TEIL III: METHODEN
Wahl der Forschungsmethode
Kein Zweifel bestand dahingehend, dass für das vorliegende Forschungsvorhaben nur eine qualitative Untersuchungsmethode infrage kommt. Allein schon die nicht repräsentative Stichprobe und deren Größe, die mir mit meinen Mitteln zur Verfügung stand, macht ein quantitatives Verfahren schlecht möglich. Von Stichprobe kann man bei qualitativen Verfahren außerdem gar nicht reden. Interessiert einen Forscher weniger die Verteilung von Merkmalen in der Bevölkerung, sondern warum Menschen bestimmte Verhaltensweisen zeigen, wählt er eine Methode, die ihm „Struktur und Dynamik sozialen Handelns auf der Mikroebene“ erschließt und „einen tiefenscharfen Bildausschnitt liefert.“ (BOCK, 1987, S.92)
Mit Ausnahme der wenigen US-amerikanischen Studien im Swing*rmilieu, die schwerpunktmäßig Paare im Fokus hatten, handelt es sich hier um eine bisher nicht untersuchte Personengruppe. Deshalb gibt es kein wissenschaftliches Material über Frauen, die alleine in Swing*rclubs gehen, und es ist somit kaum möglich, ernsthafte Hypothesen zu formulieren und diese statistisch zu überprüfen. Daran wäre allenfalls nach Abschluss dieser Studie zu denken, wenn sie beispielsweise als Basis für die Entwicklung eines Fragebogens für eine größere und repräsentative Stichprobe herangezogen würde. KLEINING sagt dazu, dass qualitative Forschung in der Forschungspraxis auch früher als quantitative anzusetzen ist. Sie müsse in jedem Fall der quantitativen Forschung vorausgehen, brauche aber nicht von ihr gefolgt zu werden. „Wenn sie einen Gegenstand erklärt, so hilft eine Quantifizierung nicht; erklärt sie ihn nicht, so kann quantitative Forschung den Fehler auch nicht ausgleichen. Qualitative Analysen können also ohne Quantifizierung auskommen. Das Umgekehrte ist nicht der Fall. Die quantitative Forschung braucht die Vorstufe der qualitativen, ohne die sie Gefahr läuft, Sinnlosigkeiten zu produzieren, deren Vermeidung ja gerade die Aufgabe der qualitativen Forschung ist.“ (KLEINING, 1982, S.256)
Allgemeines zur qualitativen Forschung nach KLEINING
Nachfolgend wird der qualitative Forschungsprozess exemplarisch mit seinen Prinzipien und Regeln nach KLEINING skizziert.
Qualitative Sozialforschung ist die Herauslösung und Systematisierung der Entdeckungstechniken aus den Alltagsverfahren: Experimentieren, Beobachten und Befragen. Ihre Hilfswissenschaft ist die Heuristik. „Qualitative Heuristik soll Probleme entdecken und die Verhältnisse aufklären, die zu ihnen führen“ (KLEINING, 1995, S.226). Diese Kernaussage, die die Sozialforschung als „Entdeckungsverfahren“ definiert, erklärt auch die Anwendung qualitativer Methoden für die vorliegende Untersuchung. Ziel ist eben nicht, eine theoretische Annahme zu überprüfen oder bereits bekannte Fakten neu zu interpretieren, sondern einen bislang unbekannten Gegenstand der Wissenschaft zugänglich zu machen, zu „ent-decken“. Die grundsätzliche Basis der Forschung ist dabei der wechselseitige Austausch zwischen dem Forschenden und dem Beforschten.
Die Regeln
Dabei sind vier Regeln zur methodologischen Haltung des Forschenden zu beachten, auf die kurz eingegangen werden soll.
1. Offenheit der Forschungsperson
Der Untersuchende muss sich bewusst sein, dass die eigenen Vorannahmen und theoretischen Konzepte den Blick auf den Forschungsgegenstand beeinflussen und die Akzeptanz von Ergebnissen und Erkenntnissen erschweren können. Krisen können dann eintreten, wenn dem Forscher das Forschungsthema ungeeignet, zu schwer oder auch zu banal vorkommt, oder wenn widersprüchlichen Daten das eigene Selbstverständnis herausfordern. JAEGGI, FAAS UND MRUCK (1998) merken dazu an: „Die Schwierigkeit, eine einmal gefundene ‚schöne’ Gestalt zugunsten einer größeren Erklärungsreichweite wieder aufzugeben, ist verständlich, weil sie meist mit hochkomplexer Gedanken- und Gefühlsarbeit verbunden ist.“ (S.7). Für diesen Fall legt KLEINING nahe, die eigene Einstellung zum Gegenstand offen und kritisch zu überprüfen. (1995, S.231-233)
2. Offenheit des Forschungsgegenstandes
Die entdeckende Forschung geht davon aus, dass der zu beforschende Gegenstand noch nicht bekannt ist, also noch nicht genau festgelegt oder definiert werden kann. Er ist also offen. Explorative Sozialforschung beginnt mit Ideen. Das Vorverständnis, welches nach Regel 1 disponibel gehalten wird, führt nach erfolgreichem Abschluss des Forschungsprozesses dazu, dass der Forschungsgegenstand seine wahre Gestalt zeigt. Dabei kann es vorkommen, dass er sich nicht nur in einem anderen Licht darstellt, sondern gänzlich geändert hat. Der Forschende ist also aufgefordert, der Entwicklung des Forschungsgegenstandes zu folgen und ihn als vorläufig zu begreifen. Mit der fortschreitenden Auswertung wird sich ein zunehmend stärker konturiertes Bild des Gegenstandes einstellen, weil immer mehr Perspektiven berücksichtigt werden (KLEINING, 1995, S.233-236).
3. Maximale strukturelle Variation der Perspektiven
Der Forschungsgegenstand soll nach dieser Regel aus vielen, nicht nur aus gegensätzlichen, sondern möglichst „allen“ Perspektiven betrachtet werden. Diese haben alle die gleiche Wertigkeit. Auch gibt es keine richtigen oder falschen Perspektiven. Die Entdeckung des Gegenstandes hängt maßgeblich davon ab, in welchem Umfang variiert wird. „Wann immer von einem Faktor ein Einfluss auf die Ergebnisse vermutet werden kann, muss dieser Faktor variiert werden“ (KLEINING, 1995A, S.27). Hierbei geht es um die Zusammenstellung von Sichtweisen, die durch die Befragung unterschiedlicher Personengruppen, durch Lektüre, durch Variation in der Struktur der Stichprobe usw. gewonnen werden können. „Ein möglichst breites Spektrum von Gesichtspunkten ist deswegen nützlich, weil es den Weg zur Erkenntnis des Gegenstandes abkürzt und Forschungszeit spart“ (KLEINING, 1995, S.237).
4. Analyse auf Gemeinsamkeiten
Das Finden der Gemeinsamkeiten oder ‚Identitäten’ in den Daten ist der schwierigste Vorgang der qualitativ-heuristischen Forschung, weil es der Alltagspraxis, die auf Erkennen und Bewerten von Unterschieden abzielt, widerspricht. In einem ersten Schritt werden die Daten, deren Erhebung nach Regel 3 maximal variiert wurde, hinsichtlich ihrer Ähnlichkeiten und Analogien gruppiert. Wesen und Struktur des Gegenstandes lassen sich dadurch näher bestimmen. Sind die Gemeinsamkeiten herausgefiltert, wird das Unterschiedliche erkennbar. Besonderheiten fallen nicht aus der Analyse heraus, denn „0% der Informationen dürfen der Analyse widersprechen“ (KLEINING, 1995A, S.33). Identitäten stellen sich durch direkte oder symbolische Übereinstimmung oder durch vollständige Nicht-Übereinstimmung als Gegensatz, Widerspruch oder Negation dar. Formal-logisch ist die Nicht-Übereinstimmung nicht relationsstiftend. Aus diesem Grund bedient sich der Forscher dialektischer Denkweisen. Aktivität und Passivität sind beispielsweise Nicht-Identitäten, gehören aber beide zu einer Dimension.
