24
Jul
2012

VII - Berufliche Wege und Stationen 85-86

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI

Personal gab es bei meinem früheren Arbeitgeber zu dieser Zeit genug, daher konnte ich mir den Bereich nicht aussuchen. Ich übernahm also erst mal wieder eine Mutterschaftsvertretung, und zwar im Schwerbehinderten-Bereich.

Nachdem ich realisiert hatte, dass sich der Geist von einst irgendwie ziemlich verflüchtigt hatte, stürzte ich mich mit Elan in die Arbeit. Die ehemalige Heilpädagogin, die so großen Wert darauf legte, dass man die Heimbewohner zur Selbstständigkeit fördert wo es nur geht, war inzwischen im wohlverdienten Ruhestand.

Die Gruppe mit sieben Jugendlichen hatte ganz unterschiedliche Schwerpunkte. Zum einen gab es sehr beobachtungsintensive Epileptiker, die medikamentös schwer einzustellen waren, zum anderen massiv Verhaltensgestörte, die viel Aufmerksamkeit verlangten. Dazwischen standen Behinderte, die im Lebenspraktischen, wie essen, waschen, an- und auskleiden, Toilettengänge usw. große Defizite hatten. Meines Erachtens wurde zu wenig Wert auf die Förderung gelegt. Da ich dies energisch zu ändern suchte, fühlte sich mein Kollegium bald etwas überfordert, was nach einer gewissen Zeit auch leichte Spannungen erzeugte.

In diese Zeit fiel zudem eine besondere Schwierigkeit: ein ca. 1,80 großer, kräftiger, hochgradig fremd- und autoaggressiver Jugendlicher mit Fluchttendenz und unvorstellbarer Zerstörungswut, kam von einem monatelangen Aufenthalt in der internen psychiatrischen Abteilung in den Gruppenalltag zurück. In der Psychiatrie wurde er nach strengen behavioristischen Grundsätzen therapiert, und uns oblag eine konsequente Fortführung des Begonnenen, d.h. beispielsweise punktgenaues Einhalten von Time-out und Fixierung nach katalogisiertem Fehlverhalten (meist Fremd- bzw. Autoaggressionen), was den Gruppenalltag massiv aus dem Gleichgewicht brachte und weibliches Personal besonders überforderte.

fix

Dass behavioristische Methoden zu dieser Zeit so stark favorisiert waren, lag einerseits an einem Psychologen, der zu diesem Thema promoviert hatte, andererseits an dem Trend, hochdosierte Neuroleptika als Dauermedikation zu vermeiden. Außerdem schien das Erleben schwerbehinderter Menschen für andere Methoden kaum zugänglich zu sein.

Jedenfalls war in kürzester Zeit klar, weshalb dieser Junge in der Psychiatrie war und eigentlich nach wie vor dahin gehörte. Wenn er aus dem Gleichgewicht war, und das war er häufig, trug er einen hinten mit Fixierknopf verschlossenen Spezial-Overall, der aus dem gleichem Gewebe war, aus dem auch Zwangsjacken gefertigt sind, da er normale Kleidung - ritschratsch - entzwei riss. Meistens steckte auch unser weibliches Kraftpaket in so einem Overall.

Wenn er begann, beispielsweise seine Handballen blutig zu beißen, bekam er mindestens 4 mm dicke Lederfäustlinge ohne Daumen (so ähnlich), die ebenfalls mit Fixierknöpfen verschlossen werden mussten. Time-out bedeutete, dass er so ausgestattet, von Stimulationen weitgehend abgeschirmt, für max. 15 Minuten in sein Zimmer eingeschlossen wurde, was natürlich alles höchstrichterlich abgesegnet war. Einmal vergaß die Stationshilfe nach dem Putzen das Fenster zu sichern, und Uli konnte entkommen. Der Schaden, der in der folgenden Viertelstunde in der Umgebung angerichtet wurde, belief sich auf mehrere 1000 DM.

Auch das Bett war in kürzester Zeit kurz und klein. Die 10. Matratze wurde irgendwann mit LKW-Plane bezogen. Doch auch die hat er eines Tages klein gekriegt, sodass er in seiner schlimmsten Phase lediglich auf einer dicken Holzplatte schlief. Die Platte akzeptierte er, weil sein Zimmer inzwischen komplett von oben bis unten gefliest und mit einem Abfluss ausgestattet werden musste, da er den Raum in vielen Nächten systematisch an allen erreichbaren Stellen voll urinierte, sodass sich der Bodenbelag wölbte und die Tapeten von der Wand fielen, von dem Gestank ganz zu schweigen. In den Fenstern war Panzerglas. Keine Gefängniszelle ist so trist.

Ausgeglichen konnte er direkt zauberhaft sein. Er war in der Lage, sich selbstständig zu waschen und anzuziehen, mit Messer und Gabel zu essen. Er verstand uns und sprach selbst überwiegend Zweiwortsätze, allerdings nur, wenn er Lust dazu hatte. Er konnte auch Wäsche sortieren und falten und Betten beziehen, doch auch dazu fehlte ihm meist die Lust. Viel lieber saß er auf einer Matratze mit Überblick in den Gruppenraum und schaukelte leicht summend vor sich hin, während er das Geschehen um sich herum genauestens beobachtete. Wenn ihn etwas aus der Ruhe brachte, und das war leicht der Fall, musste man auf der Hut sein.

