5
Jul
2012

III - Berufliche Wege und Stationen 76-77

Teil I, Teil II

Die Veränderung war ganz schön drastisch. Obwohl ich noch in der Ausbildung war, sollte ich gleich als tragendes Teammitglied eine Gruppe lernbehinderter Mädchen und Jungen mitbetreuen. Meine Durchsetzungsgabe, die bisher nicht allzu stark gefragt war, erleichterte mir den Einstieg in diese wesentlich dynamischere Arbeit. Diesbezüglich sollte ich schon früh die Gelegenheit zu einem recht unorthodoxen Einstieg bekommen.

Ein 14-jähriges Mädchen wurde mir von den Mitarbeitern gleich zu Beginn als notorisch provozierender Satansbraten vorgestellt. Und tatsächlich gab es ziemlich bald einen heftigen Konflikt. Worum es dabei ging, weiß ich gar nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass der Tisch fürs Abendessen fast gedeckt war, als Petra mal wieder übellaunig aus dem Stand Stress machte. Sie beschimpfte mich im Laufe der Auseinandersetzung lautstark und spukte mir zur Krönung mitten ins Gesicht. Daraufhin ergriff ich reflexartig die Scheibe Kalbsleberwurst und drückte sie ihr wortlos ebenfalls mitten ins Gesicht.



Sie schaute verdutzt und war sprachlos. Das war natürlich alles andere als pädagogisch wertvoll – bitte ja nicht nachmachen – aber es wirkte irgendwie. Jedenfalls habe ich mich später bei ihr entschuldigt, und wir wurden noch ziemlich gute Freunde. Sie nannte mich oft liebevoll ihr ‚Fäustchen’.

Erziehungsziele in dieser Gruppe waren - fachjargonmäßig ausgedrückt - möglichst weitgehende Verselbstständigung mit gleichzeitiger Entwicklung von Verantwortungsbewusstsein und Eigeninitiative, angemessenem Sozialverhalten, Freizeitgestaltung und Förderung der Leistungsbereitschaft.

Eine besondere Herausforderung war der unterschiedliche geistige Horizont der Kinder und zunehmend der fortgeschrittene körperliche Entwicklungsstand einzelner mit der entsprechenden Hormonlage. Dazu muss man wissen, dass in einer katholischen Einrichtung eine heterogene Gruppe Pubertierender undenkbar war. Und nach den ersten "Zwischenfällen" wurde von der Leitung schleunigst eine Umverlegung der pubertierenden Jungs angestrengt, was allerdings, wenn ich schnell vorgreifen darf, nicht zur Kontrolle und Unterbindung aller Aktivitäten rund um die Uhr führte, denn bald kam es trotzdem zu einer Schwangerschaft.

Fortsetzung
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HARFIM - 2012/07/05 18:18

:-))

Diese Wurst da ins Gesicht... das ist erlaubt, das ist nämlich Notwehr - in solchen Fällen sind bekanntlich sogar Schläge in der Kindererziehung erlaubt...

Eugenie Faust - 2012/07/06 13:16

: )

Naja, ich weiß nicht recht… Äußerst wohlwollend könnte man diese Situation vielleicht als Notwehrsituation betrachten.

Ich empfand meine Reaktion zwar fantasievoll, aber es war trotz alledem eine impulsive Affekthandlung mit glücklicherweise gutem Ausgang.
Jossele - 2012/07/06 15:05

Theorie und Praxis, die jahrhundrtalte Divergenz.
Wo es menschelt haben Vorgaben wenig Sinn, Gefühl ist gefragt, und da kann durchaus einmal eine Leberwurst in einem Gesicht landen, für einen guten Zweck (oder der eigenen Psychohygene wegen, was ja dann auch relevant wäre).

Was die Kopulationsbereitschaft einer gewisssen Altersgruppe betrifft, da ist man sowieso machtlos. ...Die finden Orte und Gelegenheiten.

