7
Aug
2012

IX - Berufliche Wege und Stationen 90-93

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII, Teil VIII

Also beschloss ich, mich nicht weiter abzumühen. Desillusioniert und deprimiert, galt ich doch zuvor als Säule in der Arbeit mit behinderten Menschen, zog ich mich nun ganz zurück, nachdem ich seit 1980 sogar während akuter Schübe gearbeitet hatte. Ich reflektierte mein Verhalten in der Vergangenheit, genauer mein Überengagement, und musste realisieren, dass ich wohl ziemlich übertrieben hatte.

Da ich mich nicht als einzige an diesem Syndrom Leidende in leitender Funktion erkannte, kam mir die Struktur der ganzen Institution auf einmal einigermaßen ungesund vor. - Lauter Leidende in leitender Stellung, quasi ; ) Trotz Enttäuschung und Sorge um meine Zukunft, fühlte ich mich geradezu erleichtert, mich einmal von allem lösen zu können. Ich beschloss aber, Sie ahnen es vielleicht schon, meinen Krankenstand lernend auszufüllen.

Weil ich, trotz allem, meiner Neigung, mit Menschen zu arbeiten und sie zu begleiten, gerecht werden wollte und hinsichtlich einer möglichen selbstständigen Tätigkeit, begann ich an dieser Tagesschule eine fundierte 2 1/2-jährige Ausbildung zur Heilpraktikerin. Zudem hielt ich den Zugang zu alternativen Heilmethoden auch für mich persönlich nicht verkehrt.

Wir waren gerade mal acht Schüler und genossen einen sehr lebendigen und spannenden Unterricht. Ich fühlte mich absolut am richtigen Ort. Neben Anatomie, Physiologie und Diagnostik waren meine liebsten Fächer Phytotherapie und das elegante System der Homöopathie, dem ich mich auch heute noch verbunden fühle, obwohl die Wirkungsweise wissenschaftlich (noch) nicht erklärbar ist.

Mit traditionell chinesischer Medizin, vor allem Akupunktur, konnte ich dagegen nicht so viel anfangen. Vielleicht hat mir das Professor Li ein bisschen versaut, der ein paar Wochen an der Schule unterrichtete und nebenbei auch praktizierte.

pieks

Selbstverständlich wollte ich mich von so einer Koryphäe behandeln lassen. Komisch fand ich nur, dass ich vorher so viel ausziehen sollte, und dass nach dem Setzen der Nadeln auch noch ganz ausgiebig mein Busen von Hand bearbeitet werden musste. Ich war äußerst irritiert, aber einem Professor mit ernster und wichtiger Miene widerspricht man ja nicht so einfach. Doch das Verhalten erinnerte mich schon sehr an einen anderen übergriffigen Arzt aus meiner Jugend. Für die nächste Behandlung sorgte ich vor. Ich vereinbarte mit einem Mitschüler, dem ich mich anvertraute, dass er einfach mal ins Behandlungszimmer reinplatzen sollte, um zu sehen was dann passiert. Und siehe da, sofort hielt der Lustmolch inne. Alle weiteren vereinbarten Termine habe ich vom Schulleiter absagen lassen. Keine Ahnung, ob er jemals wieder eingeladen wurde.

Nachtrag
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Kinkerlitzch3n - 2012/08/07 12:22

Ich muss dir meinen höchsten Respekt zollen, ... für deinen Mut, deine Vielseitigkeit, für dein stetiges Streben und Nicht-Nachlassen-Wollen.
Das alles muss unheimlich viel Kraft und auch Selbstdisziplin erfordert haben ... dabei haben wir noch 20 spannende Jahre bis heute vor uns!!

Chapeau!



P.S.: Noch viel mehr als in der etablierten Schulmedizin erschüttert es mich, wenn Alternativmediziner/Energet(h)iker (haha) das Vertrauen ihrer ratsuchenden Kundschaft ausnutzen. Das widerspricht dem Berufsethos derart, unbegreiflich ...

Eugenie Faust - 2012/08/07 12:54

Also, das verrate ich dir schon jetzt, werden es keine 20 Jahre mehr. Und ich befürchte fast, dass das Spannendste vielleicht schon vorbei ist.

PS: Dass keine Frau nackt vor einem Arzt stehen muss, hätte ich schon in der Pubertät wissen müssen... : (
Kinkerlitzch3n - 2012/08/07 13:25

Na geeeehhh ...

Hätt i, wenn i, sollt i, ... ist schon genug andern auch passiert. Meine Mutter musste sich z.B.: beim jährlichen Führerschein-Amtsarzt-Check wg. starker Seh(!)schwäche auch bis auf die Unterwäsche entblättern!!
Da sie auf die Führerscheinverlängerung angewiesen war, hat sie zähneknirschend mitgespielt. Schlimm sowas.
In den 70er/80er Jahren hatte man da sowieso keine Chance schätze ich.
Eugenie Faust - 2012/08/07 13:38

Da packt mich die kalte Wut - elendes Pack!
Shhhhh - 2012/08/07 14:07

Jaja, die Halbgötter in Weiß. "Die Methode der Behandlung bestimmt der Arzt" so stand es auf einer weißen Tafel in den Praxisräumen meiner Kinderärztin bis zur Wende.

Eugenie Faust - 2012/08/08 11:01

Ich hoffe ja, dass sich die Kinderärztin zurückhielt.
Shhhhh - 2012/08/08 12:05

Ja, das hat sie. Sind ja nicht nur schwarze Schafe unterwegs.
Falkin - 2012/08/08 12:19

das steht anscheinend noch immer in unsichtbaren Lettern an diversen Praxiswänden... Leider. Und glücklicherweise sind nicht nur schwarze Schafe unterwegs!
Eugenie Faust - 2012/08/08 12:22

Und glücklicherweise sind die weißen in der Überzahl.

edit: jetzt ist mir die Falkn zuvorgekommen. Ich schreibe einfach zu langsam : )
Falkin - 2012/08/08 12:37

Nein, liebste Eugenie, Du denkst bevor Du schreibst. Sollte ich mir auch endlich angewöhnen... ;)) Und jetzt, bittsch♥n, weiterschreiben ... freu mich auf die Fortsetzung!!!

•:*¨¨*:• ♥¨¨ (¯`v´¯) ¨¨ ♥•:*¨¨*:•
Märchenland - 2012/08/07 23:35

Liebe Frau Eugenie,

wie schon mitgeteilt, hege ich tiefe Bewunderung für dich. Sich so einen Beruf auszusuchen ist schon bewunderungswürdig, vor allem seit ich dank meiner Mutter weiß, wie es in solchen Stationen zugehen kann. Zombie ist das richtige Wort.

Dass du nun schon so lange mit der Krankheit lebst, zollt dir ebenfalls Respekt. Der Mann einer Kollegin erhielt vor knapp zwei Jahren die Diagnose, daher kenne ich mich etwas damit aus und habe eine Vorstellung, wie sehr sie das Leben beeinflussen kann.

Übrigens hatte ich einen Deutschlehrer und einen Fahrlehrer, die sich nicht so ganz an die Regeln hielten... Beim Arzt ist es mir noch nicht passiert, das stelle ich mir übel vor. Von einem Fahrlehrer erwartet man ja fast nicht anderes ;-)

Ich lese jedenfalls gespannt und interessiert hier deine Geschichte und kann dich nur für deine Größe und Kraft bewundern.

Liebe Grüße
Yuli

Eugenie Faust - 2012/08/08 11:18

Liebe Yuli, danke für dein Lebenszeichen. Das ist ja schön, hier mal wieder von dir zu hören.

Hmm, also bei Lehrern, und seien es "nur" Fahrlehrer, finde ich das auch ganz schlimm. Apropos Fahrlehrer, da fällt mir ein… Und da war doch noch der, und der… Ach lassen wir das. Ich habe schnell gelernt, mich zur Wehr zu setzen. Wenn die Situation eindeutig war sowieso!

Mit so viel Bewunderung ob meiner Berufswahl, kann ich übrigens ganz schlecht umgehen. Ich glaube auch nicht, dass ich die wirklich verdient habe, denn ich bin ja - ok, nach den ersten Überwindungen – nur meiner Neigung gefolgt.
Märchenland - 2012/08/08 12:24

Doch doch, seit ich selbst Erfahrungen mit pflegebedürftigen Menschen gesammelt habe, bewundere ich Menschen, die diesen Beruf wählen, zutiefst. Man kommt mit so viel menschlichem Elend in Kontakt, ich würde daran zerbrechen. Oder dermaßen abhärten, dass auch niemandem mehr geholfen wäre. Wenn man eine Neigung dazu hat, spricht das menschlich nur für dich! Dafür möcht ich dich einfach ein bißchen bewundern :-) Dass du ein toller Mensch bist, wusste ich ja schon lange ;-)

Am Baggersee hat uns so ein Ekel mal die Kleider weggenommen und an sich rumgespielt, während wir bibbernd im Wasser standen und wie verschreckte Rehe nicht weiter wussten. Der Vater eines Mädels von uns hat den dann dermaßen verprügelt, das war meine erste Prügelei und im Nachhinein weiß ich nicht, was ich schlimmer fand. Obwohl es schon eine Genugtuung war für uns und der Vater unser Ritter.

Eigentlich erschreckend, dass fast jedes Mädchen irgendwann einmal Erfahrungen dieser Art machen muss.
Falkin - 2012/08/08 08:57

Es ist doch wirklich zum erBrechen. In der Hoch-Zeit meiner Anorexie (vor ca 30 Jahren) fand ich mich zur ambulanten Infusionsbehandlung bei einem Internisten in Bergisch Gladbach wieder (Dr. Hamrah). Wärend ich so ausgemergelt wie ein nasser Schwamm die Aufbaupräparate aufsog, hatte Dr. Hamrah nichts besseres zu tuen, als mir in die Bluse zu greifen und mir an der Brust rumzugrapschen. Meine damaligen Versuche über ein Inserat andere Betroffene ausfindig zu machen, wurden boykottiert - u.a. dadurch, dass die Zeitung sich weigerte ein diesbezügliches (und sogar noch "neutral formuliertes") Inserat zu veröffentlichen. Dem der telefonisch eingeforderten Überweisung beigefügten Arztbrief war zu entnehmen, ich sei psychisch instabil (100% ja) und neige zu Wahnvorstellungen (100% nicht). Wie bequem, nicht wahr? Den Arztbrief ließ ich natürlich verschwinden und entschloß mich, schleunigst gesund zu werden. Was mir wundersamerweise gelang (offensichtlich braucht.s in meinen Genesungsprozessen diverser Tiefstpunkte, die mich gemahnen zur heil-fördenden Selbst-ständigkeit).

....offensichtlich musstest Du ähnliche, unschöne Erfahrungen machen. Nun in "unserer Jugend" wurde das Thema sexuellen Mißbrauches (= Machtdemonstrationen mittels sexueller Übergriffe) schön unter den Deckmantel des Schweigens verdrängt. Ich hoffe, dass derartiges heutzutage nicht mehr möglich ist. Dafür werden Patientinnen leider anders paralysiert.... Aber ich beliebe abzuschweifen...

Ich freue mich sehr, dass meine Anfrage zu dieser wundervollen Rubrik geführt hat, die ich mit Spannung und Begeisterung verfolge. Da kann sagen, wer will.... aber unsere Berufswahl und Tätigkeiten sind Spiegel wie Symptom unserer Persönlichkeits-Entwicklung. Und ich finde es ungemein interessant in Anteilen miterleben zu dürfen, wie sich die faszienerende eugeniansche Fäustlings-Pflanze an den Hürden und Klippen Ihres Lebens schliff und rieb und stärkte, erkannte und zu stolzer Schönheit und Größe er-rankte ;))

Von Herzen Danke für diese Deine Offenheit und das Lesevergnügen!
Herzlichst: Natasha

Eugenie Faust - 2012/08/08 11:28

Jetzt habe ich mich doch glatt heftig verlesen: …und zu stolzer Schönheit und Größe er-krankte... ; )

Ja, von Missbrauch habe ich in meiner Kindheit und Jugend auch nichts gehört, noch nicht einmal was von bösen Onkels, die einen mit Schokolade oder sonst was verführen. Im zarten Alter von fünf habe ich so einen kennen gelernt. Ich glaube, ich bin sofort weggerannt, als ich diesen ekelhaften fetten weißen Penis anfassen sollte. So ganz genau weiß ich das aber nicht mehr.
Falkin - 2012/08/08 12:00

widerwärtig. Erschreckend die Parallelen. Doch vor dem Onkel mit den Bonbons wurde ich wiederholt gewarnt. Nicht vor jenen machtmißbrauchenden "Autoritätspersonen". So zum Beispiel nicht vor dem Oberstudienrat O. ... Junker O. .... ein gesetzter, ach so fürnehmer alter Herr, der ein Appartementhaus in einem Teil unseres Gartens bewohnte. Gerne suchte ich ihn auf. Ich lernbegierig. Er wissend. Ich viele Fragen. Er viele Antworten. So saß ich neben ihm und lauschte seinen Erklärungen, die immer neue Fragen schufen. Bis sich seine Hand in meinem Unterhöschen wiederfand. Er wolle nur schauen, ob ich dort schon Haare habe. Erklärte er. Mir. Die ich sechs/ sieben? war. Nach einer gelähmten Entsetzenssekunde verließ ich fluchtartig das Haus, rettete mich in die Arme meiner Mutter, die mich zunächst tröstete, bis sie den Grund meines Entsetzens erfuhr.. da wurde ich barsch zurückgewiesen nicht so einen Unsinn über den werten Herrn O. zu verbreiten. Natürlich sprach ich kein Sterbenswort mehr mit und miet ihn. Geschehen ist.s trotzdem.

Ungefähr zu der Zeit wurde unser Religionslehrer versetzt. Pfarrer Nedilco, oder ähnlich. Er - seines Zeichens ein ganz gestrenger und frommer Mann - hatte sich den beichtenden Buben genähert, indem er sie und gleichzeitg sich betatschte. Wie gesagt: versetzt. Schweigend. Nicht alles war früher besser.
Eugenie Faust - 2012/08/08 12:21

Die Reaktion bzw. die fehlende Reaktion auf den Übergriff, macht das ganze ja noch schlimmer! Ich habe erst gar nichts erzählt, keine Ahnung warum. Ich glaube ich fühlte mich irgendwie schuldig...
Eugenie Faust - 2012/08/08 12:23

so, jetzt muss ich aber mal wieder weiterschreiben : )

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4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
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Einfach nur mal so....
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Lo - 2015/12/04 09:15

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