Die Prinzipien
Über diese vier Regeln hinaus beschreibt KLEINING Prinzipien, die den Prozess viel mehr in seiner Dynamik darstellen.
Das Dialogkonzept
Das Dialogkonzept beschreibt eine Frage-Antwort-Abfolge, bei deren Wechselspiel zwischen Subjekt und Objekt Information verlangt, erhalten, aufgenommen, bewertet, verarbeitet und an das Gegenüber zurückgegeben wird. Fragen und Antworten gehen aus einander hervor, führen den Gedanken fort, und eine neue Einheit entsteht aus einer früheren. Die Gesprächspartner sind gleichwertig, da sich die Rollen fortwährend ändern: Auf eine Frage erfolgt eine Antwort, aus deren Kontext sich die nächste ergibt. „Dadurch schreitet der Gedanke fort, weil Antwort gleichzeitig Frage und Frage gleichzeitig Antwort ist, er entwickelt sich, hat am Ende einen anderen Charakter als zu Beginn“ (KLEINING, 1995A, S.36). Das Dialogkonzept schließt ein, dass der Forscher sein Vorverständnis laufend anpassen muss, wodurch die Offenheit gegenüber dem Forschungsgegenstand gefördert wird. Durch anhaltende Anpassung tastet sich der Forscher zur Struktur des Objektes vor. Dabei sollen unerwartete und ungewöhnliche Informationen besonders willkommen sein, da sie eine Diskrepanz zwischen dem Vorverständnis des Forschenden und der Struktur des Gegenstandes aufzeigen, und somit einen Hinweis dafür bieten, wo das „Wissen“ zu verändern oder zu erweitern ist. Das Dialogkonzept führt dazu, dass sich die Struktur des Forschers schrittweise an die des Gegenstandes annähert.
Zirkularität
„Zirkulär ist eine Denkweise, wenn sie zur Erzielung eines Resultates dieses Resultat schon voraussetzt. Zirkulär ist eine Strategie, wenn sie zum Ausgangspunkt zurückführt. Qualitative Sozialforschung ist in beidem Sinne zirkulär“ (KLEINING, 1995A, S.39). Suchprozesse werden durch Antizipation von Ergebnissen in Gang gesetzt. Hierbei handelt es sich um systematisches Suchen nach Strukturelementen und Teilrelationen, deren Vollständigkeit durch die maximale strukturelle Variation der Perspektiven gewährleistet wird. Der Suchprozess kann an beliebiger Stelle begonnen werden, da zwingend alle Daten aufgeklärt werden müssen. Nach der Entdeckung aller Strukturelemente kommt der Forschende zwangsläufig wieder am Ausgangspunkt an. „Das Ende der Analyse ist erreicht, wenn durch weitere Variation der Perspektive neue Daten nicht mehr erzielbar sind und alle Informationen in den Strukturzusammenhang sich einfügen“ (KLEINING, 1995A, S.40). Der Forschungsgegenstand stellt sich erneut dar, „aber in einem neuen Licht, nämlich im Gesamtbezug.“ (ebd.)
Totalität
Totalität beschreibt das Verhältnis aller Teile zum Ganzen. „Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile, nämlich nicht nur deren bloße Addition, aber die Teile sind auch mehr als nur Elemente oder Fragmente, nämlich Teile eines Ganzen“ (KLEINING, 1995A, S.41). In der qualitativen Sozialforschung ist mit Totalität ein Prozess gemeint, der aus Teilen besteht und auf Teile zurück wirkt, die sich daraufhin in neuem Licht oder neuer Gliederung darstellen. „Die Teile als Teile des Ganzen am Ende einer Analyse sind zwar Teile, aber nicht notwendigerweise dieselben Teile wie zu Beginn. Man könnte sagen, am Ende sind es die ‚richtigen’ Teile, die sich aus der Struktur des Ganzen ergeben und es formen.“ (ebd.)
Der Objektivitätsbegriff
Objektivität entsteht erst im Verlauf des Forschungsprozesses. Zu Beginn ist die Forschung subjektiv, da der Forscher zwar Teile der Realität erfasst, welche aber beliebig von ihm ausgewählt werden. Erst der erfolgreiche Abschluss der Analyse deckt die Struktur des Forschungsgegenstandes auf und ist intersubjektiv, d.h. unabhängig von der subjektiven Meinung des Forschers und aller anderen Subjekte. Objektivität in der qualitativen Sozialforschung ist demnach nicht außersubjektiv, sondern im speziellen Forschungsgegenstand enthalten.
Die Forschungsstrategien
Durch drei heuristische Strategien wird der Gang der Forschung gesteuert: Sie finden erst im Verlauf des Forschungsprozesses ihre Anwendung, wenn erste Daten und Analyseteile bereits vorliegen.
Maximierung – Minimierung
Die Strategie der Maximierung / Minimierung passt den Aktivitätsgrad eines experimentellen Verfahrens an und zielt darauf ab, Besonderheiten des Datenmaterials und die Verhältnisse, die sie zu bestimmen scheinen, zu erkunden. Dies geschieht je nach Forschungslage durch allmähliche Verstärkung oder/und allmähliche Reduzierung. Forschendes Handeln wird intensiviert, das Vorgehen wird vielleicht vorsichtig unkonventioneller, oder der Forschende nimmt sich selbst zurück. (KLEINING, 1995, S.264)
Testen der Grenzen
Jeder soziale Forschungsgegenstand hat „seinen Ort“ und „seine Zeit“, das heißt er ist gesellschaftlich und historisch. ‚Testen der Grenzen’ bezeichnet also die Bestimmung des Bereichs, dem der Forschungsgegenstand zugehört und berücksichtigt soziale und gesellschaftliche Umstände. (KLEINING, 1995, S.265)
Anpassung der Gedanken an die Tatsachen
Die Formulierung „Anpassung der Gedanken an die Tatsachen“ stammt von ERNST MACH (vgl. MACH, 1980). Ebenso wie in den Regeln 1 und 2 geht es hier um „Offenheit“, nicht aber um die dort beschriebene allgemeine Offenheit, sondern um die Offenheit, die gefordert ist, wenn bei Besonderheiten die allgemeine Offenheit nicht mehr ausreicht. Die Idee, die dieser Strategie zugrunde liegt, besagt, dass im Subjekt-Objekt-Verhältnis eine Veränderung eintritt, wenn sich der Forschende auf den Forschungsgegenstand zu bewegt.
Wahl des Forschungsinstruments
Die Wahl des Forschungsinstruments innerhalb der qualitativen Methode stellte sich zunächst nicht so einfach dar, denn eine Fülle an strukturierten und weniger strukturierten Interviewtypen steht zur Auswahl. Nach eingehendem Studium wurde speziell für dieses Thema schließlich das ‚Narrative Interview’, das ‚Tiefeninterview’, und die Methode ‚Das Persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung’, in die engere Auswahl genommen. Letztgenannte Methode wurde von Professor INGHARD LANGER an der Universität Hamburg entwickelt.
Das narrative Interview
Das narrative Interview wurde maßgeblich von SCHÜTZE (1978) im Zusammenhang mit lebensgeschichtlichen Fragestellungen entwickelt und ist die zentrale Methode in der Biografieforschung. (LAMNEK, 1995, S.71) Oftmals werden die Begriffe narratives Interview und biografisches Interview identisch benutzt.
