VI - Berufliche Wege und Stationen 81-85

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V

Ich wollte auf jeden Fall etwas für meine Bildung tun. Also eruierte ich, was es so an einjährigen Ausbildungen gab. Auf dem Gesundheitssektor (vielleicht etwas weit ausgelegt) reizte mich Biokosmetik, und zwar an einer Schule, die besonderen Wert auf den theoretischen Unterbau legt. Ich hatte richtig Lust, mal wieder die Schulbank zu drücken und beispielsweise Anatomie und Physiologie zu lernen, sicher auch deshalb weil mir das so leicht fällt. Irgendwie habe ich da ein Programm in meinem Hirnkästchen vorinstalliert, denn obwohl ich nie Latein und Griechisch hatte, vergesse ich selten die korrekten Bezeichnungen und Zusammenhänge. Schon während der Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin glänzte ich in den Fächern Medizin und Neurologie. Zum anderen hatte ich auch einen starken inhaltlichen Bezug. Um in kürzester Zeit zu entspannen, betrieb ich nämlich die ganzen Jahre, nennen wir es, Instant-Wellness. Ich hatte eine ganzes Arsenal an Schaum- und Aromabädern, Lotions und Elixieren, Gesichtsmasken, Cremes, und und und, war also gern gesehener Gast in unserer Parfümerie.

Das Jahr an dieser Schule flog nur so dahin. Sämtliche schriftlichen und praktischen Prüfungen legte ich mit Bravour ab*, sodass der damalige Schulleiter, anstatt am Ende die mündliche Prüfung abzunehmen, mir eine Teilzeitbeschäftigung als Dozentin anbot. Sehr geschmeichelt, entschied ich mich trotzdem dagegen, da ich schon eine Praxisstelle hatte. Nur zweimal habe ich Unterrichtsvertretung gemacht und auch das dann ganz schnell beendet. Die Vermittlung der Praxis fiel mir zwar leicht, aber bei der Theorievermittlung bemerkte ich auf einmal ein gravierendes Defizit. Als ich nämlich den Begriff Desoxiribonukleinsäure in einen schwäbischen Satz einbauen wollte, war klar, das ging irgendwie gar nicht. Reines - naja fast - Hochdeutsch habe ich nämlich erst mit 37 Jahren zu sprechen begonnen, als ich nach Hamburg zog. Bis dahin war Hochdeutsch für mich Arbeiterkind eine affige Fremdsprache. Auch während meiner Schulzeit wurde wie selbstverständlich Dialekt gesprochen. Und mit dem sogenannten Akademiker-Schwäbisch war ich sowieso nicht vertraut. Dabei hätte ich wenigstens das für diesen Job gut gebrauchen können.

kosm

Während dem Berufspraktikum arbeitete ich im Kosmetiksalon einer ehemaligen Schülerin. Die Arbeit in der Kabine machte mir viel Freude. Ganz meiner vorherigen Profession getreu, lag mir viel daran, das Vertrauen vor allem junger Klienten mit Akne zu gewinnen, denn das ist bei diesem Problem schon mal die halbe Miete. Da der Salon in dem kleinen Ort zu wenig abwarf, war die Inhaberin leider gezwungen, ihr Geschäft aufzugeben.

Aus dieser Zeit ist mir ein Tag, an dem ich zwei gleichaltrige Kundinnen hintereinander auf der Kosmetikliege hatte, ganz besonders im Gedächtnis geblieben. Die erste Kunden trug einen blauen Faltenrock und eine weiße hochgeschlossene Bluse. Die akurate Haarspray-Frisur war dunkel gefärbt und wie geleckt, die Gesichtshaut beneidenswert glatt, und das mit Ende 50! Gleich im Anschluss kam die andere Kundin im legeren Freizeitlook. Sie hatte wild gelocktes, graumeliertes Haar und ein Faltenrelief, dem man Gelebtes, Lachen und Leiden ansehen konnte. Dreimal dürfen Sie raten, welche Frau jünger aussah.

Mehr aus persönlicherem Interesse besuchte ich in dieser Zeit dann noch das Seminar 'Heilkräuter-Essenz-Therapie', ein sinnliches Behandlungskonzept mit ätherischen Ölen, das der Schulleiter zusammen mit seiner damaligen Frau entwickelt hat, bevor er esoterisch abhob.

Ich wechselte also den Salon. Dort wurde ich unglücklicherweise überwiegend in der Verkaufsberatung eingesetzt, was nicht so mein Ding war, und ich vermisste die regelmäßige Arbeit in der Kabine sehr. Zudem ließ die finanzielle Lage des Geschäftes nur Teilzeitbeschäftigung zu. Daraufhin erwog ich nur kurz, mich selbstständig zu machen und verwarf die Idee mangels Rentabilität. Erneut fand ich eine Teilzeitstelle in einem sehr altertümlichen Kosmetiksalon. Die ebenfalls altertümliche Chefin stellte mir in Aussicht, eines Tages ihr Geschäft zu übernehmen. Bald wurde mir jedoch klar, dass man diese Frau mit den Füßen voran hinaus tragen muss, bevor es Platz für eine Nachfolgerin gibt. Also strebte ich den Wiedereinstieg als Heilerziehungspflegerin an.

*In meinem Abschlusszeugnis steht unter anderem: Frau Faust hat außerordentliche Fähigkeiten, den Beruf der Kosmetikerin mit viel Liebe und Geschick auszuüben. Durch Ihre schnelle Beobachtungs- und Auffassungsgabe führt sie jede Behandlung mit großem Erfolg durch. Gründlichkeit, Fleiß und eine hervorragende Begabung für ganzheitliches lebendiges Denken brachten Frau Faust ausgezeichnete Leistungen in den theoretischen Fächern ein. Ihr Fachwissen steht den praktischen Fähigkeiten in nichts nach, sondern ergänzt das Bild ihrer Begabung.

Fortsetzung
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Lo - 2015/12/04 09:15

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