2
Aug
2012

VIII - Berufliche Wege und Stationen 86-90

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII

Nach sechs Monaten sollte ich nun also endlich unbefristet eine ausscheidende, langjährige Mitarbeiterin wiederum im Schwerbehindertenbereich ersetzen. Ich kannte fast alle der neun jungen Erwachsenen von damaligen Nachbargruppen und durch diverse Nachtwachen zwischen 1973 und 76 und freute mich darauf. Seinerzeit waren es natürlich noch Kinder, acht Jungs und ein Mädchen, die berühmt berüchtigte Alexandra!

Alexandra galt einst als schlimmster Fall der gesamten Einrichtung. Ich erspare Ihnen die grauenhaften Szenarien und Selbstverletzungen. In ihrer Hilflosigkeit entschieden sich Psychiater irgendwann für einen neurochirurgischen Eingriff - ein Experiment, mit dem man die unvorstellbaren Autoaggressionen in den Griff zu bekommen versuchte. Den Narben nach war es etwas Größeres, wahrscheinlich irgendetwas zwischen Lobotomie und stereotaktischer Operation, was weiß ich. Ich fand die Krankenakte diesbezüglich auffallend lückenhaft. Ein zweites „Experiment“, auch vor meiner Zeit, betraf unseren Herri, der eine zeitlang mittels Androcur kastriert wurde, weil er anscheinend der Heimleiterin an den Busen gefasst hatte. Ich gebe zu, dass man schon richtig Angst vor ihm kriegen konnte, aber eben auch vor drei weiteren Kandidaten dieser Gruppe, denen diese Behandlung erspart blieb.

Bei den meisten wurde inzwischen das Maximum an lebenspraktischen Fertigkeiten erreicht, und der Schwerpunkt war, jedem einen angemessenen Rahmen für sein So-Sein zuzugestehen und trotzdem einen einigermaßen reibungslosen Tagesablauf zu gewährleisten. Eine nicht ganz leichte Aufgabe, denn auch hier gab es unterschiedlichste Anforderungen zu meistern: starke Epileptiker mit latent drohendem Status epilepticus, und wie schon erwähnt, Autoaggressive, Aggressive und Tobsüchtige. Ein wichtiges Arbeitsinstrument war die geschärfte Beobachtungsgabe, da sowohl Epileptiker, als auch Erregte mit sogenannter Bedarfsmedikation in den Griff zu bekommen waren.

med

Wie bereits in der letzten Fortsetzung angesprochen, ging der Trend weg von der hohen Dauermedikation, die die Heimbewohner bisher in ihren Lernmöglichkeiten und Lebensäußerungen stark behinderte. Ich kann mich noch gut an die ruhig gestellten Zombies aus Anstaltszeiten erinnern, bei deren Anblick es einem trotzdem eiskalt über den Rücken lief. Ich glaube, besonders meine Beobachtungsgabe, eine klare und konsequente Natur ohne viele Worte und Intuition waren meine Stärken. Interaktionen mit Geri waren beispielsweise besonders riskant. Er hat mich gelehrt, eher beiläufig und ruhig zu agieren und Blickkontakt zu vermeiden. So entwickelte ich mich bald zur „Geri-Flüsterin“.

Schwerpunkt im Tagesablauf waren die Arbeit und Arbeitsversuche in der Werkstatt für Behinderte bzw. beim Arbeitstherapeuten. In der Freizeit unternahmen wir meist Spaziergänge in der Natur. Was von mir früher eher belächelt wurde, war in Anbetracht der Umstände die effektivste Möglichkeit, bei den Unruhigen Überschuss zu kanalisieren und die etwas Trägeren zu mobilisieren. Als kreatives Projekt haben zwei Kollegen und ich gruppen- und heimübergreifend eine Schwarzlicht-Theatergruppe mit schwerbehinderten Darstellern ins Leben gerufen. Was sich kaum einer vorstellen konnte, hat erstaunlich gut funktioniert. Das war eine tolle und kreative Phase, so recht nach meinem Geschmack.

schwli

Mein Engagement verhalf mir in kurzer Zeit zu einer führenden Rolle im Team. Und da im gesamten Bereich wieder klarere Hierarchien angestrebt wurden, wählten mich meine Kollegen in Absprache mit der Heimleitung zur Gruppenleiterin. Bevor ich die Leitung antrat, erwarb ich in mehreren Seminaren die Zusatzqualifikation zur Wohngruppenleiterin. Mit neuem Wissen ausgestattet, gelang es mir bald, beispielsweise die wöchentliche Gruppenbesprechung - eine ewige Baustelle in den allermeisten Teams – effizienter zu gestalten, quasi vom Kaffeeklatsch zum Ergebnisprotokoll zu gelangen.