So war es auch eines Tages wieder. Unglücklicherweise war ich für mehrere Stunden allein in der Schicht, weil wir massive Ausfälle durch Krankheit hatten, ein absolutes Unding eigentlich. Glücklicherweise hatte ich die meisten Heimbewohner schon zur Mittagsruhe in ihre Betten verfrachtet, als Uli begann, sich in die Handballen zu beißen. Konsequent wie ich nun mal bin, griff ich entschlossen nach den Lederhandschuhen, nachdem ich zuvor kurz einen Kollegen auf einer Nachbargruppe anrief, er solle bitte zeitnah einmal nach mir schauen. Als ich schließlich auf ihn zuging, stürzte er unvermittelt wie ein Berserker auf mich los, packte mich, riss mich nieder, und dann erlebte ich alles in Zeitlupe, wie er nach meinem linken Unterarm griff und fest und immer fester ins Handgelenk biss. Irgendwann ließ er von mir ab. Ich glaube, ich habe nicht einmal geschrien, saß einfach wie paralysiert. Es war ein Albtraum. Bald kam der Kollege und brachte ihn in sein Zimmer.

biss

Mein Handgelenk wurde auf der Krankenstation geschient und verbunden. Natürlich war auch eine Tetanusspritze fällig. Ein peripherer Nerv war lädiert. Erst nach drei Monaten verschwand das Taubheitsgefühl. Trotzdem war an eine Krankschreibung nicht zu denken. Ich wollte auch kein Weichei sein und mich durch so etwas unterkriegen lassen. Im Nachhinein wundert es mich heute noch, dass niemand, auch nicht die Heimleiterin, eine Psychologin, mal nachfragte, wie ich mit diesem Trauma klarkomme. Das war schließlich keine Kleinigkeit. Ich hätte mich wohl selbst rühren müssen, stattdessen rang ich in den folgenden Wochen so gut es ging aufkeimende Ängste nieder. Allerdings hatte ich meine Leichtigkeit verloren.

Weil die gespannte Atmosphäre anhielt, fiel mir die Entscheidung leicht, bis zu einer Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis eine angebotene Mutterschaftsvertretung auf einer anderen Gruppe wiederum im Schwerstbehinderten Bereich anzutreten. Auch dort gab es sehr auffällige Jugendliche, doch im Gegensatz zur vorherigen Gruppe, war dort Förderung groß geschrieben. Das lag überwiegend an dem Gruppenleiter, aus der Ära der Heilpädagogin und an der Kontinuität des Personals. Eine hohe Fluktuation der Mitarbeiter war gerade im Schwerbehinderten-Bereich sonst eher die Regel. Ich genoss es, meine Ideale verwirklicht zu sehen, auch wenn die Arbeit nicht leicht war, denn die Struktur dieser Heimgruppe hatte große Ähnlichkeit mit der vorigen.

Fortsetzung
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steppenhund - 2012/07/24 18:26

Meine Frau hat ja auch einmal 2 oder 3 Jahre auf einer psychiatrischen Klinik gearbeitet. Aber dort waren die Leute nicht aggressiv, zumindest war das kein Thema. Erhängt hat sich einmal einer, den sie dann in der Früh auf der Toilette entdeckte.
Das war schon der zweite, denn auf der Internen, wo sie früher gearbeitet hatte, gab es auch einmal einen ähnlichen Todesfall. Wobei das irgendwie verständlich war, denn die Exitusrate auf der Internen war ca. 50%. Die meisten Fälle waren Leukämie und Magen/Darmkrebs.
Aber es ist wahrlich unverantwortlich, jemanden allein werken zu lassen, wenn bekannterweise gefährliche Personen betreut werden müssen. Mich schüttelt es, wenn ich mir das vorstelle.

Eugenie Faust - 2012/07/24 18:44

Mich auch. Aber was soll man machen, wenn man kurzfristig niemanden herzaubern kann? Auch auf den Nachbargruppen gab es Spezialfälle mit hohem Betreuungsaufwand. Nicht nur wir hatten gleich 3-4 Fremd- und Autoaggressive. Als große regionale Einrichtung bekamen wir die schwersten Fälle. Behinderte mit Downsyndrom waren zunehmend die Ausnahme (außer sie waren verhaltensauffällig) und wurden von den Angehörigen lieber in anthroposophischen Einrichtungen untergebracht. Das kann ich auch gut verstehen.
Mahakala - 2012/07/25 10:43

Segufix: wer den Magneten hat, ist der König. ;-)

Eugenie Faust - 2012/07/25 11:36

Manche Erzieher erkennt man nur am Schlüssel. ; )
Kalinka (Gast) - 2012/07/26 02:16

Therapiert man heute auch noch so. Scheint ja nicht zum Erfolg zu führen. Was ist aus dem Uli geworden?
Eugenie Faust - 2012/07/26 08:37