Eugenie Faust - 2012/07/06 16:19

vielen Dank Jossele, der Zuspruch tut mir heute noch gut.
Kinkerlitzch3n - 2012/07/06 17:26

Ich finde die Reaktion auch ganz abgesehen vom Komikfaktor nicht so schlecht.
Eine unmittelbare Rückmeldung auf das Verhalten, nicht auf die Person. Hatten etwas Ähnliches kürzlich in einer Teambesprechung aufgegriffen.

Manchmal lösen überraschende Reaktionen und Ehrlichkeit statt Rücksichtnahme bessere Lernerfolge aus als alles andere - merk ich bei "unsern" Kindern jedenfalls, die sind zwar nicht geistig behindert, aber haben z. T. ziemliche soziale Defizite und sehr auffälliges Verhalten.
Du hast dir deine Authentizität bewahrt und gefolgt von einer ehrlichen Entschuldigung auch klargestellt, dass du nicht dauernd irgendjemandem Speisen aufs Aug' drückst. ;-)
Und die Mädels sollten ja bestimmt auch lernen, wie man sich in einer Gemeinschaft verhalten sollte, davon geh ich mal aus.

Aber es hängt natürlich von der Situation und der Reflexionsmöglichkeit des Gegenübers ab.
Und ich hab auch keine pädagogische Ausbildung vergleichbar mit Studium oder ähnlichem. Nur meinen gesunden Hausverstand und eine gewisse Zeit der Praxis mit sehr herausfordernden Kindern. ;-)
Wenn dann noch die Hor(r)mone dazu kommen ... *augenroll*

Eugenie Faust - 2012/07/07 09:52

Das kann ich nur bestätigen, liebe Kinker. Eine authentische Intervention wirkt oft viel besser als gekünsteltes superpädagogisches Vorgehen. Und wenn man dafür keine Begabung hat, bringt auch die beste Ausbildung nichts. Bei uns gab es pädagogische Mitarbeiter ohne Ausbildung die um einiges talentierter waren als so mancher mit Diplom.

Tja, die Horrormone... ; )
Kinkerlitzch3n - 2012/07/07 10:07

Ich glaube, das ist der Unterschied zwischen Theorie und (funktionierender) Praxis.
Genau solche Mitarbeiter bilden das Grundgerüst unseres Konzepts - Lebenserfahrung und Empathie lässt sich mit keiner Ausbildung der Welt erlernen. Können diese aber aufs Vorzüglichste ergänzen!


Und sei doch bitte so lieb und nimm das l aus meinem Namen - das klingt so nach Fliesen. ;-/
Eugenie Faust - 2012/07/07 10:15

(Huch, wie konnte denn das passieren? Sorry!)

Alles, was du sagst, unterschreibe ich ganz dick!
Kinkerlitzch3n - 2012/07/07 11:20

Es tut immer gut, Bestätigung für diese Ansicht zu erfahren.
Nur schade, dass die Politiker kaum Geld für nachhaltige Konzepte freigeben.

Danke fürs Ändern!
Eugenie Faust - 2012/07/08 11:36

Wie würde denn dein Konzept aussehen?
Kinkerlitzch3n - 2012/07/08 12:27

Ist nicht mein Konzept, sondern das des Vereins, in dem ich arbeite. Ich steh aber voll dahinter.
Wenn du magst, schick ich dir per Mail, was ich für's Einreichen bei EU-Fonds erstellt habe + die Vereinswebsite?
Eugenie Faust - 2012/07/08 12:59

Sehr gerne!
rinpotsche - 2012/07/07 10:25

@keine beleidigte Leberwurst entstehen lassen. Vor 21 Jahren, exakt an Weihnachten unter'm Baum, biss mich meine Tochter mit ihren neu bekommenen Zähnchen in die Wange -mein Hirn nutzte die unmittelbare Nähe plus Publikum, und ließ mich beherzt zurückbeißen. Der erste Weihnachtsfeiertag war entspannt wie nie, und sie ähnelte mir sehr mit dem kleinen Tattoo auf der Wange!

