30
Jan
2012

Was bisher geschah...

Der Mann, der vor Tagen noch tadellos gekleidet war, stand unschlüssig am Schreibtisch. Er wollte ein Ei essen, konnte sich aber nicht zwischen Rührei und gekochtem Ei entscheiden. Daher warf er auf der Suche nach einer weiteren Alternative, zunächst einen Blick in den Kühlschrank. Aber nichts verriet Genießbarkeit. Der Schimmel war bereits flächendeckend, weswegen er die letzte Dose Bier öffnete und sich anschickte, auch diesen Tag im Pub an der Ecke ausgiebig zu jausnen, und da er dies nicht alleine machen wollte, rief er seinen besten Freund Leander an.

Nach ein paar Mal läuten wurde abgehoben und eine tiefe, ihm unbekannte Frauenstimme hauchte: "Bei Jansen, Lisa am Apparat, was kann ich denn für Dich tun? Das Tímbre ihrer leicht lasziven, verrucht klingenden Stimme erweckte in ihm spontan Erinnerungen an seine seit Jahren verschollene Schwester. Wie oft hatte er sie nicht schon ernsthaft suchen wollen, woran ihn aber die Erinnerung an das
Karnifeln ihrerseits, insbesondere das Verpetzen bei den Eltern, wenn er wieder einmal unter der Bettdecke ..., gehindert hat. Er hoffte sehr, dass es nicht Lisa war, sondern die rassige Brünette gleichen Namens, die, wie es der Zufall so will, ihn seinerzeit am Betriebsausflug gehindert hatte, weil sie ihm auf dem Weg zur Firma vors Fahrrad gelaufen war. Er seufzte - gern würde er mehr mit der Brünetten ausgetauscht haben als die Telefonnummer, aber er besann sich wieder auf Leander, auch wenn der offenbar eine neue Flamme hatte, und seinen inzwischen beißenden Hunger, da konnte auch das unwerfende Timbre der unbekannten Lisa nichts ändern.

thorben

Er verlangte nach Leander, und als dieser ans Telefon kam, sagen wir besser kroch, bereute er bereits seine Hartnäckigkeit. Leander brabbelte wirr und vor allem laut in den Hörer. Zuerst kaum verständlich, dann waren Worte wie "Weltherrschaft, ich habe den Schlüssel" und "Sie werden mich nicht kriegen!" zu hören, und dann plötzlich explodierte etwas, und die Leitung war unterbrochen. Thorben, der ehemals gutgekleidete Mann, starrte irritiert auf den Hörer und überlegte, was in Gottesnamen er nun tun sollte. Wen sollte er alarmieren - die Feuerwehr, die Polizei oder vielleicht doch selbst eingreifen. Die Zeit im Dinnerjacket war eh noch nicht gekommen, also würde er sich aufmachen und selber nachsehen, ob Leander seine Jugendzeit hat aufleben lassen und wieder von den Magic Mushrooms genascht hat.

Er schnappte sich zur Vorsicht Bitter- und Glaubersalz, falls Leander doch mehr geschluckt hatte als halluzinogene Pilze. Dann packte er die Fahrradtasche und schwang sich, wie er es immer tat, auf ’s Treppenhausgeländer, um die 5 Stockwerke in rasantem Tempo hinunterzurutschen. Im 3. Stock klingelte sein Handy, und er war für einen Moment abgelenkt, sodass er übersah, dass die Vermieterin fälschlicherweise, anstatt wie gewohnt, ihren Besen neben, diesmal leider an das Geländer gelehnt hatte. Im Vorbeisausen blieb sein Hut am Besenstiel hängen, außerdem verfing sich seine Fahrradtasche im Henkel des, bis oben hin mit seifiger, graubrauner Brühe gefüllten blechernen Putzeimers. Vor Schreck übersah er zudem die Kehre zum 2. Stock, und sein Handy klapperte die restlichen Stufen hinunter und zerbrach in seine Einzelteile.

sturz

"Nicht mein Tag!", brummte er missmutig und zog sich den triefnassen Putzlappen vom Gesicht. Vom Boden her schnarrte es, und nachdem er sich eine dicke Fluse vom Auge gezupft hatte, sah er. dass es sein Handy, bzw. die Reste davon, war, das immer noch klingelte. "Verdammt gute Qualität!" dachte er, als er durch die Seife hinrobbte, um zumindest noch die Nummer des Anrufers zu erkennen. Und tatsächlich, er erkannte die Nummer von Leander, der offenbar in der Zwischenzeit x-mal versuchte hatte, ihn anzurufen. Besorgt, durchnässt und unglaublich hungrig beschloss er, dass höchste Eile geboten sei und sanitäre Dringlichkeiten zudem vorab ihr Tribut zollten. Das hatte er nun davon, am Vortag mit einer Apfeldiät begonnen zu haben, die ihn mittlerweile so schwächte, dass er sich kurz am Geländer festhalten musste, weil ihm schwindelig war.