Für das narrative Interview spricht vor allem, dass es im Vergleich zu anderen Befragungsmethoden offener ist, sowohl für den Interviewer als auch die Befragten. Es ist möglich, zusätzliche Informationen über die Befragten zu gewinnen, die man durch standardisierte Befragungen oft nicht erhalten kann. Diese zusätzlichen Informationen sind vor allem solche, an die man bei der Konzeption nicht von vorne herein dachte. Vor allem ganz spezifische und individuelle Probleme der Befragten können damit sichtbar gemacht werden. Das bereits angesprochene Prinzip der Offenheit fordert ja, die theoretische Strukturierung des Forschungsgegenstandes zurückzustellen, bis sich diese durch die Forschungssubjekte selbst herausgebildet hat. Hier besteht natürlich die Gefahr, sich vor und auch während der Forschungssituation zu wenig Gedanken über die Strukturierung beziehungsweise Hypothesenbildung zu machen, da diese sich mehr oder weniger durch die Befragten selbst ergeben soll.
Beim narrativen Interview sollen möglichst wenige Fragen gestellt werden, vielmehr sollen die Befragten dazu gebracht werden, von sich aus zu erzählen. Den Anstoß dazu bildet die sogenannte ‚erzählgenerierende’ Frage. Ihrer Formulierung wird große Bedeutung beigemessen, denn sie soll der einzige Erzählanstoß hinsichtlich der Forschungsfrage bleiben. (GLADZIEJEWSKI, 2003, S.21) Der Interviewer hat im weiteren Verlauf maximal die Funktion eines Stichwortgebers oder muss eventuell durch eingestreute Fragen dafür sorgen, dass der Erzählfluss nicht abreißt und die Befragten nicht allzu sehr vom Thema abweichen. Zur eigenen Vorbereitung kann es zwar sinnvoll sein, einen Fragenkatalog zu erstellen, doch soll dieser nicht standardmäßig oder gar in einer bestimmten Reihenfolge durchgegangen werden, denn die logische Struktur des Interviewers unterscheidet sich von der der Befragten.
Die Methode des narrativen Interviews bringt den Erzählenden dazu, immer neue Informationen mitzuteilen. Während des Erzählens ist es nur schwer möglich, bestimmte Aspekte der Geschichte auszulassen oder entscheidend zu verändern, ohne dass dies zu Unstimmigkeiten führt. Aus diesem Grund kommen sozial unerwünschte oder tabuisierte Handlungen, die den Erzählenden peinlich berühren auch leichter zur Sprache. (LAMNEK, 1995, S.72).
Das Tiefeninterview
Für das Tiefeninterview spricht, dass unbewusste und nur schwer erfassbare Motive und Einstellungen untersucht werden können. Bei dieser Variante des Interviews wird versucht, Bedeutungsstrukturen zu ermitteln, die dem Befragten möglicherweise selbst nicht bewusst sind, beziehungsweise die er nicht klar artikulieren kann. (LAMNEK, 1995, S.81) „Das Tiefeninterview ist ein langes und intensives Gespräch zwischen Interviewer und Befragten über vorgegebene Themen, das der Interviewer in weitgehend eigener Regie so zu steuern versucht, dass er möglichst alle relevanten Einstellungen und Meinungen der befragten Person zu diesen Themen erfährt, auch wenn es sich um Aspekte handelt, die der befragten Person bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht klar bewusst waren.“ (SALCHER, 1995, S.44).
Dies geschieht auf der Basis theoretischer Vorstellungen des Forschers. Zumeist ist dies die Psychoanalyse. (LAMNEK, ebd.) Es geht dabei darum, qualitative empirische Forschung mit einer psychoanalytisch-hermeneutischen Verstehensweise zu kombinieren, um die psychosoziale Dimension herauszuarbeiten. (BOCK, 1987, S.90) Das setzt allerdings einen gut geschulten Interviewer voraus, der versucht, an diese tiefer liegenden Informationen zu gelangen, indem er das Gespräch durch bestimmte Techniken unauffällig lenkt, um dadurch psychologische Zusammenhänge aufzuklären und Ursachen für Verhalten, Motive und Einstellungen zu finden. Dadurch, dass der Interviewer mit seinen Warum-Fragen immer tiefer gehen kann, gestattet das Tiefeninterview, nach Dingen zu fragen, die man zum Zeitpunkt der Fragestellung noch gar nicht kannte.
Ein weiteres Problem kann das Tiefeninterview lösen oder reduzieren: Das Ausweichen des Befragten oder die Antwortverweigerung bei unangenehm erlebten Fragen oder bei befürchteter Bloßstellung. Beim sensiblen Themenbereich Sexualität wird eine direkte Fragestellung möglicherweise als zu hart oder provokativ empfunden, sodass die Befragten vielleicht kaum eine ehrliche und offene Antwort geben. Dieses Problem wäre im Rahmen einer tiefenpsychologischen Gesprächsführung stark reduziert. Durch die Möglichkeit, sich durch bestimmte Techniken an ein Thema heranzutasten, sich einem intimen Problem auf mehreren Wegen zu nähern, oder auf einen kritischen Aspekt an mehreren Stellen zu sprechen zu kommen, könnten vielleicht auch dort ehrliche Antworten erzielt werden, wo man dies mit anderen Forschungsmethoden nicht erreichen kann.
So angemessen das klingt, musste ich mir jedoch eingestehen, dass ich zum einen weder die Schulung habe, die mich in die Lage versetzen würde, die dafür notwendigen Fragetechniken souverän anzuwenden, noch die tiefenpsychologische beziehungsweise psychoanalytische Ausbildung, auf deren Grundlage die verbalen Daten anschließend analysiert werden. Zum anderen hätte es einer stärker eingegrenzten und noch gezielteren Fragestellung beispielsweise hinsichtlich der Motive bedurft.
Das ‚Persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung’
Für das ‚Persönliche Gespräch’ spricht vor allem das dahinter stehende Wissenschafts- und Menschenbild, ein nicht unerheblicher Aspekt, wenn das Erleben und Verhalten von Frauen erhoben und wissenschaftlich auswertbar beschrieben werden soll, die – zumindest aus gesellschaftlicher Perspektive gesehen – eher ungewöhnliche Wege beschreiten, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Denn im Mittelpunkt steht hier zuerst einmal die Sensibilität des Themas. „In sexualwissenschaftlichen Studien hängt die Qualität der Daten in entscheidender Weise davon ab, inwieweit es gelingt, in der Erhebungssituation eine belastbare Arbeitsbeziehung zu dem Interview-Partner oder der Interview-Partnerin aufzubauen und ihn oder sie für eine Mitarbeit zu gewinnen. Niemand wird freimütig, offen und wahrhaftig sein (oder ihr) sexuelles Erleben im Interview preisgeben, der unsicher ist, wem gegenüber er diese Angaben macht und was damit geschieht; niemand der sich sorgt, ob sein Bericht über (...) das sexuelle Verhalten (...) der ‚Norm’ entspricht und möglicherweise als abnorm abqualifiziert zu werden Gefahr läuft; niemand, der Bloßstellung oder auch nur verlegene Reaktionen des Befragers befürchtet.“ (AHLEMEYER, 2002, S.38).
Die Methode des ‚Persönlichen Gesprächs hat Ähnlichkeiten mit eher unstrukturierten Interviews, wie den bereits erwähnten Interviewtypen, wobei LANGER deutlich zwischen Interview und Gespräch unterscheidet. Ein Interview ist durch eine eindeutige Rollenverteilung gekennzeichnet. Der Interviewer fragt sachlich-neutral, hält sich mit eigenen Anmerkungen zurück und ist maximal Stichwortgeber. Die andere Person gibt darauf bezogene Informationen. Dadurch bleibt die das Interview führende Person ihrem Gegenüber eher fern und verschlossen. „Jegliche persönliche Preisgabe von Seiten der interviewführenden Person gilt als Beeinflussung der erzählenden Person und damit als potentielle Verfälschung dessen was sie ‚ursprünglich’ erzählen wollte oder sollte. Eine so strukturierte Situation zwischen zwei Menschen begrenzt jedoch die Möglichkeiten eines vertrauten Austausches in starkem Maße.“ (LANGER, 2000, S.32).