Eugenie Faust - 2012/07/07 10:40

Bärenmütter, und das sind bekanntlich sehr gute Mütter, machen das ja schließlich auch. ; )
Teresa HzW - 2012/07/08 16:50

Spannend und interessant - teilhaben zu dürfen an Ihrem beruflichen „Coming-of“ ;-)
Das Gerüst für einen [etwas andersartigen] "Entwicklungs"-Roman?
Schön` Sonntag, liebe Eugenie!

Eugenie Faust - 2012/07/09 13:48

Nein, liebe Teresa, ich schreibe ganz sicher keinen Roman. Aber wenn Sie das eine oder andere Element brauchen können, nur zu. ; )

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche.
Teresa HzW - 2012/07/10 09:41

Ohhh, ich dachte... dann einfach für die [Nach]Welt hin[zu]geschrieben ;-)
Jedenfalls interessant, mitzulesen, bin schon gespannt, wohin die Windungen Ihres [Lebens]Weges uns [Mit]Leser[innen] führen!?
Schließlich macht das ja auch was mit einem, wenn man eines anderen [Auto]Biografie [mit]liest: ein kleiner Gedankenblitz, was war eigentlich 1977? Eine kleine Reflexion, wie hätte man selbst in der Situation reagiert... etc. Jedenfalls wäre ich [damals!] nicht so couragiert wie Sie gewesen, dem "Gör`" die Wurst ins Gesicht zu drücken. Wow! Hat was!

Ihnen ebenso eine wunderschöne Woche und dass Sie bald wieder Zeit für die Fort-Schreib-ung finden ;-)
Eugenie Faust - 2012/07/10 11:59

Nein, der Ausgangspunkt war, wie anfangs kurz beschrieben, die Frage der Falkin. Und damit hier nicht nur ganz trockene Fakten stehen, versuche ich mich an die eine oder andere Anekdote zu erinnern.

Und, was haben Sie 1977 gemacht? : )
Teresa HzW - 2012/07/12 13:01

Gute Frage!

Hm... 1977?
Lassen Sie mich mal überlegen... das ist Lichtjahr[zehnt]e her?
Ich weiß noch, dass es einen recht heißen Herbst gab, den sog. Deutschen Herbst.
Ob das eine tatsächliche Erinnerung oder nur eine durch kollektive Geschicht[en]serinnerung hoch gehaltene ist, kann ich gar nicht sagen.

Denn eigentlich glaube ich, dass wir das hinten in der Abgeschiedenheit der Waldheimat alles gar nicht so mit bekommen haben. Das alles geschah für uns Woidler in einer anderen Welt, zu der wir irgendwie nicht so richtig dazu gehörten. 400 Kilometer weiter weg. Das war damals wie 4000 Kilometer.
Heute - ein Katzensprung.
Eugenie Faust - 2012/07/12 13:20

vielleicht hilft Ihnen ein bisschen Musik aus dieser Zeit:

Teresa HzW - 2012/07/16 20:28

ich gehörte weniger zur "Reggae" mehr zur "[Jazz]Rock"-Fraktion, liebe Eugenie... :-)
Eugenie Faust - 2012/07/16 22:33

Ich eigentlich auch nicht so, zumindest hatte ich keine Schallplatten. Aber wenn ich es höre bzw. hörte, spricht/sprach es mich immer total an.
Bubi40 - 2012/07/14 13:02

zwar habe ich nie mit der pädagogik zu tun gehabt, mein sohn wuchs einfach so auf, aber ich bin der festen überzeugung, dass es schlimmere dinge gibt, die einem ins gesicht gedrückt werden können als ein stück leberwurst ... wenn es dann noch ein stück wäre mit richtigen leberstücken drin ... mmmhhh ...
im film machen sie es ja oft mit einer torte ... daran hätte ich aber keine freude ...

Eugenie Faust - 2012/07/14 13:17

Haben Sie Ihrem Sohn nicht einmal die eine oder andere Aufgabe auf's Auge gedrückt? ; )
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4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
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Lo - 2015/12/04 09:15

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