Vor die Herausforderung einer progressiven Erkrankung* gestellt, wurde ich leider ausgebremst und war eines Tages gezwungen, meine berufliche Weiterentwicklung, diesem Umstand gerecht werdend, zu planen. Ich wollte weiterhin in der Einrichtung bleiben und für Behinderte oder / und deren Betreuer und Eltern arbeiten, aber eben überwiegend sitzend. Also strebte ich die Ausbildung zur Heilpädagogin an. Vom Arbeitsamt wurde mir jedoch mitgeteilt, dass ich mit diesem Krankheitsbild am Arbeitsmarkt nicht konkurrenzfähig sei, und die Maßnahme nur finanziert werden würde, wenn ich einen zukünftigen Arbeitsplatz nachweisen könne.

Ich sprach also an allerhöchster Stelle direkt bei unserem Monsignore, dem Direktor der Einrichtung, vor. Obwohl ein Heilpädagoge, auf dessen Stelle ich insgeheim spekulierte, schon ziemlich alt war, und trotz wohlwollender Anteilnahme und der Feststellung, dass ich eine Säule in der Behindertenarbeit sei, erhielt ich später einen abschlägigen Bescheid. Möglicherweise lag es, neben der tatsächlich schlechten Krankheitsprognose, an meinem für eine kirchliche Einrichtung skandalösen Lebenswandel. Ich hatte mich nämlich von meinem Mann getrennt, hatte ein Verhältnis mit einem wesentlich jüngeren Zivi und war außerdem aus der Kirche ausgetreten.

Nach einer Reha-Maßnahme verschlechterte sich mein Zustand fortschreitend, sodass ich den Gruppenalltag kaum mehr meistern konnte. Mir wurden dann einfach Verwaltungstätigkeiten in einem schicken kleinen Büro angeboten. Ich sollte vom gesamten Heimbereich die Dienstpläne nachrechnen und Entwicklungsberichte für die Kostenträger schreiben, weil ich das doch eh so gut könne. Tatsächlich habe ich ein paar Wochen durchgehalten. Doch das war definitiv nicht mein Arbeitsplatz!

*Zwischen 1980 und 1985 hatte ich eigentlich nur 2-3 relativ mild verlaufende Schübe mit überwiegend Sensibilitätsstörungen. Nach einem weiteren Schub mit ersten richtigen Lähmungserscheinungen, fingen dann aber bereits diverse chronische Beschwerden an, beispielsweise begann ich nach längeren Spaziergängen gangunsicher zu torkeln und zu stolpern. Bis dahin lebte ich ganz gut mit der Verdachts-Diagnose "Rückenmarksentzündung", weil ich es auch gar nicht so genau wissen wollte. Ganz anders der behandelnde Arzt, der wollte es nun wissen, und so ließ ich mich breitschlagen. Nach einer invasiveren Diagnostik wurde das Kind 1988 also endgültig getauft. Ich hatte es eh geahnt und war nicht überrascht. Bald fand ich heraus, dass die feststehende Diagnose einer unheilbaren Krankheit eher Nachteile hatte: hilflose Ärzte wollen einem unsinnige Therapien angedeihen lassen, wohlmeinende Mitmenschen kennen Menschen die das auch… und denen hat das geholfen, und das soll helfen, und und und. Und ich wollte einfach meine bis dahin verhältnismäßig beschwerdearmen Zwischenräume so normal wie möglich und unbehelligt leben und genießen. Und das habe ich weitestgehend auch getan.

Fortsetzung
2199 x aufgerufen - abgelegt unter Berufliche Wege und Stationen

Trackback URL:
http://eugenefaust.twoday.net/stories/viii-berufliche-wege-und-stationen-86-90/modTrackback

Teresa HzW - 2012/08/02 18:06

Oh Schreck, liebe Eugenie, jetzt hatte es mir doch den Nachmittag über die Sprache verschlagen!
In doppelter Hinsicht:
Einmal wegen der eindrücklichen Schilderungen all dessen, was Sie uns über die Menschen in diesen Einrichtungen nahe bringen.
Unweigerlich - ohne es tatsächlich zu wollen - kommen mir die Schilderungen von Martin Walser in den Sinn - aus seinem Roman "Muttersohn", in dem er in nur wenigen Textpassagen schildert, wie der Protagonist "Percy", ein Krankenpfleger, aufmerksam und liebevoll mit den Patienten des "fiktiven" [?] Landespsychiatrischen Krankenhauses umgeht, welche neuen Wege des Umgangs mit den Patienten er dort einschlägt.