Wenn ich das wüsste…
Kinkerlitzch3n - 2012/07/26 18:05

Das ist so furchtbar.
Die Patienten können sich ja nichtmal kratzen, wenn es juckt, das grenzt an Folter. Gleichzeitig muss man das Personal auch irgendwie schützen - eine vermaledeite Krux!
Ich glaube heute setzt man schon häufiger Netzbetten ein, weil das humaner ist. In Verbindung mit den gezeigten Overalls und Handschuhen müsste man die meisten Agressionshandlungen doch damit handeln können?
Möglicherweise fehlt mir aber auch die Fantasie, was Patienten da alles so anstellen.
Und ich weiß von einer Bekannten, die psychosoziale Krankenpflegerin ist, dass man trotz aller Vorsicht immer wieder mal einen gewaltigen Tritt durchs Netz oder ähnliches kassiert. *grusel*

Hattest du denn später noch Einschränkungen wg. dem Biss? Psychisch im Beruf mein ich.

Eugenie Faust - 2012/07/27 10:05

Das habe ich vielleicht missverständlich ausgedrückt, liebe Kinker. Die Lederhandschuhe gab es nur gleichzeitig mit Time-out für höchstens 15 min. und sollte nur zum eigenen Schutz vor Bisswunden sein, also lediglich die Autoaggression unmöglich machen. Bei uns auf der Gruppe wurde auch niemand als Patient betrachtet, schließlich war es deren Lebensraum, und insofern ist auch ein Aufenthalt in einem Netzbett eher schwer vorstellbar, da sie ja trotz der ganzen Schwierigkeiten weitgehend am Leben teilnehmen sollten.

Was deine letzte Frage anbelangt, es gibt noch Fortsetzungen! : )
Kinkerlitzch3n - 2012/07/27 21:04

Oh sorry, der Fehler lag bei mir. Ich hab leider nicht genau genug gelesen und bin dann bei der Agressionsthematik hängengeblieben.
Du hast ja geschrieben, dass der Junge nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie zurückkehrte. Dann muss er ja wieder soweit hergestellt gewesen sein, um am "normalen" WG-Alltag teilnehmen zu können.

Trotzdem ziemlich arg.
Eugenie Faust - 2012/07/28 10:24

"Dann muss er ja wieder soweit hergestellt gewesen sein."

Das war Wunschdenken auf allen Seiten. Aber in Wirklichkeit sah es so aus, dass er schlicht und ergreifend nur an die Maßnahmen, also Fixierung und Time-out, gewöhnt worden war. Mehr nicht! Keine Ursachenforschung, keine Erklärungen, keine Alternativen...

Heute würde ich mir wahrscheinlich wiederholt den Dokumentarfilm über den Pferdeflüsterer anschauen und in der Praxis erforschen, welche Erkenntnisse ich übertragen könnte. In dieser Richtung habe ich nämlich, ohne etwas darüber zu wissen, später Erfahrungen machen können. Das kommt noch! : )
Kinkerlitzch3n - 2012/07/28 14:38

Scheiße.
Auch keine wirksamen Medikamente? Ursachenfindung find ich sehr wichtig, nur manche Ursachen kann man ja nicht beheben, nur Symptome lindern.


Immer schön Cliffhanger anbieten, das kann sie, das Fäustchen. ;-)
Eugenie Faust - 2012/07/31 12:16

Liebe Kinker, Du musst noch etwas durchhalten!
Kinkerlitzch3n - 2012/07/31 12:22

Immer mit der Ruhe!!
Falkin - 2012/08/01 16:45

So jetzat aber. Hatte mich im Urlaub mit Eifon in twoday eingeschaltet und war sofort über die www-Liste auf Deine Beruflichen Wege und Stationen verwiesen, die ich seitdem Zeitpunkt wirklich gespannt gelesen habe. Nur mit dem Antworten übers Handy.... dazu bin ich wohl zu grobmotorisch und ungestüm.... habe ich mir Zeit gelesen.

Ich mag Deine Art zu schreiben sehr. Du schreibs sachlich und trotzdem sehr bewegt. Situationen und Personen werden spürbar, bunt und begreifbar geschildert. Und auch Du erschillerst darüber in vielen, bislang mir unbekannten Schattierungen und Farben.

Das ist ganz, ganz wunderbar zu lesen, liebe Eugenie! Täterätätäte ich mich auch als Buch kaufen...!


Eugenie Faust - 2012/08/02 08:42

Dass dir meine Art zu schreiben gefällt, haut mich fast um. Ich weiß schon, dass das nicht gerade meine Stärke ist. Aber nun freut es mich, dass ich mir in Zukunft eigentlich gar nicht mehr so den Kopf zerbrechen muss, ob das jetzt vielleicht hölzern ankommt...

Vielen Dank für deine Ermunterung und die Platzierung in der Bestsellerliste! ; )
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4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
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dus - 2015/12/09 10:19
Einfach nur mal so....
Schön, dass es diesen Blog immer noch gibt.
Lo - 2015/12/04 09:15

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