17
Jul
2012

V - Berufliche Wege und Stationen 80-81

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV

Die Einrichtung erweiterte sich um ein Berufsbildungswerk in Ravensburg. Da dort drei unserer Jungs ihre Berufsausbildung in Angriff nehmen sollten und mich der Pioniergeist der ersten Stunde reizte, bewarb ich mich intern für die Betreuung im angeschlossenen Internat. Die drei Kandidaten kamen allerdings in ein Außenwohnheim nach Friedrichshafen, da man dort auf solche Fälle (schwieriges Verhalten aber sehr fit in der Birne) spezialisiert war. Nur leider hatten die zu jener Zeit gerade keinen Personalbedarf.

Bis die Bauarbeiten im Internat abgeschlossen waren, übernahm ich eine kurze Mutterschaftsvertretung in einem Außenwohnheim in einer riesigen wunderschönen Jugendstilvilla bei zwölf jugendlichen Mädchen in der Berufsausbildung. Da hat es mir so gut gefallen, dass ich am liebsten ganz geblieben wäre.

Im nun fertig gestellten Internat war ich zusammen mit einem strafversetzten Sonderschullehrer, der zwar ein Alkoholproblem (nach Feierabend) aber auch ein großes Herz am rechten Fleck hatte, und einem Maschinenschlosser mit pädagogischem Talent für die Betreuung von zwölf männlichen Jugendlichen zuständig. Diese waren in zwei Wohngruppen, von insgesamt 2 × 5 Internatsgruppen, untergebracht; eine davon jeweils für Jugendliche aus verschiedenen Heimen, die andere jeweils für externe Jugendliche mit Wochenendaufenthalt im Elternhaus.

Die größte Herausforderung war gerade diese Struktur, da den Bewohnern der Heimjugendgruppe durch die Gegenwart der privilegierten Nachbargruppe ständig ihre Heim-Biografie vor Augen geführt wurde. Nahrung erhielt ihr eifersüchtiger Argwohn auch durch die Tatsache, dass nur ein Erzieher pro Schicht für alle zuständig war. Es war nur ansatzweise möglich, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu fördern. Ich war in beiden Gruppen anerkannt und beliebt und für einige durch intensive Einzelgespräche bald zentrale Vertrauensperson. Hauptaufgaben waren die Anregung zu sinnvoller Freizeitgestaltung, die Betreuung der Wochenberichte und die Kooperation mit den Ausbildern, was mir neben der Arbeit mit den Auszubildenden am meisten Spaß gemacht hat. Die Bewohner sollten zudem lernen, mit dem zur Verfügung stehenden Geld zu wirtschaften, einfache Gerichte zu kochen und anfallende Dienste zu organisieren und zu erledigen, damit es z.B. nicht so aussieht.

kuecheSymbolbild

Im achten Jahr als Erzieherin, regte sich bei mir eines Tages ein ununterdrückbarer Wunsch nach beruflicher Veränderung, und zwar in Richtung Psychologie. Ich wollte mich, auf meine bisherige Qualifikation aufbauend, zur Psychagogin ausbilden lassen. Zu diesem Veränderungswunsch führte sicherlich auch die traurige Statistik des Internats: ein brutaler Suizid und vier Versuche (darunter ein externer Jugendlicher meiner Gruppe bei einem Wochenendaufenthalt zuhause*). Leider hatten sich die Zugangsbestimmungen verändert, und zum ersten Mal bedauerte ich sehr, dass ich mangels Abitur nicht einfach studieren konnte. Der Veränderungsgedanke blieb jedoch hartnäckig und ich stellte fest, dass ein so genanntes Sabbatjahr jetzt nicht ungelegen käme. Aus einem wurden fast vier, die ich nicht untätig war.

*Die Verbindung zu ihm ist nie ganz abgebrochen. Ich war beispielsweise Jahre später zu seiner Hochzeit eingeladen und bekomme bis zum heutigen Tag regelmäßig Anrufe von ihm. Inzwischen ist er glücklicher Großvater, und bei jedem Telefonat ist er dankbar dafür, dass es mich in seinem Leben gab.

Fortsetzung
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phyllis - 2012/07/18 00:09

Liebe Eugenie, ich sehe gerade, ich bin etwas mit dem Lesen dieser spannenden Berufswegegeschichten im Rückstand, ich geh' jetzt erstmal zu Teil 2 und 3 gucken ... : )

Eugenie Faust - 2012/07/18 10:18

Liebe Phyllis,
ich fühle mich sehr geehrt, dass Sie dafür Ihre kostbare Zeit einsetzen wollen. : )
phyllis - 2012/07/18 10:48

Liebe Eugenie, ich mag ja auch Ihre Filme, Ihr Verspieltes, Ihren wirklich wunderbaren Humor - doch Texte wie die aktuellen interessieren mich einfach sehr. Ich empfinde es als Geschenk, dass sie uns an Ihrem beruflichen Weg auf diese Weise teilhaben lassen.
Ich liebe Erzähltes! Unironisch Erzähltes. Texte, bei denen man spürt, was die Autorin im Innersten antreibt oder angetrieben hat. Es gibt schon so viel ironisierndes Distanznehmen in den Blogs, so viel ich-mein's-ja-nicht-so. Da bin ich zwar oft amüsiert, aber das Lesen ist dann eben Zeitvertreib. Nicht so Ihre Texte. Deswegen, wie gesagt, bin ich es, die sich geehrt fühlt : )
Eugenie Faust - 2012/07/19 10:06

Liebe Phyllis,
das freut mich wirklich sehr. (Ich wünschte allerdings, ich könnte etwas talentierter erzählen…)

Ich bin selbst gespannt, wann ich mal wieder Lust auf Filmchen und Stöbern habe. : )
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Really....such a important site.
4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
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dus - 2015/12/09 10:19
Einfach nur mal so....
Schön, dass es diesen Blog immer noch gibt.
Lo - 2015/12/04 09:15

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