Im persönlichen Gespräch dagegen wird versucht, diese Rollenverteilung aufzuheben. Das Ziel ist ein gleichberechtigtes persönliches Gespräch im vertrauensvollen Kontext und ein einfühlsames Verstehen des Gesprächspartners. Dieser erhält möglichst viel Freiraum, um auf ihm wichtige Aspekte eingehen zu können. Der Wissenschaftler selbst ist in diesem Setting ein Lernender mit einer wertschätzenden offenen Grundhaltung. Er wird trotzdem versuchen, möglichst wenig Fragen zu stellen, um dem Gegenüber viel Freiraum zu ermöglichen, die durchlebten Erfahrungen zu reflektieren.
Mitentscheidend für die Wahl des ‚Persönlichen Gesprächs als Weg in der psychologischen Forschung’ ist auch die integrierte praktische Anleitung für das Erstellen einer Forschungsarbeit. „Die vorliegende Darstellung (...) ist so aufgebaut, dass sie von Studierenden auch als ‚Anleitung zu Forschungsuntersuchungen von Gesprächen’ genutzt werden kann“ (S.10). Die Methode ist also weit mehr als ein Forschungsinstrument. Es handelt sich um eine komplette Methode, die sich stark am Rahmen und an den Möglichkeiten einer Diplomarbeit orientiert. Wie im eingangs skizzierten Prozess nach KLEINING bereits anklingt, ist im Bereich qualitativer Forschung nach JAEGGI et al. „eine Tendenz zur Verregelung zu verzeichnen.“ (1998, S.3)
Darstellung der Methode: Das Persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung (LANGER)
Als Wegbereiter der Methode des ‚Persönlichen Gesprächs’ nach INGHARD LANGER gelten CARL ROGERS’ ‚klientenzentrierte Psychotherapie’, eine bedeutende Richtung innerhalb der Humanistischen Psychologie und deren Weiterentwicklung in Deutschland durch ANNE-MARIE und REINHARD TAUSCH als ‚Gesprächspsychotherapie’. Eingeflossen ist auch die von RUTH COHN entwickelte ‚Methode der Themenzentrierten Interaktion’.
„In der Klientenzentrierten Psychotherapie betrachtet und sortiert eine Person – verständnisvoll begleitet von der Therapeutin oder dem Therapeuten – ihre Wahrnehmungen, Fantasien, Gefühle und Gedanken, um realer mit sich, mit anderen und mit der Welt umzugehen. Die Therapeutin oder der Therapeut unterstützt sie bei dieser Suche nach ihrer persönlichen Wahrheit. Da liegt es nahe, auf diesem bewährten Weg auch im wissenschaftlichen Zusammenhang persönliche Wahrheiten und im Leben erprobtes Wissen aufzuspüren.“ (LANGER, 2000, S.9)
In der Geschichte des sozialwissenschaftlichen Interviews stellt KAUFMANN (1999) generell die Tendenz fest, dem Informanten immer mehr Bedeutung zuzubilligen. An die Stelle des Abarbeitens eines Fragebogens, tritt „schrittweise ein immer aufmerksameres Zuhören“, was, auch seiner Ansicht nach, dem Beitrag von CARL ROGERS zu verdanken sei. (S.22)
Der Forschende bietet dem Erzählenden einen Rahmen, der ihm eine Auseinandersetzung mit seinen Gefühlen und Handlungsweisen in einer offenen Atmosphäre ermöglicht, die auch zu einer Selbstklärung führen kann. Dieser Erkenntnisprozess kann aber nur dann wirksam werden, wenn der Zuhörende, also der Forschende, eine Haltung einnimmt, die geprägt ist von Wertschätzung, von Einfühlungsvermögen und Authentizität. Es kann so zwischen den am Gespräch Beteiligten ein Austausch stattfinden, der ihnen das Gefühl vermittelt, „miteinander in Resonanz verbunden zu sein.“ (LANGER, 2000, S.11)
Die auf beiden Seiten wirksam werdende Resonanz verringert die Gefahr einer Verfälschung des Gesagten oder eines Zurückhaltens von Informationen auf Seiten des Erzählenden. Und trotzdem, sagt LANGER, wird in einem gelungenen Gespräch der Forschende immer als Person erscheinen, die auch ihre ganz individuelle Geschichte in diese Begegnung mit einbringt. Er wird somit zwangsläufig auch in gewisser Weise die Richtung mitbestimmen. „Ihre eigene Lebenserfahrung, ihre Möglichkeiten und Grenzen im Verstehen, Annehmen, Geltenlassen sind im Gespräch wirksam“ (S.34).
Die Methode des ‚Persönlichen Gesprächs’ ermöglicht es dem Forschenden im Gegensatz zu stärker strukturierten Interviews, neue Erkenntnisse über den Untersuchungsgegenstand von Gespräch zu Gespräch in die Untersuchung einzubauen. Dadurch kann der Gegenstand erweitert und die folgenden Schritte des Prozesses auch noch verändert werden. So kann sich etwa die Frage nach dem Forschungsschwerpunkt dahingehend verändern, dass Themenbereiche hinzugenommen oder gestrichen werden. Der Forschende hat mit dieser Methode die Freiheit, offen und flexibel auf Veränderungen dieser Untersuchung reagieren zu können, auch offen zu sein für damit zusammenhängende oder davon abhängende eigene Entwicklungen, und diese in seine Untersuchungsplanung mit einzubeziehen. „Die Person, die die Gespräche leitet und führt, ist selbst eine suchende, eine lernende Person in dem Thema. Für sie entwickeln sich im Verlauf der Untersuchung erweiterte Betrachtungsweisen von der Weite und Tiefe des Themas, neue oder veränderte Bezüge und Verflechtungen, sowie Verlagerungen von Schwerpunktsetzungen. Auch die innere Bereitschaft und Fähigkeit der gesprächsleitenden Person, präsent zu sein und aufmerksam zuzuhören, sowie belastende Informationen tragen zu können, werden sich entwickeln. Daher ist zu erwarten, dass sich später geführte Gespräche in Dichte, Tiefe und Prägnanz von den ersten Gesprächen unterscheiden.“ (S.53)
Ziel dieser qualitativen Untersuchung ist nicht, wie bereits am Anfang des Kapitels erwähnt wurde, vorgefasste Hypothesen zu bestätigen oder zu verwerfen. Sie zielt vielmehr darauf ab, Originalität und Individualität des Gesagten zu erhalten und darzustellen, das Wissen voneinander zu vertiefen und den Erzählenden die Möglichkeit zu geben, ihr persönliches Erleben unverfälscht äußern zu können. Der Forschende kann so etwas von der inneren Wahrheit seines Gegenübers erfahren und sie dokumentieren. „Die Leserinnen und Leser einer solchen Zusammenstellung von Ergebnissen lernen verschiedene Betrachtungsmöglichkeiten und persönliche Wahrheiten kennen. Sie können die Mitteilungen in der Untersuchung mit ihren eigenen Lebenserfahrungen in Verbindung bringen, zu der einen oder anderen Person der Untersuchung Nähe oder Befremden empfinden und die Palette der mitgeteilten Versuche, Experimente, Erfahrungen und Schlussfolgerungen auf sich wirken lassen, sowie erwägen, welche dieser Angebote sie in ihre eigenen Lebensexperimente einbauen möchten.“ (S.15)
Das nächste Thema - die Durchführung - ist dann wieder etwas spannender.
Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit.
Kein Zweifel bestand dahingehend, dass für das vorliegende Forschungsvorhaben nur eine qualitative Untersuchungsmethode infrage kommt. Allein schon die nicht repräsentative Stichprobe und deren Größe, die mir mit meinen Mitteln zur Verfügung stand, macht ein quantitatives Verfahren schlecht möglich. Von Stichprobe kann man bei qualitativen Verfahren außerdem gar nicht reden. Interessiert einen Forscher weniger die Verteilung von Merkmalen in der Bevölkerung, sondern warum Menschen bestimmte Verhaltensweisen zeigen, wählt er eine Methode, die ihm „Struktur und Dynamik sozialen Handelns auf der Mikroebene“ erschließt und „einen tiefenscharfen Bildausschnitt liefert.“ (BOCK, 1987, S.92)
Mit Ausnahme der wenigen US-amerikanischen Studien im Swing*rmilieu, die schwerpunktmäßig Paare im Fokus hatten, handelt es sich hier um eine bisher nicht untersuchte Personengruppe. Deshalb gibt es kein wissenschaftliches Material über Frauen, die alleine in Swing*rclubs gehen, und es ist somit kaum möglich, ernsthafte Hypothesen zu formulieren und diese statistisch zu überprüfen. Daran wäre allenfalls nach Abschluss dieser Studie zu denken, wenn sie beispielsweise als Basis für die Entwicklung eines Fragebogens für eine größere und repräsentative Stichprobe herangezogen würde. KLEINING sagt dazu, dass qualitative Forschung in der Forschungspraxis auch früher als quantitative anzusetzen ist. Sie müsse in jedem Fall der quantitativen Forschung vorausgehen, brauche aber nicht von ihr gefolgt zu werden. „Wenn sie einen Gegenstand erklärt, so hilft eine Quantifizierung nicht; erklärt sie ihn nicht, so kann quantitative Forschung den Fehler auch nicht ausgleichen. Qualitative Analysen können also ohne Quantifizierung auskommen. Das Umgekehrte ist nicht der Fall. Die quantitative Forschung braucht die Vorstufe der qualitativen, ohne die sie Gefahr läuft, Sinnlosigkeiten zu produzieren, deren Vermeidung ja gerade die Aufgabe der qualitativen Forschung ist.“ (KLEINING, 1982, S.256)
Allgemeines zur qualitativen Forschung nach KLEINING
Nachfolgend wird der qualitative Forschungsprozess exemplarisch mit seinen Prinzipien und Regeln nach KLEINING skizziert.
Qualitative Sozialforschung ist die Herauslösung und Systematisierung der Entdeckungstechniken aus den Alltagsverfahren: Experimentieren, Beobachten und Befragen. Ihre Hilfswissenschaft ist die Heuristik. „Qualitative Heuristik soll Probleme entdecken und die Verhältnisse aufklären, die zu ihnen führen“ (KLEINING, 1995, S.226). Diese Kernaussage, die die Sozialforschung als „Entdeckungsverfahren“ definiert, erklärt auch die Anwendung qualitativer Methoden für die vorliegende Untersuchung. Ziel ist eben nicht, eine theoretische Annahme zu überprüfen oder bereits bekannte Fakten neu zu interpretieren, sondern einen bislang unbekannten Gegenstand der Wissenschaft zugänglich zu machen, zu „ent-decken“. Die grundsätzliche Basis der Forschung ist dabei der wechselseitige Austausch zwischen dem Forschenden und dem Beforschten.
Die Regeln
Dabei sind vier Regeln zur methodologischen Haltung des Forschenden zu beachten, auf die kurz eingegangen werden soll.
1. Offenheit der Forschungsperson
Der Untersuchende muss sich bewusst sein, dass die eigenen Vorannahmen und theoretischen Konzepte den Blick auf den Forschungsgegenstand beeinflussen und die Akzeptanz von Ergebnissen und Erkenntnissen erschweren können. Krisen können dann eintreten, wenn dem Forscher das Forschungsthema ungeeignet, zu schwer oder auch zu banal vorkommt, oder wenn widersprüchlichen Daten das eigene Selbstverständnis herausfordern. JAEGGI, FAAS UND MRUCK (1998) merken dazu an: „Die Schwierigkeit, eine einmal gefundene ‚schöne’ Gestalt zugunsten einer größeren Erklärungsreichweite wieder aufzugeben, ist verständlich, weil sie meist mit hochkomplexer Gedanken- und Gefühlsarbeit verbunden ist.“ (S.7). Für diesen Fall legt KLEINING nahe, die eigene Einstellung zum Gegenstand offen und kritisch zu überprüfen. (1995, S.231-233)
2. Offenheit des Forschungsgegenstandes
Die entdeckende Forschung geht davon aus, dass der zu beforschende Gegenstand noch nicht bekannt ist, also noch nicht genau festgelegt oder definiert werden kann. Er ist also offen. Explorative Sozialforschung beginnt mit Ideen. Das Vorverständnis, welches nach Regel 1 disponibel gehalten wird, führt nach erfolgreichem Abschluss des Forschungsprozesses dazu, dass der Forschungsgegenstand seine wahre Gestalt zeigt. Dabei kann es vorkommen, dass er sich nicht nur in einem anderen Licht darstellt, sondern gänzlich geändert hat. Der Forschende ist also aufgefordert, der Entwicklung des Forschungsgegenstandes zu folgen und ihn als vorläufig zu begreifen. Mit der fortschreitenden Auswertung wird sich ein zunehmend stärker konturiertes Bild des Gegenstandes einstellen, weil immer mehr Perspektiven berücksichtigt werden (KLEINING, 1995, S.233-236).
3. Maximale strukturelle Variation der Perspektiven
Der Forschungsgegenstand soll nach dieser Regel aus vielen, nicht nur aus gegensätzlichen, sondern möglichst „allen“ Perspektiven betrachtet werden. Diese haben alle die gleiche Wertigkeit. Auch gibt es keine richtigen oder falschen Perspektiven. Die Entdeckung des Gegenstandes hängt maßgeblich davon ab, in welchem Umfang variiert wird. „Wann immer von einem Faktor ein Einfluss auf die Ergebnisse vermutet werden kann, muss dieser Faktor variiert werden“ (KLEINING, 1995A, S.27). Hierbei geht es um die Zusammenstellung von Sichtweisen, die durch die Befragung unterschiedlicher Personengruppen, durch Lektüre, durch Variation in der Struktur der Stichprobe usw. gewonnen werden können. „Ein möglichst breites Spektrum von Gesichtspunkten ist deswegen nützlich, weil es den Weg zur Erkenntnis des Gegenstandes abkürzt und Forschungszeit spart“ (KLEINING, 1995, S.237).
4. Analyse auf Gemeinsamkeiten
Das Finden der Gemeinsamkeiten oder ‚Identitäten’ in den Daten ist der schwierigste Vorgang der qualitativ-heuristischen Forschung, weil es der Alltagspraxis, die auf Erkennen und Bewerten von Unterschieden abzielt, widerspricht. In einem ersten Schritt werden die Daten, deren Erhebung nach Regel 3 maximal variiert wurde, hinsichtlich ihrer Ähnlichkeiten und Analogien gruppiert. Wesen und Struktur des Gegenstandes lassen sich dadurch näher bestimmen. Sind die Gemeinsamkeiten herausgefiltert, wird das Unterschiedliche erkennbar. Besonderheiten fallen nicht aus der Analyse heraus, denn „0% der Informationen dürfen der Analyse widersprechen“ (KLEINING, 1995A, S.33). Identitäten stellen sich durch direkte oder symbolische Übereinstimmung oder durch vollständige Nicht-Übereinstimmung als Gegensatz, Widerspruch oder Negation dar. Formal-logisch ist die Nicht-Übereinstimmung nicht relationsstiftend. Aus diesem Grund bedient sich der Forscher dialektischer Denkweisen. Aktivität und Passivität sind beispielsweise Nicht-Identitäten, gehören aber beide zu einer Dimension.
Die Prinzipien
Über diese vier Regeln hinaus beschreibt KLEINING Prinzipien, die den Prozess viel mehr in seiner Dynamik darstellen.
Das Dialogkonzept
Das Dialogkonzept beschreibt eine Frage-Antwort-Abfolge, bei deren Wechselspiel zwischen Subjekt und Objekt Information verlangt, erhalten, aufgenommen, bewertet, verarbeitet und an das Gegenüber zurückgegeben wird. Fragen und Antworten gehen aus einander hervor, führen den Gedanken fort, und eine neue Einheit entsteht aus einer früheren. Die Gesprächspartner sind gleichwertig, da sich die Rollen fortwährend ändern: Auf eine Frage erfolgt eine Antwort, aus deren Kontext sich die nächste ergibt. „Dadurch schreitet der Gedanke fort, weil Antwort gleichzeitig Frage und Frage gleichzeitig Antwort ist, er entwickelt sich, hat am Ende einen anderen Charakter als zu Beginn“ (KLEINING, 1995A, S.36). Das Dialogkonzept schließt ein, dass der Forscher sein Vorverständnis laufend anpassen muss, wodurch die Offenheit gegenüber dem Forschungsgegenstand gefördert wird. Durch anhaltende Anpassung tastet sich der Forscher zur Struktur des Objektes vor. Dabei sollen unerwartete und ungewöhnliche Informationen besonders willkommen sein, da sie eine Diskrepanz zwischen dem Vorverständnis des Forschenden und der Struktur des Gegenstandes aufzeigen, und somit einen Hinweis dafür bieten, wo das „Wissen“ zu verändern oder zu erweitern ist. Das Dialogkonzept führt dazu, dass sich die Struktur des Forschers schrittweise an die des Gegenstandes annähert.
Zirkularität
„Zirkulär ist eine Denkweise, wenn sie zur Erzielung eines Resultates dieses Resultat schon voraussetzt. Zirkulär ist eine Strategie, wenn sie zum Ausgangspunkt zurückführt. Qualitative Sozialforschung ist in beidem Sinne zirkulär“ (KLEINING, 1995A, S.39). Suchprozesse werden durch Antizipation von Ergebnissen in Gang gesetzt. Hierbei handelt es sich um systematisches Suchen nach Strukturelementen und Teilrelationen, deren Vollständigkeit durch die maximale strukturelle Variation der Perspektiven gewährleistet wird. Der Suchprozess kann an beliebiger Stelle begonnen werden, da zwingend alle Daten aufgeklärt werden müssen. Nach der Entdeckung aller Strukturelemente kommt der Forschende zwangsläufig wieder am Ausgangspunkt an. „Das Ende der Analyse ist erreicht, wenn durch weitere Variation der Perspektive neue Daten nicht mehr erzielbar sind und alle Informationen in den Strukturzusammenhang sich einfügen“ (KLEINING, 1995A, S.40). Der Forschungsgegenstand stellt sich erneut dar, „aber in einem neuen Licht, nämlich im Gesamtbezug.“ (ebd.)
Totalität
Totalität beschreibt das Verhältnis aller Teile zum Ganzen. „Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile, nämlich nicht nur deren bloße Addition, aber die Teile sind auch mehr als nur Elemente oder Fragmente, nämlich Teile eines Ganzen“ (KLEINING, 1995A, S.41). In der qualitativen Sozialforschung ist mit Totalität ein Prozess gemeint, der aus Teilen besteht und auf Teile zurück wirkt, die sich daraufhin in neuem Licht oder neuer Gliederung darstellen. „Die Teile als Teile des Ganzen am Ende einer Analyse sind zwar Teile, aber nicht notwendigerweise dieselben Teile wie zu Beginn. Man könnte sagen, am Ende sind es die ‚richtigen’ Teile, die sich aus der Struktur des Ganzen ergeben und es formen.“ (ebd.)
Der Objektivitätsbegriff
Objektivität entsteht erst im Verlauf des Forschungsprozesses. Zu Beginn ist die Forschung subjektiv, da der Forscher zwar Teile der Realität erfasst, welche aber beliebig von ihm ausgewählt werden. Erst der erfolgreiche Abschluss der Analyse deckt die Struktur des Forschungsgegenstandes auf und ist intersubjektiv, d.h. unabhängig von der subjektiven Meinung des Forschers und aller anderen Subjekte. Objektivität in der qualitativen Sozialforschung ist demnach nicht außersubjektiv, sondern im speziellen Forschungsgegenstand enthalten.
Die Forschungsstrategien
Durch drei heuristische Strategien wird der Gang der Forschung gesteuert: Sie finden erst im Verlauf des Forschungsprozesses ihre Anwendung, wenn erste Daten und Analyseteile bereits vorliegen.
Maximierung – Minimierung
Die Strategie der Maximierung / Minimierung passt den Aktivitätsgrad eines experimentellen Verfahrens an und zielt darauf ab, Besonderheiten des Datenmaterials und die Verhältnisse, die sie zu bestimmen scheinen, zu erkunden. Dies geschieht je nach Forschungslage durch allmähliche Verstärkung oder/und allmähliche Reduzierung. Forschendes Handeln wird intensiviert, das Vorgehen wird vielleicht vorsichtig unkonventioneller, oder der Forschende nimmt sich selbst zurück. (KLEINING, 1995, S.264)
Testen der Grenzen
Jeder soziale Forschungsgegenstand hat „seinen Ort“ und „seine Zeit“, das heißt er ist gesellschaftlich und historisch. ‚Testen der Grenzen’ bezeichnet also die Bestimmung des Bereichs, dem der Forschungsgegenstand zugehört und berücksichtigt soziale und gesellschaftliche Umstände. (KLEINING, 1995, S.265)
Anpassung der Gedanken an die Tatsachen
Die Formulierung „Anpassung der Gedanken an die Tatsachen“ stammt von ERNST MACH (vgl. MACH, 1980). Ebenso wie in den Regeln 1 und 2 geht es hier um „Offenheit“, nicht aber um die dort beschriebene allgemeine Offenheit, sondern um die Offenheit, die gefordert ist, wenn bei Besonderheiten die allgemeine Offenheit nicht mehr ausreicht. Die Idee, die dieser Strategie zugrunde liegt, besagt, dass im Subjekt-Objekt-Verhältnis eine Veränderung eintritt, wenn sich der Forschende auf den Forschungsgegenstand zu bewegt.
Wahl des Forschungsinstruments
Die Wahl des Forschungsinstruments innerhalb der qualitativen Methode stellte sich zunächst nicht so einfach dar, denn eine Fülle an strukturierten und weniger strukturierten Interviewtypen steht zur Auswahl. Nach eingehendem Studium wurde speziell für dieses Thema schließlich das ‚Narrative Interview’, das ‚Tiefeninterview’, und die Methode ‚Das Persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung’, in die engere Auswahl genommen. Letztgenannte Methode wurde von Professor INGHARD LANGER an der Universität Hamburg entwickelt.
Das narrative Interview
Das narrative Interview wurde maßgeblich von SCHÜTZE (1978) im Zusammenhang mit lebensgeschichtlichen Fragestellungen entwickelt und ist die zentrale Methode in der Biografieforschung. (LAMNEK, 1995, S.71) Oftmals werden die Begriffe narratives Interview und biografisches Interview identisch benutzt.
Für das narrative Interview spricht vor allem, dass es im Vergleich zu anderen Befragungsmethoden offener ist, sowohl für den Interviewer als auch die Befragten. Es ist möglich, zusätzliche Informationen über die Befragten zu gewinnen, die man durch standardisierte Befragungen oft nicht erhalten kann. Diese zusätzlichen Informationen sind vor allem solche, an die man bei der Konzeption nicht von vorne herein dachte. Vor allem ganz spezifische und individuelle Probleme der Befragten können damit sichtbar gemacht werden. Das bereits angesprochene Prinzip der Offenheit fordert ja, die theoretische Strukturierung des Forschungsgegenstandes zurückzustellen, bis sich diese durch die Forschungssubjekte selbst herausgebildet hat. Hier besteht natürlich die Gefahr, sich vor und auch während der Forschungssituation zu wenig Gedanken über die Strukturierung beziehungsweise Hypothesenbildung zu machen, da diese sich mehr oder weniger durch die Befragten selbst ergeben soll.
Beim narrativen Interview sollen möglichst wenige Fragen gestellt werden, vielmehr sollen die Befragten dazu gebracht werden, von sich aus zu erzählen. Den Anstoß dazu bildet die sogenannte ‚erzählgenerierende’ Frage. Ihrer Formulierung wird große Bedeutung beigemessen, denn sie soll der einzige Erzählanstoß hinsichtlich der Forschungsfrage bleiben. (GLADZIEJEWSKI, 2003, S.21) Der Interviewer hat im weiteren Verlauf maximal die Funktion eines Stichwortgebers oder muss eventuell durch eingestreute Fragen dafür sorgen, dass der Erzählfluss nicht abreißt und die Befragten nicht allzu sehr vom Thema abweichen. Zur eigenen Vorbereitung kann es zwar sinnvoll sein, einen Fragenkatalog zu erstellen, doch soll dieser nicht standardmäßig oder gar in einer bestimmten Reihenfolge durchgegangen werden, denn die logische Struktur des Interviewers unterscheidet sich von der der Befragten.
Die Methode des narrativen Interviews bringt den Erzählenden dazu, immer neue Informationen mitzuteilen. Während des Erzählens ist es nur schwer möglich, bestimmte Aspekte der Geschichte auszulassen oder entscheidend zu verändern, ohne dass dies zu Unstimmigkeiten führt. Aus diesem Grund kommen sozial unerwünschte oder tabuisierte Handlungen, die den Erzählenden peinlich berühren auch leichter zur Sprache. (LAMNEK, 1995, S.72).
Das Tiefeninterview
Für das Tiefeninterview spricht, dass unbewusste und nur schwer erfassbare Motive und Einstellungen untersucht werden können. Bei dieser Variante des Interviews wird versucht, Bedeutungsstrukturen zu ermitteln, die dem Befragten möglicherweise selbst nicht bewusst sind, beziehungsweise die er nicht klar artikulieren kann. (LAMNEK, 1995, S.81) „Das Tiefeninterview ist ein langes und intensives Gespräch zwischen Interviewer und Befragten über vorgegebene Themen, das der Interviewer in weitgehend eigener Regie so zu steuern versucht, dass er möglichst alle relevanten Einstellungen und Meinungen der befragten Person zu diesen Themen erfährt, auch wenn es sich um Aspekte handelt, die der befragten Person bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht klar bewusst waren.“ (SALCHER, 1995, S.44).
Dies geschieht auf der Basis theoretischer Vorstellungen des Forschers. Zumeist ist dies die Psychoanalyse. (LAMNEK, ebd.) Es geht dabei darum, qualitative empirische Forschung mit einer psychoanalytisch-hermeneutischen Verstehensweise zu kombinieren, um die psychosoziale Dimension herauszuarbeiten. (BOCK, 1987, S.90) Das setzt allerdings einen gut geschulten Interviewer voraus, der versucht, an diese tiefer liegenden Informationen zu gelangen, indem er das Gespräch durch bestimmte Techniken unauffällig lenkt, um dadurch psychologische Zusammenhänge aufzuklären und Ursachen für Verhalten, Motive und Einstellungen zu finden. Dadurch, dass der Interviewer mit seinen Warum-Fragen immer tiefer gehen kann, gestattet das Tiefeninterview, nach Dingen zu fragen, die man zum Zeitpunkt der Fragestellung noch gar nicht kannte.
Ein weiteres Problem kann das Tiefeninterview lösen oder reduzieren: Das Ausweichen des Befragten oder die Antwortverweigerung bei unangenehm erlebten Fragen oder bei befürchteter Bloßstellung. Beim sensiblen Themenbereich Sexualität wird eine direkte Fragestellung möglicherweise als zu hart oder provokativ empfunden, sodass die Befragten vielleicht kaum eine ehrliche und offene Antwort geben. Dieses Problem wäre im Rahmen einer tiefenpsychologischen Gesprächsführung stark reduziert. Durch die Möglichkeit, sich durch bestimmte Techniken an ein Thema heranzutasten, sich einem intimen Problem auf mehreren Wegen zu nähern, oder auf einen kritischen Aspekt an mehreren Stellen zu sprechen zu kommen, könnten vielleicht auch dort ehrliche Antworten erzielt werden, wo man dies mit anderen Forschungsmethoden nicht erreichen kann.
So angemessen das klingt, musste ich mir jedoch eingestehen, dass ich zum einen weder die Schulung habe, die mich in die Lage versetzen würde, die dafür notwendigen Fragetechniken souverän anzuwenden, noch die tiefenpsychologische beziehungsweise psychoanalytische Ausbildung, auf deren Grundlage die verbalen Daten anschließend analysiert werden. Zum anderen hätte es einer stärker eingegrenzten und noch gezielteren Fragestellung beispielsweise hinsichtlich der Motive bedurft.
Das ‚Persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung’
Für das ‚Persönliche Gespräch’ spricht vor allem das dahinter stehende Wissenschafts- und Menschenbild, ein nicht unerheblicher Aspekt, wenn das Erleben und Verhalten von Frauen erhoben und wissenschaftlich auswertbar beschrieben werden soll, die – zumindest aus gesellschaftlicher Perspektive gesehen – eher ungewöhnliche Wege beschreiten, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Denn im Mittelpunkt steht hier zuerst einmal die Sensibilität des Themas. „In sexualwissenschaftlichen Studien hängt die Qualität der Daten in entscheidender Weise davon ab, inwieweit es gelingt, in der Erhebungssituation eine belastbare Arbeitsbeziehung zu dem Interview-Partner oder der Interview-Partnerin aufzubauen und ihn oder sie für eine Mitarbeit zu gewinnen. Niemand wird freimütig, offen und wahrhaftig sein (oder ihr) sexuelles Erleben im Interview preisgeben, der unsicher ist, wem gegenüber er diese Angaben macht und was damit geschieht; niemand der sich sorgt, ob sein Bericht über (...) das sexuelle Verhalten (...) der ‚Norm’ entspricht und möglicherweise als abnorm abqualifiziert zu werden Gefahr läuft; niemand, der Bloßstellung oder auch nur verlegene Reaktionen des Befragers befürchtet.“ (AHLEMEYER, 2002, S.38).
Die Methode des ‚Persönlichen Gesprächs hat Ähnlichkeiten mit eher unstrukturierten Interviews, wie den bereits erwähnten Interviewtypen, wobei LANGER deutlich zwischen Interview und Gespräch unterscheidet. Ein Interview ist durch eine eindeutige Rollenverteilung gekennzeichnet. Der Interviewer fragt sachlich-neutral, hält sich mit eigenen Anmerkungen zurück und ist maximal Stichwortgeber. Die andere Person gibt darauf bezogene Informationen. Dadurch bleibt die das Interview führende Person ihrem Gegenüber eher fern und verschlossen. „Jegliche persönliche Preisgabe von Seiten der interviewführenden Person gilt als Beeinflussung der erzählenden Person und damit als potentielle Verfälschung dessen was sie ‚ursprünglich’ erzählen wollte oder sollte. Eine so strukturierte Situation zwischen zwei Menschen begrenzt jedoch die Möglichkeiten eines vertrauten Austausches in starkem Maße.“ (LANGER, 2000, S.32).
