XI - Berufliche Wege und Stationen 95-98

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII, Teil VIII, Teil IX, Nachtrag zu IX, Teil X

Natürlich habe ich nie bei einer Erotikhotline gearbeitet. Eine Freundin vermittelte mir jedoch 1995 nach dem Tod meines aidskranken Freundes im Rahmen der Hinzuverdienstgrenzen einen Minijob bei der sogenannten Kündiger-Rückgewinnung von Gruner & Jahr, also im aktiven Telefonmarketing eines aufstrebenden Callcenters. Etwa ein Jahr später reaktivierte ich die Spendierlaune von Greenpeace-Fördermitgliedern. 1997 durfte ich dann endlich ins passive Telefonmarketing wechseln und zwar zuerst in das Servicecenter von Bofrost, später in den Spiegel-Abonnentenservice. Außerdem wurde ich in den Betriebsrat der Firma gewählt.

Eines Abends, ich erinnere es wie heute, wartete ich nach der Abendschicht auf den Fahrstuhl, als mich blitzartig und scheinbar aus heiterem Himmel ein Gedanke überfiel – wahrscheinlich getriggert durch die beiden Studenten, die mit mir im Betriebsrat saßen und den vielen die neben mir telefonierten: Warum sollte ich nicht auf meine alten Tage hin (ich war 43 Jahre alt) ein Studium ins Auge fassen? Schließlich gab es auch noch andere sitzende Tätigkeiten, die vermutlich mehr meiner Begabung entsprechen und meiner Neigung sowieso.

aufzug

Es muss doch für „spätberufene Psychologinnen“ einen gangbaren Weg geben, auch ohne vorher langwierig das Abitur nachzuholen. Unmittelbar fühlte ich, dass dies ein sehr ernsthafter und überaus gewichtiger Anfangsgedanke war, der richtig viel Energie im Gepäck hatte.

Schon wenige Tage später fand ich mich in der Universität vor den Informationsbroschüren wieder, und dort entdeckte ich wie ferngesteuert meinen Weg: Damals § 31a des Hamburgischen Hochschulgesetzes. Kaum hatte ich alles durchgelesen, saß ich auch schon an meiner Bewerbung. Im Haushalt gab es weder Computer noch Schreibmaschine, aber meine Nachbarin stellte mir ihre zur Verfügung. Jetzt musste ich nur noch die paar Monate bis zum Bewerbungszeitraum überbrücken und danach noch weitere bis zu den Klausuren und schließlich bis zur mündlichen Prüfung. Außerdem musste ich noch ein Gespräch mit einem Professor des angestrebten Studienfaches führen.

Zur Vorbereitung der Klausuren, auf die man sich eigentlich gar nicht vorbereiten konnte, da die jeweiligen Themen nie bekannt sind, abonnierte ich erst einmal eine gute Wochenzeitung. Außerdem wählte ich mein Fernsehprogramm sorgfältiger aus, denn ich wusste zumindest, dass die erste Klausur immer ein gesellschaftliches Thema behandelt und die zweite ein Thema aus dem beruflichen Umfeld. Also habe ich diese Zeitung immer komplett vom ersten bis zum letzten Wort durchgelesen. Und was das Thema aus dem beruflichen Umfeld anbelangte, fühlte ich mich allein durch mein Engagement im Betriebsrat ganz gut vorbereitet. Für jede Klausur hatte man 3 Stunden Zeit. Alles lief super.

Geradezu brillant lief die mündliche Prüfung, obwohl der Tag mit Schwierigkeiten begann. Man will ja gut aussehen an so einem Tag. Also mussten es die Schühchen mit den Ledersohlen sein, denn die passten am besten zum Wohlfühloutfit. Dass das ein Fehler war, erkannte ich leider erst als ich fast unten auf der Straße stand. Sie war komplett mit Neuschnee bedeckt. Was tun? Meine Energie reichte krankheitsbedingt nicht mehr für die 80 Stufen nach oben zum Schuhe wechseln und wieder 80 Stufen nach unten. Also habe ich meine Nachbarin* rausgeklingelt, sie solle mir bitte ein Taxi rufen und mich danach am Arm bis zur Beifahrertür begleiten. Leider gab es vor dem Hauptgebäude der Uni in der vorlesungsfreien Zeit kein Parkmöglichkeit, doch der Taxifahrer war unglaublich nett und stellte sein Gefährt einfach mit Warnblinke auf der sechsspurigen Edmund Siemens Allee ab und geleitete mich sicher über den gesamten Vorplatz.

uni

Ich war so glücklich und geradezu euphorisiert, als ich wohlbehalten im Gebäude stand. Jetzt konnte einfach nichts mehr schief gehen. Meine Ausstrahlung war entsprechend, und die mündliche Prüfung konnte gar nicht besser laufen. Zum krönenden Abschluss hielt ich meine Note in der Hand, mit der ich mich bei der ZVS um einen Studienplatz bereits für das kommende Semester bewerben durfte. Der Notendurchschnitt aus den Klausuren, der Bewerbung und der mündlichen Prüfung (in meinem Fall 1,2) zählt wie eine Abiturnote und unterliegt genauso dem gewohnt strengen NC für Psychologie.

Knapp ein Jahr nach dem beflügelnden Anfangsgedanken hatte ich also meine Studienberechtigung.

Fortsetzung
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