus Bergatreute

schneck08 - 2012/07/05 13:41

hanó, des derf abr'id wohr sei! ;)
Eugenie Faust - 2012/07/05 15:21

Ma sott's it glauba... ; )
HARFIM - 2012/07/03 23:47

smile,

eine Indianerin unter lauter Bleichgesichtern :-)

Eugenie Faust - 2012/07/04 15:42

: )

sozusagen
Kinkerlitzch3n - 2012/07/04 21:32

Hm, spannend.
Liegt's dran, dass ich dich mag oder ... auf jeden Fall scheint Klein-Eugenie in viel kräftigeren Farben auf dem Bild verewigt als all die andern.

Ausgesprochen apart und ja: Man erkennt dich! ;-)

Eugenie Faust - 2012/07/05 15:24

leider fehlt mir das Original. Der Scan wurde mir erst kürzlich zugemailt.
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Really....such a important site.
4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
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ja.
dus - 2015/12/09 10:19
Einfach nur mal so....
Schön, dass es diesen Blog immer noch gibt.
Lo - 2015/12/04 09:15

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