Ihre Schilderungen gehen einem dagegen direkt und viel, viel eindrücklicher unter die Haut, eben weil man als Leserin weiß, dass sie nicht "fiktional" ausgedacht, sondern von Ihnen "real" erlebt [gewesen] sind.
Als Mit-Leserin Ihrer autobiografischen Schilderungen erspürt man, wie Sie mit Ihren Schützlingen liebenswert und wenn notwendig auch mit der liebevoll notwendigen Strenge umgingen...
Um so mehr hat es mich berührt, als ich von Ihrer Erkrankung las... dazu etwas zu schreiben, zumal hier an öffentlicher Stelle fehlen mir die Worte, um so mehr bewundere ich Ihren Mut! Was die nächsten 22 Jahre an Herausforderungen für Sie bringen, wie Sie mit dem einen oder anderen umgehen werden, dies lesender Weise mit verfolgen zu dürfen, darauf warte ich sowohl etwas bange wie auch voller gespannter Zuversicht!
Wie mutig von Ihnen, darüber zu schreiben!

Eugenie Faust - 2012/08/02 18:34

Weil ich schon damit gerechnet habe, dass ich manche/n meiner Leser/innen erschrecken könnte, habe ich mir die Entscheidung mit diesem Outing nicht leicht gemacht, zumal ich ja seit vielen Jahren hier quasi ein Doppelleben führen konnte. Leider kommt die Schilderung meines Werdeganges nicht ohne diesen Aspekt aus. Inzwischen durfte ich auch schon einige Blognachbarn persönlich kennen lernen, die seither eh um mich wissen. Ich bin überzeugt davon, dass diese Serie überwiegend von Menschen gelesen wird, die mir, so wie Sie, wohlwollend verbunden sind. Daher habe ich Ihnen dieses Wissen nun auch zugemutet. Hoffentlich lesen Sie trotzdem weiterhin unbeschwert, entspannt und neugierig weiter. : )
momoseven - 2012/08/02 19:23

:-x

Teresa HzW - 2012/08/03 08:59

Ja, natürlich!
Sie dürfen weiter auf mich zählen, liebe Eugenie!
Meine Lesefreude an Ihrem Blog, v.a. dieser Berufsstation[a]e[here]n Serie, ist ungebrochen!
Gespannt bin ich darauf, zu lesen, ob und in welche Richtung die Krankheit Ihnen neue Wege weist? Welche Weichenstellungen Sie dadurch vorgenommen!?

Insofern empfinde ich dieses - Ihr "Outing" - nicht als Zumutung, zumal einem eine unglaubliche Kraft aus Ihren Zeilen [und Ihrem Blog!] entgegen strömt [jedenfalls habe ich das vom ersten Augenblick an, als ich vor bald eineinhalb Jahren auf Ihr Blog "geriet", so wahrgenommen!].
Jetzt, da ich mich zum Kreis der "Eingeweihten" zählen darf, bin ich fast etwas "ehrfürchtig" vor dem, wie es weitergeht...

Einen wunderschönen, Sie inspirierenden Tag wünsche ich,
sehr herzlich vom subtropischen Neckarstrand grüßend
Ihre Teresa :-)
Eugenie Faust - 2012/08/03 11:57

Schön!

Ihnen ebenfalls einen lieben Gruß aus dem nicht minder tropischen Hamburg!
Teresa HzW - 2012/08/03 12:22

Nanu, ich dachte an der Waterkant weht immer eine "steife Brise" und die schwülfeuchte Hitze sei eher das Los der Süd[west]Deutschen :-o
Eugenie Faust - 2012/08/03 12:39

Ich gebe zu, das war sehr subjektiv. ; )
phyllis - 2012/08/06 09:29

Sie geben mir Mumm in die Knochen mit dieser Serie, Eugenie. Von Herzen Dank, dass Sie das teilen.

Eugenie Faust - 2012/08/06 10:20

Und Sie geben mir Schwung, die nächste Fortsetzung in Angriff zu nehmen. : )
logo

Eugenie Faust

Empfang

Herzlich willkommen

Gruppenraum

Im glad I now registered
Really....such a important site.
4rx (Gast) - 2017/04/10 15:13
ja.
ja.
dus - 2015/12/09 10:19
Einfach nur mal so....
Schön, dass es diesen Blog immer noch gibt.
Lo - 2015/12/04 09:15

Postfach

Dies ist ein nichtkommerzielles Privatprojekt. Daher besteht auch keine presserechtliche Relevanz. Kontaktdaten können bei wichtigen Anliegen unter meiner Mail-Adresse erfragt werden.

In Eugenes Akten stöbern

 


Status

Online seit 3983 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 2017/04/10 15:13

A - Flashmob
About
Alle Jahre wieder
Älter werden
Amüsantes
Aufgeschnappt
Aus der geschätzten Nachbarschaft
Aus Psychologie und Soziologie
Basteleien
Bauen
Berufliche Wege und Stationen
Bewegte Bilder
Bewegte Bilder A
Bewegte Bilder B
Bewegte Bilder M
Bewegte Bilder W
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren