4
Jul
2012

II - Berufliche Wege und Stationen 74-76

Teil I

Nach dem Vorpraktikum hätte ich die Ausbildung eigentlich in zwei Jahren Vollzeit-Unterricht absolvieren können. Doch da war ich schon so nachhaltig von dem Pioniergeist angesteckt, dass ich mich kurzerhand entschloss, die Ausbildung berufsbegleitend zu absolvieren, obwohl dies ein zusätzliches Ausbildungsjahr bedeutete. (3 Jahre zweimal wöchentlich Unterricht in der Fachschule für Heilerziehungspflege am Institut für soziale Berufe)

Wie bereits erwähnt, gab es weitreichende Veränderungen: der gesamte Kinder- und Jugendbereich wurde in ein komplett neu erbautes Kinderdorf nach Hegenberg umgesiedelt. Das bedeutete: kleinere Wohngruppen, die diese Bezeichnung auch verdientem, mehr Personal, vor allem junge Menschen, da sich die Einrichtung als Ausbildungsbetrieb etablierte und mehr Fachpersonal wie Heilpädagogen, Psychologen und Sozialpädagogen.


Personalwohnheim – in einem dieser Legosteinchen habe ich gewohnt

Mein neues Einsatzgebiet war eine Wohngruppe im Schwerbehindertenbereich mit acht mehrfach behinderten Jungen und Mädchen. Durch die zum Teil erheblichen körperlichen Behinderungen war der Tagesablauf stark durch die intensive Pflege bestimmt. Trotzdem ermutigte uns die charismatische Heilpädagogin, sogar sogenannte Pflegefälle nicht als solche anzusehen. Täglich drehte sie ihre Runden durch alle Wohngruppen und fragte, was wir heute mit den Bewohnern zu machen gedenken oder schon gemacht haben. Im Dienstzimmer zu sitzen, sei es auch nur zum Berichte schreiben, war absolut verpönt. Da konnte es schon einmal vorkommen, dass sie beim Betreten der Wohngruppe die Stimme erhob: Wo siiind dänn die Ärrziiiääärrr? Wos mochen Sie mit Kiiindääärrr? Ihr ungarischer Akzent war einfach zauberhaft.

Überzeugt davon, dass auch diese stark beeinträchtigten Kinder noch lernfähig bzw. ihre kognitiven Fähigkeiten zu fördern sind, hat sie uns sehr motiviert, und tatsächlich geschahen kleine Wunder. Ein schwerst pflegebedürftiger körperlich und geistig behinderter Junge beispielsweise, lernte in Zusammenarbeit mit dem Krankengymnasten selbstständig zu greifen und zu essen. Trotzdem gab es wirklich auch Bewohner, die eher wie Pflanzen lebten bzw. litten. Mental war das eine ziemliche Herausforderung. Welchen Sinn hat so ein Leben überhaupt, war eine Frage, die mich häufig bewegte. Damals glaubte ich noch, dass diese Art der Existenz irgendeinen Sinn haben MUSS. Und so keimte irgendwann auch die Idee von Karma und Reinkarnation. Heute bin ich eher davon überzeugt, dass es keinen Sinn hat und einfach so ist.

Mein Selbstverständnis als werdende Heilerziehungspflegerin entwickelte sich also zunehmend weg von der anfänglich betont pflegerischen Auffassung, hin zu dem ebenso wichtigen pädagogischen Auftrag in diesem Beruf. Insgesamt befriedigte mich diese Arbeit sehr, und ich fühlte mich in diesem Bereich richtig wohl. Trotzdem musste ich im Zuge der Ausbildung spätestens nach zwei Jahren schweren Herzens die Praxisstelle wechseln.

Fortsetzung
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Kinkerlitzch3n - 2012/07/04 12:57

Ich finde deinen Werdegang hochinteressant, freu mich schon auf die Fortsetzung!

lg Kinker

Eugenie Faust - 2012/07/04 15:41

hey, klasse!

das freut mich wirklich sehr.
flyhigher - 2012/07/04 15:51

Ich bewundere Menschen, die ihr Berufsleben in derart soziale Dienste heben. Ich bin dazu nicht in der Lage. Ich bin ein sehr hilfsbereiter Mensch, aber zu Pflegende in welcher Form auch immer lassen mein Herz völlig mitleidig werden, was der Sache nicht zuträglich ist.

Ich hatte mal im Krankenhaus eine Bettnachbarin, etwa 80 Jahre, Oberschenkelhalsbruch. Sie musste den ganzen Tag liegen und hatte keine Ansprache. Ich habe mich mit ihr unterhalten und ihr die Zeitungen und Zeitschriften vorgelesen. Und immer heulte ich ein bisschen dazu, weil sie keinen Besuch hatte und keine Ansprache.

Eugenie Faust - 2012/07/04 16:42

Das kann ich schon verstehen. Wenn einem aber von kompetenten Leuten das Handwerkszeug beigebracht wird, weiß man oder hat zumindest bald eine Idee davon, wie man in geeigneter Weise wirksam werden kann. Das wiederum stärkt das Selbstbewusstsein und macht die Hilfe für alle Beteiligten angenehmer.
steppenhund - 2012/07/04 16:29

Ich wurde - obwohl kein Anthroposoph - durch meinen Vater zumindest mit dem Gedankengut der Anthroposophie vertraut gemacht. Es ist daher vielleicht kein Zufall, dass ich die gesamte Geschwisterschaft meiner Frau als anziehend empfand. Die Eltern, stark ins protestantische Gemeinschaftsleben eingebunden, hatten ihre Kinder nämlich in die Waldorfschule gesteckt. Eine Schwester meiner Frau - mit mir gleichaltrig - hat dann tatsächlich einen Lebensweg eingeschlagen, der sie zeitlebens mit der Pflege und Schulung von behinderten Personen beschäftigt. Zuerst Jahre in England in einem englischen Camphill-Dorf, dann später eine der leitenden Personen in einem amerikanischen Camphill-Dorf. Eine der wesentlichen Aussagen der Anthroposophie besagt, dass auch "behinderte" (oder wie immer man das nennen mag) Menschen vollwertige Personen sind. Das trifft auch für die Kinder zu.
Mir fällt das ja nicht so leicht, das immer zu denken und mich dahingehend einzustellen. Das Prinzip halte ich für ausgesprochen richtig. Anscheinend habe ich das auch meinen Kindern vermitteln können, denn meine ältere Tochter war ein Jahr lang Pflegemutter in einem Camphill-Dorf in der Nähe von Genf. (Die erste H. mit einem Schweizer Bankkonto:)
Es gibt unter den Behinderten allerdings eine Gruppe, bei der ich selbst nachhaltig die Person als "vollwertig" (schlimmes Wort, nicht wahr) ansehen kann. Es sind dies Kinder mit Down-Syndrom. Ich könnte jedesmal vor Rührung weinen, wenn ich sie sehe, denn es ist fühlbar, wie viel Liebe sie verströmen. Es ist fast eine telepathisch wirkende Ausstrahlung, die hier wirksam wird.

Heute bin ich eher davon überzeugt, dass es keinen Sinn hat und einfach so ist.
Dass wir die Existenz von Behinderten vielleicht nicht als sinnvoll erkennen können, ist doch nur eine der vielen Dinge, die wir nicht verstehen können. Oder exakter ausgedrückt: die wir nicht gerade jetzt verstehen können.
Ist es nicht so, dass vieles, was man einst nicht verstanden hat, sich plötzlich einer simplen Erklärung öffnet. Manchmal ist die Erklärung so offensichtlich, dass man sich nur wundert, warum man das nicht schon früher kapiert hat. Also mir geht es andauernd so.

Eugenie Faust - 2012/07/04 17:10

Ich hätte auch sagen können, dass ich in dieser Frage keinen tieferen Sinn mehr suche, weil ich nicht zwingend davon ausgehe, dass es den gibt. Ich kann mir aber schon gut vorstellen, dass sich manches, was man bisher nicht verstanden hat, plötzlich einer simplen Erklärung öffnet. Darauf warte ich aber nicht mehr und quäle mich auch nicht mehr mit der Suche nach einer Antwort.

Behinderte mit Down-Syndrom hatten sicher einen Anteil daran, dass ich meine anfänglichen Irritationen überwinden konnte. Aber mit dem Absenken der Ekelgrenze, gelang es beispielsweise durchaus auch einem sabbernden klapprigen Riesenmädchen, mein Herz im Sturm zu erobern. Wenn Birgit mit langen Sabberfäden auf einen zuwankte und strahlend fragte: Ma gu mi? musste man sie einfach gern haben. : )
steppenhund - 2012/07/04 17:22

Das ist wohl eine ziemlich tiefe Frage: muss es einen Sinn geben? Offen gestanden bin ich da selbst recht ratlos. Ich will, dass die Dinge einen Sinn ergeben. Wenn ich das möchte, kann das allerdings nur allgemein der Fall sein. Es gibt dann nicht: das eine hat Sinn, das andere nicht.
Nach Stephen Hawkings benötigt es keinen externen (göttlichen) Impuls, dass sich das Universum so entwickelt hat, wie es der Fall ist. Das heißt nicht, dass es nicht doch Gott war, der das alles verursacht hat. Dann sind wir bei der Frage der Theodizee, die auch nicht zufriedenstellend gelöst werden kann.
Ich kann durchaus auch mit Wahrscheinlichkeiten und Zufälligkeiten leben. Ob ich damit glücklich bin, ist eine andere Frage.
Und ganz ernsthaft gesprochen: ist es sinnvoll, dass wir uns den Kopf über die Sinnfrage zerbrechen können?
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4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
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Einfach nur mal so....
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Lo - 2015/12/04 09:15

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