Heute war eindeutig nicht sein Tag - Schluss mit jammern, sagte er sich, dann fuhr er mit dem Lift zurück in die Wohnung, nahm sich sein Ersatzhandy - die alte Riesengurke, erledigte sein Bedürfnis und wandte sich wieder zum Gehen, nicht ohne noch hastig eine Handvoll Erdnüsse zu verschlingen. Auf der Straße angekommen, rief er, weil Eile geboten war, ein Taxi unter falschem Namen an, um nicht den Herren des Verfassungsschutzes, die ihn nun seit drei Monaten beobachteten, einen Hinweis auf sein Fahrtziel zu geben. Kaum hatte er das Gespräch beendet, hinderte ihn ein plötzlicher Gedanke, auf das Taxi zu warten. Vorsichtig um sich schauend bog er raschen Schrittes um die Hausecke, beschleunigte sein Tempo noch etwas und eilte davon. In seiner Hast bemerkte er nicht, dass ihm von der gegenüberliegenden Straßenseite ein schwabbeliges Monster in einem unauffälligen Regenmantel beobachtete und geifernd in sein Mobiltelefon flüsterte, was nichts gutes zu verheißen schien.

schwabbel

Noch während er gedankenversunken in der Nase botoxähnliche Stoffe züchtete, fiel ihm im regendunklen Schaufenster der Bäckerei auf einmal etwas auf. Dort, versteckt hinter den Mehrkornbroten, lachte ihn die fesche Brünette an. Geplagt vom schlechten Gewissen ob seines Freundes Leander, betrat er dennoch flugs die Bäckerei und beschloss, dieses Mal nicht herum zu drucksen und zu stammeln, sondern sich kühn ein Herz zu fassen und die Brünette zwiefach gefaltet in seinem Trolley zu entführen. Derart beseelt von diesem Gedanken übersah er allerdings den Peilsender in ihrem Decolletée, welcher dem eifersüchtigen Gatten der Brünetten ein Anliegen war seit sie damals mit der Pfadfindertruppe.., aber lassen wir das.

Der Trolley erwies sich als wenig nützlich, weil das Korsett der Brünetten eine Zusammenfaltung derselben verhinderte. Außerdem wollte er es lieber auf die sanfte Tour versuchen, und so ließ er sich blitzschnell etwas einfallen, das nicht nur den lästigen Peilsender unschädlich machen, sondern auch die Aufmerksamkeit der Dame erregen würde, ohne aufdringlich zu wirken: er fingerte rasch seinen Organspendeausweis aus seiner rechten Gesäßtasche und hielt ihn der benommenen Schönen nur kurz vors Gesicht, kurz genug, dass sie den Bluff nicht bemerken konnte und flüsterte: "Polizei! Dies ist eine Körperdurchsuchung, bitte behindern Sie mich, so gut Sie können." Die Brünette lachte und trat einen Schritt zurück: "Mit d e r Nummer reißen Sie Frauen auf? Echt mutig."

lisa

Er konnte sein Glück nicht fassen, noch war nichts verloren. Rasch fasste er sie an der Hand, zog sie auf die Straße und ehe sich das Umgetüm im völlig unauffälligen Mantel versah, verschwanden die beiden im noch immer wartenden Taxi und brausten los. Lisa lächelte amüsiert und meinte, dass er sie ja hätte nur anrufen brauchen, aber eine gespielte Festnahme hat auch sehr viel Charme, worauf Thorben, der ja auch ein Faible für erotische Fesselspiele hat, Erregeung verspürte und sich in seiner Phantasie ausmalte, wie sie den Rest des Tages gestalten würden. Dann aber, in einem jähen Moment des Begreifens, brach ihm der Schweiß aus und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, dass Lisa nicht nur die Brünette war, die ihn seinerzeit von seinem Betriebsausflug ferngehalten hatte, sondern offenbar auch Leanders neue Flamme.

"Lieber Gott, lass`es ein Irrtum sein!", murmelte er und weidete sich, trotz latent steigender Gewissensnot, an dem, was Lisas großzügig geschnittenes Dekolletée herzeigte, und das war ...WOW. Um ganz sicher zu gehen, kam Thorben auf die grandiose Idee, direkt mit Lisa zu Leander zu fahren, und nannte dem Taxifahrer aus Ost-Timor, der die ganze Zeit, im Kreisverkehr herumgefahren war, Leanders Adresse, was Lisa aber ohne ersichtliche Gemütsveränderung zur Kenntnis nahm, sondern sich an ihn schmiegte, ihm ins Ohr gurrte und überhaupt eine fleischgewordene Manifestation seiner erotischsten Träume zu sein schien.

stadthaus

Das Taxi hielt vor einer schicken Stadthausvilla. Weil niemand öffnete, erleichterte er sich direkt an den gepflegten Rhododendronbüschen, was immerhin eine leichte Verfärbung der unteren Blätter hinterließ. Derart gestärkt konnte er nun zum Hauptteil des Abends übergehen: den besten aller Freunde auf seinen Gesundheits- und Geisteszustand zu überprüfen, und anschließend mit Lisa einen netten Abend verbringen. Da ja auf klopfen und läuten niemand reagierte, schauten die zwei bei der Terrassentür hinein und sahen Leander auf den Knien vor einem großen, sehr bedrohlich und nicht wirklich freundlich aussehenden Hund. Wie es schien, wollte der Hund gerade aggressiv knurrend und zähnefletschend den verängstigt knieenden Leander zu seiner Beute machen, als er die Beiden an der Terrassentüre bemerkte und plötzlich innehielt, freudig schwanzwedelnd und lammfromm zu ihnen gesellte und sie durch die Tür beäugte.

leander

"Magic Mushrooms!", flüsterte der Mann, der vor Tagen noch tadellos gekleidet war, der verdutzten Lisa zu, wobei er schmunzeln musste, als er sah, daß der Hund sich auf den Rücken geworfen hatte. Er drückte gegen die Terrassentür, und siehe da, sie war offen! Der ängstlich verdutzte Leander hatte für das Tier plötzlich keine Bedeutung mehr, der Hund ließ von ihm ab und sprang schwanzwedelnd auf Lisa zu und ließ sich widerstandslos von ihr in den Garten führen.

War Lisa eine Hundeflüsterin, hatte sie Orpheus Gabe oder kannte sie den sich eben noch als Bestie aufgegeilt von Leanders Gemächt, jedoch sinnend welch aussichtslose Begierde dieses verdrängte Ansinnen hatte, besann sich die Bestie eines Besseren und biss Lisa, Hundeflüsterin hin oder her, ins Wadel. Lisa, wohl wissend, dass dereinst ihre Großmutter an eben solch einem Hundebiss..., aber das wollen wir jetzt sicher nicht wissen ..., nimmt all ihre Kraft zusammen und befahl dem Hund, der im Übrigen Mortimer heißt, die Totmannstellung. Der Biss, der lediglich ein kläglicher Versuch gewesen war, hatte Lisa also nicht verletzt, Mortimer lag winselnd am Boden, und endlich konnte sich Thorben ungestört um Leander kümmern, der zitternd zusamengesunken auf dem Teppich verharrte. "Mensch Leander, sag mal, was ist hier eigentlich los? Wem gehört der Hund und woher kennst Du meine kleine Schwester Heidelinde (du hast ihren Namen während deiner Ohnmacht gemurmelt), die dereinst auf Schloss Isengrimm solch furchtbare Schmach zuteil wurde? Leander, sag, willst du deine"...brach Leander sein Selbstgespräch ab und wurde ohnmächtig.