Im persönlichen Gespräch dagegen wird versucht, diese Rollenverteilung aufzuheben. Das Ziel ist ein gleichberechtigtes persönliches Gespräch im vertrauensvollen Kontext und ein einfühlsames Verstehen des Gesprächspartners. Dieser erhält möglichst viel Freiraum, um auf ihm wichtige Aspekte eingehen zu können. Der Wissenschaftler selbst ist in diesem Setting ein Lernender mit einer wertschätzenden offenen Grundhaltung. Er wird trotzdem versuchen, möglichst wenig Fragen zu stellen, um dem Gegenüber viel Freiraum zu ermöglichen, die durchlebten Erfahrungen zu reflektieren.
Mitentscheidend für die Wahl des ‚Persönlichen Gesprächs als Weg in der psychologischen Forschung’ ist auch die integrierte praktische Anleitung für das Erstellen einer Forschungsarbeit. „Die vorliegende Darstellung (...) ist so aufgebaut, dass sie von Studierenden auch als ‚Anleitung zu Forschungsuntersuchungen von Gesprächen’ genutzt werden kann“ (S.10). Die Methode ist also weit mehr als ein Forschungsinstrument. Es handelt sich um eine komplette Methode, die sich stark am Rahmen und an den Möglichkeiten einer Diplomarbeit orientiert. Wie im eingangs skizzierten Prozess nach KLEINING bereits anklingt, ist im Bereich qualitativer Forschung nach JAEGGI et al. „eine Tendenz zur Verregelung zu verzeichnen.“ (1998, S.3)
Darstellung der Methode: Das Persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung (LANGER)
Als Wegbereiter der Methode des ‚Persönlichen Gesprächs’ nach INGHARD LANGER gelten CARL ROGERS’ ‚klientenzentrierte Psychotherapie’, eine bedeutende Richtung innerhalb der Humanistischen Psychologie und deren Weiterentwicklung in Deutschland durch ANNE-MARIE und REINHARD TAUSCH als ‚Gesprächspsychotherapie’. Eingeflossen ist auch die von RUTH COHN entwickelte ‚Methode der Themenzentrierten Interaktion’.
„In der Klientenzentrierten Psychotherapie betrachtet und sortiert eine Person – verständnisvoll begleitet von der Therapeutin oder dem Therapeuten – ihre Wahrnehmungen, Fantasien, Gefühle und Gedanken, um realer mit sich, mit anderen und mit der Welt umzugehen. Die Therapeutin oder der Therapeut unterstützt sie bei dieser Suche nach ihrer persönlichen Wahrheit. Da liegt es nahe, auf diesem bewährten Weg auch im wissenschaftlichen Zusammenhang persönliche Wahrheiten und im Leben erprobtes Wissen aufzuspüren.“ (LANGER, 2000, S.9)
In der Geschichte des sozialwissenschaftlichen Interviews stellt KAUFMANN (1999) generell die Tendenz fest, dem Informanten immer mehr Bedeutung zuzubilligen. An die Stelle des Abarbeitens eines Fragebogens, tritt „schrittweise ein immer aufmerksameres Zuhören“, was, auch seiner Ansicht nach, dem Beitrag von CARL ROGERS zu verdanken sei. (S.22)
Der Forschende bietet dem Erzählenden einen Rahmen, der ihm eine Auseinandersetzung mit seinen Gefühlen und Handlungsweisen in einer offenen Atmosphäre ermöglicht, die auch zu einer Selbstklärung führen kann. Dieser Erkenntnisprozess kann aber nur dann wirksam werden, wenn der Zuhörende, also der Forschende, eine Haltung einnimmt, die geprägt ist von Wertschätzung, von Einfühlungsvermögen und Authentizität. Es kann so zwischen den am Gespräch Beteiligten ein Austausch stattfinden, der ihnen das Gefühl vermittelt, „miteinander in Resonanz verbunden zu sein.“ (LANGER, 2000, S.11)
Die auf beiden Seiten wirksam werdende Resonanz verringert die Gefahr einer Verfälschung des Gesagten oder eines Zurückhaltens von Informationen auf Seiten des Erzählenden. Und trotzdem, sagt LANGER, wird in einem gelungenen Gespräch der Forschende immer als Person erscheinen, die auch ihre ganz individuelle Geschichte in diese Begegnung mit einbringt. Er wird somit zwangsläufig auch in gewisser Weise die Richtung mitbestimmen. „Ihre eigene Lebenserfahrung, ihre Möglichkeiten und Grenzen im Verstehen, Annehmen, Geltenlassen sind im Gespräch wirksam“ (S.34).
Die Methode des ‚Persönlichen Gesprächs’ ermöglicht es dem Forschenden im Gegensatz zu stärker strukturierten Interviews, neue Erkenntnisse über den Untersuchungsgegenstand von Gespräch zu Gespräch in die Untersuchung einzubauen. Dadurch kann der Gegenstand erweitert und die folgenden Schritte des Prozesses auch noch verändert werden. So kann sich etwa die Frage nach dem Forschungsschwerpunkt dahingehend verändern, dass Themenbereiche hinzugenommen oder gestrichen werden. Der Forschende hat mit dieser Methode die Freiheit, offen und flexibel auf Veränderungen dieser Untersuchung reagieren zu können, auch offen zu sein für damit zusammenhängende oder davon abhängende eigene Entwicklungen, und diese in seine Untersuchungsplanung mit einzubeziehen. „Die Person, die die Gespräche leitet und führt, ist selbst eine suchende, eine lernende Person in dem Thema. Für sie entwickeln sich im Verlauf der Untersuchung erweiterte Betrachtungsweisen von der Weite und Tiefe des Themas, neue oder veränderte Bezüge und Verflechtungen, sowie Verlagerungen von Schwerpunktsetzungen. Auch die innere Bereitschaft und Fähigkeit der gesprächsleitenden Person, präsent zu sein und aufmerksam zuzuhören, sowie belastende Informationen tragen zu können, werden sich entwickeln. Daher ist zu erwarten, dass sich später geführte Gespräche in Dichte, Tiefe und Prägnanz von den ersten Gesprächen unterscheiden.“ (S.53)
Ziel dieser qualitativen Untersuchung ist nicht, wie bereits am Anfang des Kapitels erwähnt wurde, vorgefasste Hypothesen zu bestätigen oder zu verwerfen. Sie zielt vielmehr darauf ab, Originalität und Individualität des Gesagten zu erhalten und darzustellen, das Wissen voneinander zu vertiefen und den Erzählenden die Möglichkeit zu geben, ihr persönliches Erleben unverfälscht äußern zu können. Der Forschende kann so etwas von der inneren Wahrheit seines Gegenübers erfahren und sie dokumentieren. „Die Leserinnen und Leser einer solchen Zusammenstellung von Ergebnissen lernen verschiedene Betrachtungsmöglichkeiten und persönliche Wahrheiten kennen. Sie können die Mitteilungen in der Untersuchung mit ihren eigenen Lebenserfahrungen in Verbindung bringen, zu der einen oder anderen Person der Untersuchung Nähe oder Befremden empfinden und die Palette der mitgeteilten Versuche, Experimente, Erfahrungen und Schlussfolgerungen auf sich wirken lassen, sowie erwägen, welche dieser Angebote sie in ihre eigenen Lebensexperimente einbauen möchten.“ (S.15)
Das nächste Thema - die Durchführung - ist dann wieder etwas spannender.
Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit.
Eugene Faust - 16. Sep, 00:01
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