"Er phantasiert, diese verdammten Drogen!", regte sich Thorben auf und wies Lisa an, Leanders Beine hoch zu nehmen, während er die Arme seines Freundes hielt und sie ihn ins Badezimmer schleppten, um den körperlich wie geistig Weggetretenen mittels kalter Güsse in die Achselhöhle versuchten, wieder zu Sinnen zu bringen, was sich aber, angesichts seines enormen Drogenspiegels, als ziemlich fruchtos erwies, weshalb sie dann doch aufgaben und Leander zum Komposthaufen verbrachten.

leanderkomp

Mit einem laut vernehmbaren "Hau Ruck" verfrachteten sie den immer noch Besinnungslosen auf die Bank, die neben dem Komposthaufen stand und setzten sich neben ihn, um ihm vor einem Sturz in die Ansammlung von verfaulenden Gemüseresten zu bewahren. "An der frischen Luft wurde Leander wieder wach, taumelte hoch und fiel, genau, in den Komposthaufen, in dem er durch die wohlige Wärme sofort wieder die Besinnung verlor. Thorben und Lisa beließen es dabei und sanken sich in die Arme. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. ENDE
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Falkin - 2012/02/01 14:46

Schweinskram - will mitmachen und kann nicht... und das OBWOHL ich Dich bereits in der kreidezeit abonnierte. Jawoll, Kreidezeit. Ach, was sach ich: Mesozoikum. Tz. Jaja, macht man alle nur so weiter. Es ist ok. Wirklich. Nein, kümmert Euch nicht um mich. Ich komm schon durch. Irgendwie. Vielleicht auch nicht. Aber seis drum. *beleidigt vor sich hin glotz* Pah. Pf.

Das Taxi hie....
vte sich mühsam eine unbefestigt-, konspirativ-e Landstraße hinauf. Kaum, dass dies Thorben registrierte, überkam ihn eine erschlagende Müdigkeit, die ihn zusammensacken und an den Atem-Ebben und Fluten von Lisa.s wogenden Dekollete entschlummern ließ. "Das Meer", murmelte Thorben schläfrig, um en...

So. *aufstampf* DAS wäre Ihr Preis gewesen. *Flunsch zieh* beleidigt von dannen rausch* ... ;))

Eugene Faust - 2012/02/01 15:00

Komisch

Ich kann das Beitragsfeld für dich blockieren. Zum Trost darfst du dann einen ganzen Abschnitt verfassen, wenn du möchtest. : )
Eugene Faust - 2012/02/01 15:05

Ich habe dich jetzt erneut eingeladen, da du mich offensichtlich als vingolf abonniert hattest.
Eugene Faust - 2012/02/01 15:12

Bin jetzt leider mind. eine Stunde physiotherapeutisch blockiert. Schau einfach, ob du reinkommst.
Falkin - 2012/02/02 10:46

funzt nicht. ;(

Hoffentlich hat Physio gut getan! Begebe mich jetzt in akupunkturelle Hände. Viel verhunzt werden kann da ja nimmer. Also nehme ich den Partyigel in Kauf. Kann ich zwar evtl noch immer nicht gehen, sehe aber wenigstens lustig aus.

zudem das Grüngelb von Trauben und Käse gelungen meinen Winter-Matsch-Teint abrundet. ---

Supi Idee das interaktive Schreibdings!
Eugene Faust - 2012/02/02 12:39

Wo genau hast du es denn versucht? Hier in diesem Beitrag geht nämlich tatsächlich nix.

Hoffentlich reichen bei dir weniger Nadeln. KLICK ; ) Alles Gute!
Eugene Faust - 2012/02/04 10:47

; )

Eugene Faust - 2012/02/08 13:41

Schade,

dass noch niemand diese witzige Werbung entdeckt hat. : )
Teresa HzW - 2012/02/01 19:13

Interessanter Text, der da bisher beim Interaktiven Schreiben herauskam, liebe Eugene, tolle Idee! Leider bin ich anderweitig zu sehr beschäftigt, als dieses Mal mitmachen zu können. Weiterhin viel Spaß beim miteinander schreiben, ich lese dann eben ab und zu mit. Fröhliche Schreib-Grüße von Teresa

Eugene Faust - 2012/02/02 00:26

Biolek sagte auch immer interessant, wenn er etwas essen sollte, das ihm - sagen wir mal ungewohnt - war. An manchen Freiheiten Wendungen kaue ich selber noch herum...Ursprünglich hatte ich zudem ein Cover vorangestellt, von dem die Geschichte inzwischen allerdings meilenweit entfernt ist. ; )

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schneck08 - 2017/10/24 00:20
Im glad I now registered
Really....such a important site.
4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
ja.
ja.
dus - 2015/12/09 10:19

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